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nachDRUCK # 6

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Castorfopern (19)

Sehen,


hören,


un-


verstehen



Gestaltung: © LSD/Leonard Neumann; Foto: © LSD/Lenore Blievernicht

Bewertung:    



Vorgestern war ich das allerletzte Mal in einer Vorstellung der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wie sie sich während der 25jährigen Regentschaft des Theaterchef-Regie-Königs Frank Castorf offizieller Weise und v.a. linksgezielter Maßen genannt haben wird. Das nächste Mal - falls ich zu einem nächsten Mal ermutigt oder motiviert sein sollte (momentan kaum vorstellbar für mich) - könnte das u.U. im späten Herbst erfolgen, wenn das Haus dann für den Neuen herderconisiert sein würde; gern erwarte ich diese Besichtigung des unter derart beispiellos-fragwürdigen Begleitumständen von den beiden damaligen (von der Vorgängerregierung) hinsichtlich Theater völlig minderbemittelt-unbedarften Kulturverantwortlichen, nämlich dem Senator-Bürgermeister und seinem fürs Grobe zuständig gewesenen Staatssekretär, herbeigeführten Bruchs mitnichten - es tut einfach weh und macht noch wütender als wütend sich das Alles (also wie es dazu kam) in die Erinnerung zu rufen. Castorfs institutionelle Absägung erachte ich im Nachhinein als einen der das prinzipiell doch Ungroßkurzsichtige von Berlin bekräftigt habenden Kultur-und-Politik-Skandale der Nachwende-Zeit!

*

Die letzte, eigentlich dann ungeplante und im letzten Augenblick noch in das asphaltierte Saalrund von Bert Neumann (†) installierte Improvisation des Inszenierers Castorf nahm sich nur ein klitzekleines Stückchen Fjodor Dostojewskij-Prosa (mit nur 50 Buchseiten) zur Vorlage; zusätzlich waren auf dem Beipackzettel außerdem noch Dostojewskij's Bobok-Erzählung und die sowjetische Filmkomödie Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf nach Michail Bulgakow angegeben.



Ein schwaches Herz - so tat der Dramaturg Sebastian Kaiser es beschreiben - "handelt von Zweien, von denen einer zu viel wollte. Wassja und Arkadij. Beide Beamte in den unteren Dienstgraden. Gerade aus dem Teenageralter heraus, wohnen sie in einer Stube zusammen. Sie lieben sich so, wie sich Freunde lieben. Dazu verliebt sich Wassja noch mal anders. In Lisa. Lisa wurde von ihrem Bräutigam unschön verlassen; er versetzt in eine andere Stadt, eine andere Frau kam hinzu… Shit happens. Man kennt das… Dann tröstet Wassja Lisa. Erst weint nur sie, dann weinen beide. Wenig später sind sie miteinander verlobt. Glücklich sein, das ist das, was der mit einem Körperhandycap geborene Wassja möchte. Harmonie in allen denkbaren Konstellationen. Mit Lisa. Aber auch im Dreieck mit Arkadij. Und mit der Schwiegermutter. Und deren Sohn. Kann man ein solches Glück ertragen? Eines, in dem keine Reibung mehr stattfindet? Angst und Dankbarkeit... Von der anderen Seite drücken die Mietpreise! Und das mickrige Einkommen als Schreiber! Selbst an Neujahr reißt sich Wassja zusammen. Alle feiern. Wassja aber wird arbeiten, den Schlaf bezwingen."

(Quelle: volksbuehne-berlin.de)


Das [s.o.] fand dann freilich erst nach mehr als über einer Stunde statt; wenn Georg Friedrich und Mex Schlüpfer auf den Plan gerufen wurden und das Paar so - mit paar inszenierten Großzäsuren - ab-spielten.

