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Lenin in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Thomas Aurin

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Wladimir Iljitsch Uljanow (1870-1924), genannt Lenin, ist eine unsterbliche russische Revolutionsikone, einbalsamiert und zur Schau gestellt in einem Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau. Man kann sein Konterfei auf T-Shirts kaufen, es ziert Fahnen und Bücher. Ähnliche Popularität genießen nur noch Männer wie Mao Zedong, Hồ Chí Minh oder Che Guevara. Alle samt Pop-Ikonen der kommunistischen Weltrevolution. Lenin könnte man aber als deren Vater bezeichnen. Der nach ihm benannte Leninismus ist eine an die Gegebenheiten des zaristischen Russlands angepasste Variante der politisch-ökonomischen Lehren von Karl Marx. Nach Lenins Tod nannte es sein Nachfolger Stalin dann auch ganz pragmatisch Marxismus-Leninismus. Bestimmend für diese Weltanschauung ist die Führung einer sogenannten kommunistischen Partei neuen Typus.
Letztendlich kann man diese Parteiideologie auch als einen wissenschaftlich verbrämten Personenkult bezeichnen, womit wir dann wohl auch beim Thema des Theaterabends Lenin, den der Schweizer Recherchetheatermacher Milo Rau für die Schaubühne am Lehniner Platz inszeniert hat, wären.

Pünktlich zum 100. Jahrestag der von Lenin mitinitiierten Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Russland widmet man sich also an der Schaubühne - nach einem Ausflug in die Ursachen des Niedergangs der europäischen Linken mit der Ostermeier-Adaption von Didier Eribons vieldiskutiertem Sachbuch Rückkehr nach Reims - nun den Anfängen des Umsturzes bürgerlich- kapitalistischer Regierungssysteme und der Machtergreifung marxistisch-leninistischer Diktaturen des Proletariats. In Russland musste im Februar 1917 der Zar infolge einer bürgerlichen Revolution abdanken. Es kam zunächst zu einer Doppelherrschaft von Parlament (Duma) und Arbeiter- und Soldatenräten (Sowjets). Für Herbst war die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung geplant. Im Oktober stürzten dann aber bewaffnete Teile der Sowjets unter der Führung der Bolschewiki die provisorische Kerenski-Regierung und ergriffen die Macht. Über die Fakten im Hintergrund des Streits um den Austritt Russlands aus dem Ersten Weltkrieg kann man viel diskutieren. Der revolutionären Situation in Russland gilt hier aber nicht vorrangig das Interesse Milo Raus.

*

Das Stück setzt erst wesentlich später kurz vor Lenins Tod ein. Auf einer Datscha vor Moskau siecht der durch einen Schlaganfall gezeichnete Revolutionsführer vor sich hin. Auf der Bühne ist dazu eine recht detailgetreue Nachbildung des Hauses mit mehreren Zimmern und Veranda gebaut. Zwei Live-Kameramänner verfolgen das Geschehen im Inneren des sich beständig drehenden Bühnenbilds. Das Schaubühne-Ensemble sitzt am Beginn noch außerhalb auf Stühlen vor Schminktischen und lässt sich für den Abend vorbereiten. Eine kleine Einführung gibt der in Österreich geborene Schauspieler Felix Römer. Im breiten Wienerisch erzählt er über seinen Vater, der Trotzkist war und ihm ein Buch Trotzkis zum Lesen gab, was ihn bis heute tief beeindruckt. Römer wird an diesem Abend den Parteigenossen Lenins und Mitbegründer der Roten Armee spielen. Er referiert noch eine wenig über Wiener Kaffeehauskommunisten und dass Trotzki ja in Wien im Exil und viel im Theater war.

Dagegen setzt der in Quedlinburg geborene Schauspieler Kay Bartholomäus Schulze (hier Lenins Leibarzt) die Verwunderung über die Leute im Westen, für die Lenin und Trotzki immer noch Idole sein können. Irgendwie beneidet er sie auch dafür, aber „ich hab’s 23 Jahre lang erlebt, den real existierenden Sozialismus und am Ende diese bleierne Schwere, das reicht mir!“ Damit sind zwei Positionen gesetzt, die nicht unbedingt ein reines Ost-West-Ding sind. Die Zu- und Abneigung gegenüber kommunistischen Thesen dürfte heute relativ gleich verteilt sein. Zwischen den beiden Darstellern sitzt Ursina Lardi. Sie wird Lenin verkörpern, zunächst noch ungeschminkt, später in realistischer Maske mit Spitzbart und Halbglatze. Das wächserne Gesicht der Revolution. Oder wie es Schulze von einem Besuch des Leninmausoleums berichtet, ein Heiligenbild, eine umstrahlte Ikone.



