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41. Mülheimer Theatertage

Gefangene der Selbstreflexion

ZWEITE ALLGEMEINE VERUNSICHERUNG
von Felicia Zeller


Bewertung:    



Kein Ziel ist in Sicht. Lustvolle Lamentos werden selbstmitleidlos hinausposaunt. Obwohl sich die Figuren immerfort bewegen, kommen sie nicht voran. Ein Quintett aus geschmackvoll ausstaffierten Figuren suhlt sich anderthalb Stunden in Selbstbespiegelungen. Grausam sind die Klagen über die nicht enden wollenden Klage. Es herrscht Verzweiflung ob der Verzweiflung. Jeder Gedanke bietet Anlass zur Selbstkritik. Zwanghaft wird gegrübelt. Außenseiter schließen sich gegenseitig aus. Die fünf Jammergestalten sind in der Midlife-Crisis oder wenigstens in ihrer jeweiligen Sinnkrise. Trunken vor Trägheit und seelischer Abwesenheit wiederholen sich die unguten Denkstrukturen der manischen Akteure, auf der die Textfläche gleichmäßig verteilt scheint. Genüsslich kreisen die Gedanken um das jeweils eigene Ego. Die selbstvergessenen Worte laufen ins Leere, da keine Kommunikation zustande kommt. Die Klagen über die Nichtigkeit des eigenen Lebens nehmen trotzdem kein Ende.

Felicia Zeller arbeitet in ihrem jüngsten Stück Zweite allgemeine Verunsicherung wieder mit dem Motiv der Wiederholung - wie bereits in ihrem gefeierten und mehrfach ausgezeichneten Drama X-Freunde von 2012. Die Uraufführung der jungen Regisseurin Johanna Wehner am Schauspiel Frankfurt wurde nun zu den Mülheimer Theatertagen „Stücke 2016“ ins Studio der Stadthalle Mülheim eingeladen.

*

Fünf anonym bleibende Figuren taumeln, schwanken und stolpern. Sie bewegen sich auf unsicherem Terrain, denn im Boden eröffnen sich Unebenheiten, Durchschlupfe, Luken und Gitter. Über ihnen birgt sich ein pompöses, tunnelartiges Eisengerüst. Von der Decke hängt ein ramponierter Kronleuchter, und auf dem Boden liegen ein Wasserkocher, Eimer und verschiedene andere Requisiten verteilt, deren Bedeutung für den Stückverlauf unklar bleibt. Auch das Bühnenbild von Volker Hintermeier zeichnet sich somit durch Unentschiedenheit aus. Neonröhren flackern, zischeln, blitzen, zucken und röcheln gefährlich. Immer wieder erschrecken die Akteure hysterisch kreischend, wenn schlagartig ein geräuschvoll inszenierter Stromausfall zutage tritt. Dann stehen sie abrupt im Zwielicht - kurz wird es ganz dunkel, dann wieder hell. Es herrscht eine Endzeitstimmung.

Garderobentechnisch eint die fünf Ratlosen eine glamouröse und arglose Deplatziertheit (Kostüme: Ellen Hofmann). Verena Bukal trägt ein gelbes Paillettenkleid und einen meterlangen, blonden Zopf, Constanze Becker ein ausladendes Tüllkleid mit gewaltiger Schleppe, Till Weinheimer eine Glitzerjacke und groteske Hasenzähne, Martin Rentzsch eine Varieté-Robe und Vincent Glander einen Pelzmantel. Die glamourösen Anti-Helden entschuldigen sich fortwährend für eigene Unzugänglichkeiten, ohne dass eine Handlung zustande kommt. Vom roten Teppich, einer Preisverleihung oder den Bottroper Powertagen ist stets vor allem die Rede. Im redseligen und selbstvergessenen Alltagsgeplapper herrscht jedoch Ratlosigkeit. Trotz ihrer gedanklichen Irrungen und Wirrungen bilden die Fünfe im Stückverlauf bald eine Reihe und andere choreographische Formationen, was den haltlosen Redefluss grausamer Selbstbespiegelungen effektvoll lockert.

Zellers Figuren sind in einer Lethargie gefangen, wenn sie fortwährend die Nichtigkeit ihres eigenen Lebens beklagen, an Floskeln haften oder assoziativ an Gesagtes anknüpfen. Zweite allgemeine Verunsicherung handelt von Ratlosigkeit und der Erschöpfung der verunsicherten Generation Selfie unserer Zeit, dem letzten Ehrgeiz und der Verzweiflung, im eigenen Leben überleben zu wollen, ohne wirklich einen tragenden Sinn zu sehen. Zellers kopflastiges und selbstreflexives Autorenstück erinnert an Peter Handkes jüngst im Berliner Ensemble uraufgeführtes Drama Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße, in dem auch eine Figur möglicherweise stellvertretend für den Stückautor suchend auf seinem Weg stehen bleibt und in haltlosen Selbstbespiegelungen unterzugehen droht. Johanna Wehners Inszenierung von Zweite allgemeine Verunsicherung ist jedoch nicht zuletzt aufgrund des reizvollen Dekors, packenden Wortwitzes und der darstellerischen Ensembleleistung deutlich unterhaltsamer.



Zweite allgemeine Verunsicherung am Schauspiel Frankfurt | Foto (C) Birgit Hupfeld

Ansgar Skoda - 27. Mai 2016
ID 9338
ZWEITE ALLGEMEINE VERUNSICHERUNG (Stadthalle Mülheim, 17.05.2016)
Regie: Johanna Wehner
Bühne: Volker Hintermeier
Kostüme: Ellen Hofmann
Musik: Joachim Schönecker
Dramaturgie: Henrieke Beuthner
Mit: Constanze Becker, Verena Bukal, Vincent Glander, Martin Rentzsch und Till Weinheimer
Uraufführung am Schauspiel Frankfurt war am 19. Februar 2016
Gastspiel zu den 41. Mülheimer Theatertagen


Weitere Infos siehe auch: https://www1.muelheim-ruhr.de/kunst-kultur/theater/stuecke/aktuelle-nachrichten


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de

Uraufführungen



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