Zuvor hatten schon Kathrin Angerer und Margarita Breitkreiz mit dem jene Dreifachrolle des Hausmeisters Bunscha sowie Boboks und Iwans des Schrecklichen kurzfristig übernommen habenden und von der flinkgazelligen Elisabeth Zumpe daher rein vorsichtshalber (und im Stehen und im Liegen und im Rennen) zu-soufflierten Daniel Zillmann vieles, vieles Anderes dann zu verhandeln. Breitkreiz war da der Erfinder Timofejew(a) und Angerer, außer Wassja's Verlobten, Schauspielerin Sinaida; höchstwahrscheinlich alles Personal aus jenem Zweit- und Drittgequellten dieser Produktion. Die Filmkomödie Leonid Gaidai's lief übrigens auf den zwei Riesen-Leinwänden partout in Ausschnitten dann immer mit - bald hatte man es also doch geschnasselt, dass die von dem Castorf vorgeschrieb'ne Bühnenhandlung eine Art von Nachspiel oder Kommentar zum Celluloid'schen sein sollte; vielleicht.

Auch für Jeanne Balibar (= Madame Leroux, Dieb Miloslawski) und Frank Büttner (= Zahnarzt Schpak) sowie Sir Henry (= Geheimschreiber des Zaren) waren Rollen zugeteilt worden.

Das Live-Tohuwabohu - keine Ahnung, worum es da richtig ging - spielte sich auf der ingesamten Bodenfläche zwischen einschließlicher Hauptbühne und Zuschauersaal (inkl. Sitzgelegenheiten auf dem Rang) ab; Bühne und Kostüme stammten von Nina von Mechow - eine lange Reihe hintereinander aufgestelltem Mobilars wurde von den mal da und auch mal dort Agierenden (und großporträig Abgefilmten) nach und nach genutzt; das Publikum verweilte auf den Alles rundumrandenden und breiten Kissen, auch paar Stühle standen zur Verfügung.


* * *

Ich begriff erst jetzt:

Das im totalen Sprechtheater des Frank Castorf immerfort zu Sehende/zu Hörende - und vollkommen egal, WAS da zu seh'n/zu hör'n sein würde - stellt die zwanggeword'ne Ausdrucksmöglichkeit theater-menschenhafter "Kreaturen" unter ihrer göttergleichen Fuchtel dar, versammelt und verirrt sie - - bis sie glühen und verglühen.

Ja.

Nicht mehr, nicht weniger.

Und ausgerechnet dieses WIE, das mich so derart "an ihn" zieht, will ich dann hoffentlich noch Jahre und Jahrzehnte - sehend als wie hörend - hie und da erleben; bitter nur die faktische Erkenntnis, dass ihm hierfür in der Zukunft dieses auf ihn eingeschwor'ne Volksbühnenensemble fehlt.




[Der Castorf inszeniert 2017/18 am BE, am Deutschen Schauspielhaus, am Resi und der Bayerischen Staatsoper - um nur die Bühnenpläne, die soweit bekannt wurden, kurz anzuführen.]


Andre Sokolowski - 7. Juni 2017
ID 10070
EIN SCHWACHES HERZ (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 05.06.2017)
Regie: Frank Castorf
Raum: Bert Neumann
Bühne und Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Rainer Casper
Videoregie/Kamera: Andreas Deinert
Kamera: Mathias Klütz, Adrien Lamande und Luna Zscharnt
Videoschnitt: Jens Crull und Maryvonne Riedelsheimer
Musik/Ton: Christopher von Nathusius und Tobias Gringel
Tonangel: Dario Brinkmann und Lorenz Fischer
Souffleuse: Elisabeth Zumpe (!)
Dramaturgie: Sebastian Kaiser
Mit: Kathrin Angerer, Jeanne Balibar, Margarita Breitkreiz, Frank Büttner, Georg Friedrich, Mex Schlüpfer, Sir Henry und Daniel Zillmann
Premiere war am 1. Juni 2017.
Weitere Termine: 10., 30.06.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de


http://www.andre-sokolowski.de

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