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Castorfopern (1)

Modell

Bordell



La Cousine Bette (C) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz




[Heute beginnen wir unsere kleine Reihe zu den CASTORFOPERN. Wir beschließen sie im Sommer mit vier Ring-Betrachtungen vom Grünen Hügel; und womöglich fällt uns sonst noch Weiteres zum Thema ein - mal seh'n...]

*

Frank Castorf, Intendant und Regisseur der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (dessen Goethe'schen Skandal-Clavigo ich dereinst in Gera, wo ich aufwuchs, 1986 live erleben konnte; das war meine Ur- und Erstbegegnung "mit" diesem Genie; ich scheiterte gottlob um diese Zeit an meinem Vorhaben, Theaterwissenschaft in Leipzig zu studieren), produziert mit großem Aufwand und zumeist in Überlängen. Seine Handschrift ist so unverkennbar wie sein anhaltender Ruf. Seine Verschleißmaschine (= Volksbühne) hat einen fast schon legendären Makel - , die, die irgendwann von dort mal wieder fortgingen, schienen viel älter und auch abgebrannter als sie vorher ankamen, und nicht nur äußerlich, zu sein. Bei Castorf schauspielern zu dürfen ist wie Gottesdienstabhalten und bedeutet Knochenarbeit pur, v.a. ist es nichts für Flüsterer und Leisetreter; Alle, die mal bei und mit ihm waren resp. bei und mit ihm sind, liebten und lieben ihn aufs Abgöttischste; wie gesagt. Warmes, um nicht zu sagen heißblütiges Groß- oder Total-Theater!!

Nunmehr hatte er sich - ein paar Monate nach seinen mehrmonatigen Bayreuther Schuftereien an und mit dem Ring des Nibelungen - Balzacs Buchs von der La Cousine Bette (einer die damalige Lesererwartung bedienenden Dreigroschenschwarte) vorgenommen, um an ihm den allgemeinen Grundkonflikt kapitalistisch funktionierender Gesellschaften in der 5 Stunden währenden Performance unter gleichem Titel kräftig abzuklopfen und/oder zu hinterfragen. Thema war also: Geld oder Liebe?!

Sein dieses Projekt geistig betreuender Stückdramaturg Sebastian Kaiser steuerte, rein themenübergreifend, einen gut lesbaren Aufsatz auf der hausinternen Website bei, worin er gleich am Anfang beispielsweise Pierre-Joseph Proudhon, einen der wild-glühendsten Anarchisten (Mitte 19. Jahrhundert) herzitierte mit den Worten: "Man kann die Pornokratie die zweite Weltmacht von heute nennen, denn sie kommt gleich nach dem Geld. [...] Das Leben ist ein Fest. Bravo, erwidert der Pornokrat, da wollen wir uns auch gut amüsieren, das Leben genießen und glücklich sein, d.h. wenig arbeiten, viel verbrauchen - und recht viel Geschlechtsverkehr haben." Mit sowas übrigens (und mit dem Anarchisten Produhon insbesondere!) liebäugelte damals ja auch der junge und noch ziemlich orientierungslose Richard Wagner, dessen ungestümes Revoluzzertum ihm seiner Zeit die steckbrieflichen Nachstellungen einbrachten; das hat freilich dann nichts direkt mit jener Umbesetzung Schwertleites in der Walküre (die vom Castorf als ironisch-aufarbeitendes Moment in dem Balzac-Event zu hören war) zu tun, lässt aber trotzdem aufhorchen in Anbetracht der Tatsache, dass Castorf sich mit "seinem" Wagner - so vermuten wir mal kühn - noch Jahre und Jahrzehnte lang fortplagen muss und wird, ehe der ihn vielleicht mal wieder loslässt oder so...

Vier Frauen und fünf Männer haben in La Cousin Bette viel an-, mit-, untereinander geldlich & sexuell zu schaffen; Stellen der Begegnungen sind als Bordell mit Nachbarschaftsgebiet geortet. Auch der Künstler an sich - im Fall der Fälle als ein bis da mittel- und erfolgloser Skulpteur beschrieben oder vorgeführt - wird so als Flittchen für den "niederen Gebrauch" (= Gebrauchskunst) dargestellt und missverstanden.

Kathrin Angerer, Jeanne Balibar, Claire Sermonne, Lilith Stangenberg sowie Marc Hosemann, Alexander Scheer, Maximilian Brauer, Bernhard Schütz, Noa Niv liefern ein Dauer-Feuerwerk an ausufernder Schauspiellust und -können!! Es sind unbegreifbar große Massen Text zu absolvieren; stellenweise wird gar auf Französisch oder Russsisch ellenlang gesprochen. Immer wieder werden O-Zitate Louis-Ferdinand Célins hervorgegeistert - Castorfs (schon seit Jahren und Jahrzehnten anhaltende) Masche, alles irgend Mögliche, wenn es nur irgendwie zum Thema passt, mit rein zu collagieren. Funktioniert aber (mal wieder) ziemlich gut.

Drei Kameraleute (Andreas Deinert, Mathias Klütz und Adrien Lamande) fangen Nahaufnahmen, die sie in den stilvoll möbelierten Einzelzellen eines mit Schwarzplanen eingehüllten Bühnenhauses von Bert Neumann (!) aufgestöbert haben, ein; die Filme werden live auf Großbildschirme, die herein-/hinausfahren, gezeigt. Für Sehgestörte so wie mich geradezu dann ideal!!

Die Schlusspointe der Inszenierung (mit dem schwarzhäutigen Kaiser aus Brasilien?) blieb mir leider dann verwehrt - ich musste kurz vor zwölf zur S-Bahn hetzen; wer im äußersten Südosten von Berlin wohnt, ist dann halt auf Öffentliche angewiesen - oder hätte ich mir von der Pressestelle doch das Taxigeld zurückerstatten lassen sollen? Derartige Überlängen hätten eigentlich dann ihren Preis, oder??

Der Saal war leider halbvoll.





Bewertung:    

Andre Sokolowski - 4. Mai 2014
ID 7798
LA COUSINE BETTE (Volksbühne Berlin, 03.05.2014)
Regie: Frank Castorf
Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Tabea Braun
Licht: Lothar Baumgarte
Kamera: Andreas Deinert, Mathias Klütz und Adrien Lamande
Live-Schnitt: Jens Crull
Musikalische Konzeption: Wolfgang Urzendowsky
Dramaturgie: Sebastian Kaiser
Mit: Jeanne Balibar (Tante Lisbeth), Alexander Scheer (Baron Hector Hulot d'Ervy), Kathrin Angerer (Baronin Adeline Hulot d'Ervy), Marc Hosemann (Célestin Crevel), Claire Sermonne (Valérie Marneffe), Bernhard Schütz (Jean-Paul-Stanislas Marneffe, Baron H. Montès de Montéjanos & Mme. de Saint-Estève alias Nourrisson), Lilith Stangenberg (Hortense Hulot d'Ervy), Maximilian Brauer (Comte Wenceslas Steinbock) und Noa Niv (Josépha Mirah)
Premiere war am 19. Dezember 2013

Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de


http://www.andre-sokolowski.de

CASTORFOPERN

Fortsetzung der Reihe in Kürze:
Der Geizige (09.05.2014) | Baumeister Solness (31.05.2014)




 

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