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Castorfopern (21)

Cuba Libre


LES MISÉRABLES
durch Frank Castorf


Die Gesichter von Stefanie Reinsperger (li.) und Valery Tscheplanova in Les Misérables durch Frank Castorf am BE | Foto (C) Matthias Horn

Bewertung:    



Seit Herr Puntila und sein Knecht Matti (durch/mit Einar Schleef) sowie Der Auftrag (durch Frank Castorf), den zwei vielleicht wesentlichsten Inszenierungen aus der kurzlebigen Vor-Peymann-Ära des BE, schien es im nunmehr 125 Jahre alten Berliner Theater am Schiffbauerdamm nicht so ein allumfassendes Theater-Spektakel mehr gegeben zu haben wie die gestern Nacht nach einer ausufernden Mitverweildauer von siebeneinhalb Stunden (7 h 30 min) abgefeierte Le Misérables-Premiere - - doppelbedeutig v.a. für den Regisseur, der hierdurch a) seinen Berliner Wiederaufschlag nach dem ihn als Theaterleiter durch den Senat diskreditiert habenden Volksbühne-Skandal zelebrieren und b) an sein BE-Debüt vor reichlich 20 Jahren "kurz" erinnern konnte.

Frank Castorf sollte somit eine Art Genugtuung erfahren - seine und die schweißtreibende Arbeit aller an dem Großprojekt Beteiligten gestaltete sich zum Triumph!

Und die ihm künstlerisches Asyl geboten habende Bühne von Intendant Oliver Reese hat, ganz nebenbei bemerkt, hiermit schon jetzt so was wie eine Eil-"Wende" (nach einem gemächlich-geräuschlos und geordnet vollzogenen Führungswechsel) ritterschlagverdächtig hingekriegt. Das ist, für diese kurze Zeit seit dem September, schon enorm. Also:

Willkommen im BE!




Szene mit Patrick Güldenberg, Thelma Buabeng, Aljoscha Stadelmann, Sina Martens und Oliver Kraushaar (v.l.n.r.) aus Frank Castorf´s Les Misérables am Berliner Ensemble | Foto (C) Matthias Horn


"Victor Hugo erzählt in diesem Monumentalroman des 19. Jahrhunderts die Geschichte des Sträflings Jean Valjean und seines Gegenspielers des Polizei-Inspektor Javert. Ihr Jahrzehnte währender Kampf findet seinen Höhepunkt im Kontext der Barrikadenkämpfe des Juniaufstands 1832 in Paris. Jean Valjean hat nach einer eindrücklichen Begegnung mit dem greisen Bischof von Digne beschlossen, fortan – komme was wolle – dem Guten zu dienen. Während ihm der unbeugsame Inspektor Javert auf den Fersen ist, dem das Gesetz die Grundlage der Zivilisation schlechthin ist, legt sich dieser Anarch dabei immer neue Decknamen zu und wechselt immer wieder seinen Aufenthaltsort. Im Spannungsfeld ihres Ringens zieht Jean Valjean zudem sein Mündel Cosette groß, die sich schließlich zur jungen Frau herangewachsen in den Revolutionär Marius verliebt."

(Quelle: berliner-ensemble.de)


*

Bevor die zu einem gewissen roten Faden bühnentauglich gemachte Handlung analog der titelgebenden Romanvorlage in die Gänge kommt, hat erst mal Schauspieler-Legende Jürgen Holtz (85) einen (gar nicht allzu sehr vom Thema [elendiges Elend] abweichenden) Sonder-Auftritt als ein Waiser, welcher über die Pariser Kanalisation sprich Menschenexkremente, das will sagen Kot & Scheiße, referiert - so ähnlich hätte sich womöglich auch der Vater von Pastor Ephraim Magnus (aus Jahnn's gleichnamigem Stück, das Castorf in 2015 an der Elbe inszenieren tat) verlauten lassen können. Es ist immer gut und richtig essenzielle Dinge, die für uns im Allgemeinen und die Individualverdauung im Besonderen, wahrheitlich auszusprechen.

Unsereiner, der vom Lebensfrühling bis zum -sommer in der DDR fortschrittlich und v.a. humanistisch aufgedeihte (und auch hererzogen worden war), konnte Die Elenden von Victor Hugo einerseits durch die französisch-ostdeutsche Verfilmung mit dem Schauspieler Gérard Philipe, andererseits durch das Gavroche-Büchlein des damaligen Kinderbuchverlags partizipieren - beides ist mir heute kaum noch in Erinnerung; wahrscheinlich hatte mich das Alles für die eigene Persönlichkeitsentwicklung nur bedingter Maßen sensibilisiert. Was wiederum der Grund dafür ist, dass ich jetzt und aktuell den Vorschlägen Frank Castorfs trauen und vertrauen muss, um mich - in etwa jedenfalls - in dem durch ihn Vertheatralisierten irgendwie zurecht zu finden...