Ursina Lardi als Lenin von Milo Rau & Ensemble | Foto (C) Florian Baumgarten


Der Abend beschreibt nun fast minutiös die fortschreitende Isolierung und beginnende Ikonisierung der Person Lenins und die Gleichschaltung eines ganzen Weltanschauungsapparats durch die Perfidie seines plumpen Nachfolgers Stalin (dargestellt von Damir Avdic), der später diesen Personenkult mit der Einbalsamierung Lenins beginnt und systematisch auf sich ausweitet, indem er alle weiteren Figuren aus dem Kreise Lenins kaltstellt, umbringen lässt und so nach und nach zu Randfiguren der Geschichte degradiert. Bemerkenswert hier sein Auftritt bei Lenins Frau (Nina Kunzendorf), der er ins Gesicht und die Augen greift, wie als wolle er plastisch die Einbalsamierung Lenins erklären. Eine brutale Besitzerklärung, ein Ansichreißen des Erbes noch zu Lebzeiten. Lenin bekommt keine Sitzungsprotokolle mehr, das Telefon ist abgeschaltet, und der Revolutionsführer wird rund um die Uhr bewacht. In einem Totenhaus der Revolution, das wie ein düsteres Spukfilmhaus seine Runden dreht.

Diese bleierne Schwere und Agonie der Szene überträgt sich natürlich auch unweigerlich auf das Publikum, das damit je nach eigener Konditionierung umgehen muss. Wer sich für das genaue Beobachten und Zuhören entscheidet, wird einiges Interessanten finden können, was in der Geschichte politische Machtapparate aller Couleur auszeichnet, verurteilt zum Siegen oder Scheitern zu müssen, zwischen Opportunismus, Kadavergehorsam, Brutalität und Gewissenlosigkeit. Der drohende körperliche Verfall Lenins geht mit einer Verzweiflung einher, etwas nicht beenden zu können, was man einmal angefangen hat. Ursina Lardi spielt ihren Lenin mal herrisch, abweisend und dann wieder anhänglich gegenüber seiner Frau, im Wissen, sich gegen das Ende nicht mehr wehren zu können. Neben ihm Komparsen, Bürokraten und Schlächter im Namen des „Neuen Menschen“. Die Totengräber einer Idee. Ein Riss trennt immer noch oben und unten, die politischen Eliten vom Volk. „Die Revolution hat und nichts gebracht. Die Menschen sind nur noch dreckiger und gemeiner geworden.“ sagt Lenins Leibwächter (Konrad Singer).

Mit aus verschiedenstem Recherchematerial destillierten Gesprächen und einzelnen Monologen baut Rau einen Tag, an dem der Kopf der Revolution dahindämmert und schlussendlich nach einer letzten Rede an die Umstehenden, in der er noch mal Bourgeoisie und „sogenannte Demokraten“ geißelt, zusammenbrechend über der Kloschüssel landet. Eine Ansprache an die Arbeiter, zu denen die Linke heute mehr denn je den Kontakt verloren hat. Das Ergebnis ist bekannt. Dazu lässt Rau viel Bach spielen, leise grollt Donner im Hintergrund, und das Ende markiert "Who by Fire" von Leonard Cohen, ein Song über verschiedene Todesarten, inspiriert von einem jüdischen Gebet. Nichts ist hier Zufall, alles funktioniert als Kommentar oder Spiel mit den Mitteln des Films und Theaters.

„Wie würden sie Lenin darstellen?“ fragt Lardis Lenin einmal den Volkskommissar für Bildung Lunatscharski (Ulrich Hoppe). Ob nun als Mensch oder Ikone, die Inszenierung wird Lenin nicht vom Thron der geschichtlichen Verklärung stoßen können. Rau will sich auch nicht generell von den Zielen einer politischen Revolution verabschieden, sondern laut Programmbuch alles in einen größeren Zusammenhang setzen. Dazu gibt es weitere Veranstaltungen wie das von ihm Anfang November in der Schaubühne geplante Weltparlament „General Assembly“ oder ein Reenactment des Sturms auf das Winterpalais auf dem Platz vor dem Deutschen Bundestag. Wie man heute revolutionär denken und handeln könnte, verrät der Abend nicht. Das Sterben oder Weiterleben von Utopien dürfte davon auch weitestgehend unberührt bleiben.



Lenin in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Thomas Aurin

Stefan Bock - 23. Oktober 2017
ID 10333
LENIN (Schaubühne am Lehniner Platz, 21.10.2017)
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüme: Anton Lukas und Silvie Naunheim
Video: Kevin Graber
Dramaturgie: Stefan Bläske, Florian Borchmeyer und Nils Haarmann
Recherche: Gleb J. Albert
Licht: Erich Schneider
Mit: Damir Avdic, Veronika Bachfischer, Iris Becher, Ulrich Hoppe, Nina Kunzendorf, Ursina Lardi, Felix Römer, Kay Bartholomäus Schulze, Konrad Singer und Lukas Turtur
Uraufführung war am 19. Oktober 2017.
Weitere Termine: 23., 24.10. / 04., 05., 16., 17., 18., 19.11.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de


Post an Stefan Bock

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