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Vive Camus!

Sinnlosigkeit

und Absurdität

des Seins



Frank Musekamp (oben) und Richard Hucke (unten) in Der Fremde | Foto © Thomas Dreier

Bewertung:    



„Das echte Gespräch bedeutet: aus dem Ich heraustreten und an die Tür des Du klopfen.“
(Albert Camus)


*

Zum 100. Geburtstag des französischen Philosophen, Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Albert Camus (1913-1960) gründete sich 2013 in Aachen die Albert-Camus-Gesellschaft. Sie beteiligt sich auch an dem desjährigen Vive Camus!-Festival, das vom 15. bis zum 17. Januar in Bonn in Kooperation verschiedener lokaler Bühnen und Ensembles, eines Kinos und eines Kunstvereins stattfindet. Vor Ort werden im Theater im Ballsaal französische Chansons gesungen, es wird musiziert, und Besucher treffen im Eingangsbereich auf die Kulturjournalistin Anne-Kathrin Reif, die ihr deutschsprachiges Camus-Blog ebenfalls im Camus-Jahr 2013 startete und zeitgleich das im Theater ausliegende Buch Albert Camus – Vom Absurden zur Liebe beim Djre Verlag in Königswinter veröffentlichte. Die promovierte Philosophin erzählt im Zwiegespräch von ihren Forschungsarbeiten etwa in Camus Tagebüchern, die neue Hinweise für eine Deutung seines Werkes geben. Es ist eine andächtige Atmosphäre, in der schließlich Camus Roman Der Fremde von 1942 von den Darstellern Frank Musekamp und Richard Hucke als szenischer Monolog stimmungsvoll zur Aufführung gebracht wird.



Frank Musekamp und Richard Hucke (von links nach rechts) in Der Fremde | Foto © Thomas Dreier


Die Bühne ist auf gleicher Höhe wie die vor ihr befindlichen Zuschauerreihen. Sie ist mit nur wenigen Requisiten wie einer Tafel und Stühlen schlicht ausgestattet. Die Darsteller wechseln sich mit nuancenreichem mimischem Spiel beim Erzählen des Geschehens aus der Ich-Perspektive des kleinen Büroangestellten Meursault ab, der nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter einige Tage freinimmt. Meursault beginnt unmittelbar nach der Beerdigung zufällig eine Liebesbeziehung mit seiner früheren Arbeitskollegin Marie und hilft seinem Nachbarn aus einer schwierigen Lage. Folgenschwere Entscheidungen trifft der Protagonist jedoch gleichgültig, unambitioniert und unüberlegt, ohne sich möglicher Konsequenzen bewusst zu sein. Erlebnisse plötzlichen Glücks findet er so vor allem zufällig in der Natur, etwa beim Empfinden der Sonneinstrahlung. Sein Handeln wird für seine Mitmenschen nicht einschätzbar, und er wird schließlich für ein Tötungsdelikt zum Tode verurteilt.

Frank Musekamp und Richard Hucke verkörpern die manchmal gespaltene, meist jedoch sich ergänzende Persönlichkeit des Protagonisten ausdrucksstark, wenn sie etwa mit weißen Klebestreifen auf der dunklen Tafel Gewesenes ihrer Erzählung folgend wie Tage in einer Gefängniszelle abhaken und doch die Folgen ihrer Taten abwarten müssen. Hucke spielt Meursault eindringlich mit ernstem Gesichtsausdruck als ratlos Suchenden, der gewohnheitsmäßig fremdbestimmt handelt. Musekamp agiert spöttischer und kommentiert oftmals das Erzählte des Vorredners ironisch. Seine Figur scheint die Absurdität eigener Handlungen oder des gesamten Lebens bereits akzeptiert und mehr verinnerlicht zu haben. Die Theaterfassung von Werner Düggelin und Ralf Fiedler kondensiert den Roman stark und schafft über anderthalb Stunden einen durchaus konzentrierten, anregenden und poetischen Eindruck von Der Fremde. Das Debüt und Durchbruchswerk für den damals 29jährigen Camus ist heute eines der Hauptwerke der Philosophie des sogenannten Existentialismus, eine Geisteshaltung, welche die Welt als nicht von sich aus sinnhaft betrachtet. Absurdität bestimmt auch das Bühnenbild. Um die beiden Darsteller liegen in einem Halbkreis verteilt bunte Geschenktüten, deren Bedeutung jedoch während des gesamten Stückverlaufs nicht thematisiert wird. Möglicherweise deuten sich hier Geschenke des Lebens an, welche Meursault einfach nicht auszupacken vermag.



Frank Musekamp (oben) und Richard Hucke (unten) in Der Fremde | Foto © Alexandra Wolkowicz

Ansgar Skoda - 17. Januar 2016
ID 9079
DER FREMDE (Theater im Ballsaal, 15.01.2016)
Theaterfassung von Werner Düggelin und Ralf Fiedler

Regie und Ausstattung: Jan Steinbach
Mit Richard Hucke und Frank Musekamp
Premiere im Euro Theater Central war am 4. März 2010
Festivalpremiere: 15. 1. 2016
Weiterer Termin: 25. 2. 2016 (im Euro Theater Central)


Weitere Infos siehe auch: http://www.eurotheater.de/stuecke/fremde.htm


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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