Andreas Döhler als der Haupt-Elende Jean Valjean aus Castorfs Inszenierung nach Les Misérables von Victor Hugo am Berliner Ensemble | Foto (C) Matthias Horn


Fakt ist, dass Andreas Döhler (als der Haupt-Elende Jean Valjean) erst anderthalb Stunde nach Spielbeginn zum Einsatz kommt. Und bis zur Pause, ungefähr zwei Stunden später, findet dann in diesem opulenten Zeitfenster die wohl entschlüsselnde und für die Fortentwicklung (sicherlich auch des [sage und schreibe 15hundertseitigen!] Romanmonsters) voraussetzende Szene statt: Döhler ist zu Besuch bei Holtz (als Monsignore Bienvenu Myrel) und wird, nach einem allerletzten kleptomanen Ausrutscher, von ihm zum Gutmenschen bekehrt.

Danach oder davor - jetzt weiß ich plötzlich auch nicht mehr, wo das korrekt positioniert gewesen war - erscheint das Nicht-Gutmensch-Paar der zwei Thénardiers, beklemmend kraftvoll und nicht minder selbstironisch von Stefanie Reinsperger / Aljoscha Stadelmann verkörpert. Dieses Gastwirts-Duo hat sich "fürsorglich" Valery Tscheplanowas (als Fantine oder Cosette?? oder als beide??) angenommen - - wie die Reinsperger mit der Tscheplanowa im zweiten Teil des Abends "tierisch" inflationiert, ist (rein performativ betrachtet) an audieller Artikulationkunst nicht zu überbieten! Eine Sternstunde der hohen Schauspielkunst.

Mit Wolfgang Michael (als Polizeiagent Javert) gerät der große Gegenspieler Döhlers auf den Plan - auch hier gibt es, um eins von vielen Beispielen kurz anzuführen, einen hochabsurden als wie langatmigen Dialog, der unterm Beiwerk eines permamenten Telefonklingelns abläuft; als Michael den Hörer endlich abnimmt, ist (selbstredend) keiner dran.

Patrick Güldenberg spielt Marius, den in Cosette verliebten Revolutionär! Rocco Mylord verkörpert den Gavroche!




Valery Tscheplanowa (als Cosette) und Stefanie Reinsperger (als Madame Thénardier) in Frank Castorfs Sicht auf Victor Hugo´s Les Misérables am Berliner Ensemble | Foto (C) Matthias Horn


Die anderen ProtagonistInnen - Thelma Buabeng, Sina Martens, Oliver Kraushaar und Abdoul Kader Traoré - fühl(t)e ich micht nicht befähigt ihren literarischen Roman-Gestalten zuzuordnen.

Allerdings gibt es - neben dem schon erwähnten (und von Castorf immer wieder obligatorisch zitierten) Heiner Müller-Stück Der Auftrag - zusätzlich noch den in dieser Inszenierung parallel verlaufenden Havanna-Roman Drei traurige Tiger von Guillermo Cabrera Infante; dementsprechend hat Star-Bühnenbildner Aleksandar Denić die erforderlichen Settings ins Karibische gerückt. Wahrscheinlich ist dann das von mir so "außen vor gelass'ne" Personal dorthin verortet worden; nur die Leser der betreffenden Lektüre würden das ein-eindeutig dann zu bestimmen wissen.

Angepasste, auffällige, aufreizende Garderoben von Kostümdesignerin Adriana Braga Peretzki!

Geniales Zusammenspiel der film- wie tontechnischen Crews (Jens Crull, Andreas Deinert, Mathias Klütz, Maryvonne Riedelsheimer); auch Castorfs Star-Souffleuse Elisabeth Zumpe steht auf dem Besetzungszettel.

Die insgesamte Kurzweil dieser doch recht langen Aufführung verblüfft. Fluktuation? fast keine.

Alles stimmt.



Andre Sokolowski - 2. Dezember 2017
ID 10403
LES MISÉRABLES (Berliner Ensemble, 01.12.2017)
Regie/Bearbeitung: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Licht: Ulrich Eh
Soufflage: Elisabeth Zumpe
Musikkonzeption: Wiliam Minke
Video-Konzeption: Jens Crull und Andreas Deinert
Live-Kamera: Andreas Deinert und Mathias Klütz
Live-Schnitt: Jens Crull und Maryvonne Riedelsheimer
Tonangel: Dario Brinkmann und Wiliam Minke
Dramaturgie: Frank Raddatz
Künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink
Mit: Thelma Buabeng, Andreas Döhler, Patrick Güldenberg, Jürgen Holtz, Oliver Kraushaar, Sina Martens, Wolfgang Michael, Rocco Mylord, Stefanie Reinsperger, Aljoscha Stadelmann, Valery Tscheplanova und Abdoul Kader Traoré
Premiere war am 1. Dezember 2017.
Weitere Termine: 03., 15., 16., 28., 29.12.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de


http://www.andre-sokolowski.de

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