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Gastspiel

Angestaubte Flüchtlingsromanze

HERMANN UND DOROTHEA aus dem Burgtheater Wien

Bewertung:    

Es gibt Entscheidungen im Leben, die einem keiner abnehmen sollte - etwa die Wahl des Lebenspartners. Da Eltern in ihre Kinder viele Hoffnungen setzen, schauen sie jedoch gerne auch beim Lebensgefährten ihres Kindes genau hin. Hermanns Eltern sind besorgt. Der junge Mann aus bürgerlichem Hause hat sich ausgerechnet in eine junge Frau aus einem vorbeiziehenden Flüchlingstreck verliebt. Sie weiß jedoch noch nichts von ihrem Glück. Alsbald bemühen Hermanns Eltern Autoritäten des Dorfes, wie den Apotheker und den Pfarrer, um dem Sohn bei der Suche nach seinem Eheglück hilfreich zur Seite zu stehen.

Eine Flüchtlingsfrau erobert mit ihrer Selbstlosigkeit das Herz eines Wirtssohnes. Goethes vielgerühmter Pathos und allerlei dramatische Verwicklungen unterfüttern diese altbackene Variante einer Aschenputtel-Geschichte. Im Berliner Ensemble bieten die arrivierten Schauspieler Maria Happel und Martin Schwab eine rührige Lesung von Goethes Hermann und Dorothea aus dem Jahre 1799. Das Gastspiel des Wiener Burgtheaters ermüdet recht schnell, obwohl über die prononciert vorgetragene, behutsame Annäherung zwischen den Geschlechtern immer wieder insbesondere seitens anwesender heterosexueller Seniorenpärchen geschmunzelt wird, wenn es etwa heißt: Für eine Frau lohnt sich jeder Gang wie von selbst. Die Mutter Hermanns entfernt so prompt natürlich im Garten die Raupen aus dem Kohl, bevor sie mit ihrem Sohne über seine Zukunftspläne spricht. Die Frauen der Erzählung meistern den Haushalt im Fluge, scheinen jedoch nah am Wasser gebaut und erröten recht schnell. Doch die Stärken des schwachen Geschlechts sind ja bekanntlich die Schwächen des starken Geschlechts.

Klischeevorstellungen geschlechtlicher Unterschiede werden in Goethes Epos mit neun Gesängen liebevoll aufs Allgemeingültige überhöht und bedient. Gewollt wirkende und im übertriebenen Gestus vorgetragene Pointen bezeugen harmonisch-biedere Familienwerte. Diese traditionellen Werte der Goethe-Zeit geraten auch durch die Konfrontation mit anderen Kulturen nicht ins Wanken. Martin Schwab beweist während der szenischen Lesungen erzählerische Qualitäten, indem er die verschiedenen Figuren durch stimmliche Akzentsetzungen voneinander abhebt. Maria Happel verkörpert insbesondere die Flüchtlingsfrau mit selbstbewusster Leidenschaft und lässt auch am Klavier mit nuanciertem Gesang aufhorchen. Kunstkerzen, Blumengestecke und Rheinromantik-Gemälde sorgen für eine heimelige Atmosphäre. Leider fehlt es der Geschichte an nötigem Tempo, Esprit und Witz, um in der heutigen Zeit realer Flüchtlingszuströme überzeugen zu können. Hermann und Dorothea wirkt wie ein angestaubter Dinosaurier und ein realitätsfernes Schmankerl in Zeiten der allgegenwärtigen Flüchtlingskrise. Bei Begegnungen zwischen Flüchtlingen und ehrenamtlichen Helfern kommt es tatsächlich manchmal zu Liebesbeziehungen, die bei drohender Abschiebung mit ganz anderen Anfechtungen zu kämpfen haben als Hermann und Dorothea.




Martin Schwab, Regisseur Alfred Kirchner und Maria Happel nach dem Burgtheater-Gastspiel mit Hermann und Dorothea im Berliner Ensemble am 4. März 2017 | Foto (C) Ansgar Skoda

Ansgar Skoda - 7. März 2017
ID 9892
HERMANN UND DOROTHEA (Berliner Ensemble, 04.03.2017)Konzeption und Leitung: Alfred Kirchner
Raum: Jura Gröschl
Dramaturgische Mitarbeit: Claudia Kaufmann-Freßne
Mit: Maria Happel und Martin Schwab
Premiere am Burgtheater Wien: 1. Oktober 2016
Gastspiel im Berliner Ensemble


Weitere Infos siehe auch: http://www.burgtheater.at


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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