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nachDRUCK # 6

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1. Bürgerbühnenfestival

"Da ist etwas gelungen."



Auch diese Überschrift [s.o.] ist ein Zitat, entnommen der Buchpräsentation von BÜRGERBÜHNE, die am Sonntag im Rahmen des Bürgerbühnenfestivals stattfand. Es stammt von Hajo Kurzenberger, der gemeinsam mit Miriam Tscholl, Leiterin der Bürgerbühne Dresden, dieses soeben im Alexander Verlag Berlin erschienene Buch herausgegeben hat.

In vierzehn Fachbeiträgen aus den verschiedensten Blickwinkeln (von direkt beteiligten Machern wie Autoren, Dramaturgen und Regisseuren bis hin zu Beobachtern wie Theaterkollegen, Kulturmanagern und Soziologen) wird in diesem Umfang erstmals jene besondere Theaterform einer Analyse unterzogen. Das Spektrum reicht dabei von einem geschichtlichen Abriss und der Modellbeschreibung über das Herausarbeiten der besonderen Anforderungen an Dramaturginnen und Regisseurinnen bei Inszenierungen der Bürgerbühne und Schilderungen des Entstehungsprozesses konkreter Stücke bis hin zur Einordnung dieser Theaterform in den aktuellen Kulturbetrieb und in den soziologischen Kontext.

Das Buch ist der - vorläufige - Endpunkt einer logischen Kette von der Vorstellung des Konzeptes u.a. beim Teatron-Netzwerk, dem erwachtem Interesse in der Theaterwelt, immer häufigeren Besuchen interessierter Fachleute in Dresden und schließlich einer gut besuchten Tagung im Januar 2013 mit dem Schiller entlehnten Titel „Was kann eine stehende Bürgerbühne eigentlich wirken?“ vor Ort. Es soll nach den Worten der Herausgeber nicht nur eine Bestandsaufnahme darstellen, sondern auch bei der Qualitätssicherung des Modells „Bürgerbühne“ helfen, welches unter den unterschiedlichsten Namen mittlerweile vielerorten als partizipative Theaterform ausgerollt wird. Dass das Buch dazu noch attraktiv bebildert wurde, ist sein Schade nicht, im Gegenteil, es bleibt damit nicht nur ein „Lehrbuch“ und Nachschlagewerk, sondern lädt auch zum Schmökern ein, zumal die Texte fast durchgängig dankenswert verständlich gehalten wurden.

Die Bürgerbühne Dresden kann mittlerweile auf 25 Produktionen zurückblicken, die sechsundzwanzigste wird als Kooperation mit dem Theater ASPIK noch im Juni mit dem Landschaftstheater Wildnis in Reinhardtsdorf-Schöna folgen. Sicher ist es zu früh, von einem Denkmal zu sprechen, das ihr mit diesem Buch gesetzt wurde, aber es ist ein schöner Meilenstein. Glückwunsch zu Idee und Umsetzung.




Hajo Kurzenberger | Miriam Tscholl (Hrsg.), DIE BÜRGERBÜHNE. Das Dresdner Modell, Alexander Verlag 2014, 19,90 Euro, ISBN ISBN 978-3-89581-332-0



* * *


Aber im Mittelpunkt des Festivals stehen natürlich die Inszenierungen. Am Sonntag gab es derer zwei zu sehen: Eine (mikro)ökonomische Weltgeschichte, getanzt von Pascal Rambert und Éric Méchoulan des Volkstheaters des Badischen Staatstheaters Karlsruhe kann hier wegen Verhinderung des Berichterstatters leider nur nachrichtlich erwähnt werden, schade, „ein Erklärungsversuch der anhaltenden Krise durch einen Philosophen, (...) die Erzählungen vom Gabentausch in archaischen Gesellschaften durch vier Schauspielerinnen, (...) während 30 bunt gemischte Stadtbewohner tanzen und schreiben und ein Chor dazu singt“ (wie das Programmheft schreibt) klang vielversprechend.




Solo for Lu beim 1. BÜRGERBÜHNENFESTIVAL in Dresden - Foto (C) Petr Salaba



Solo for Lu des Archa Theaters Prag, eine Performance von Jing Lu in der Inszenierung von Jana Svobodová, entging dem Verfasser dank der Wiederholung am Montag allerdings nicht. Anhand der Lebensgeschichte der Darstellerin, die in China geboren wurde und heute in Prag lebt, werden generelle Fragen gestellt, auch zum zwiespältigen Verhältnis der abendländischen Gesellschaft zum großen Drachen China. Jing Lu bedient sich in der anderthalbstündigen Aufführung ihrer umfangreichen darstellerischen, tänzerischen und musikalischen Mittel, nutzt öfter einen Loop, um sich selbst zu begleiten und erzählt anhand eines Schatzkästchens aus ihrem Leben. Da ist auch ein Messer drin, das fast zum Einsatz kommt, als die Zehnjährige trotz unbestrittenen Talents vom Tanzkonservatorium abgelehnt wird, weil „zu kurz und zu dick“. Interessante Einblicke in die chinesische Gesellschaft werden gegeben, es gibt also durchaus Ausnahmen von der strengen Ein-Kind-Regel, auch wenn diese teilweise reichlich skurril sind. Den gesellschaftlichen Druck auf Zuwiderhandelnde erlebt man fast körperlich mit, ebenso den väterlichen Drill der Heranwachsenden, die unbedingt ein großer Sportler werden soll.

Auch der wachsende wirtschaftliche Einfluss der Chinesen in der tschechischen Gesellschaft wird thematisiert, in den Schaufenstern ist schon fast alles „made in China“, und als Investor steht das Riesenreich aus bald eineinhalb Milliarden Menschen stets bereit. Selbst wenn die Performance einige Längen aufweist, sie wird von Jing Lu fesselnd dargeboten und erntet am Ende starken Beifall des trotz des frühen Abends gut gefüllten Saals im Societätstheater.
Eine klassische Laiendarbietung ist das sicher nicht, eher im Grenzbereich der Bürgerbühne anzusiedeln, doch zumindest der biographische Bezug des Stücks erfüllt ein wesentliches Kriterium der Zuordnung. Auf jeden Fall ist es eine Bereicherung des Festivals.


Bewertung:    




Dschingis Khan beim 1. BÜRGERBÜHNENFESTIVAL in Dresden - Foto (C) Ramona Zuehlke



Ein anderer Grenzbereich wurde wenig später im Kleinen Haus betreten: Dschingis Khan, eine Völkerschau von Monster Truck aus Berlin in Kooperation mit dem Theater Thikwa war zu sehen. Hier werden drei Menschen mit Downsyndrom als Mongolen auf die Bühne gestellt. Was zunächst befremdlich, provokativ und bestenfalls als Karikatur einer Jahrmarktsattraktion erscheint, entwickelt sich durch den Stückansatz zu einer teilweise schmerzhaften Hinterfragung des Umgangs mit behinderten Menschen. Sicher kann man einwenden, das Thema sei ein wenig aus der Zeit gefallen und die Gesellschaft sei doch schon deutlich weiter, aber jenseits von Sonntagsreden und –taten scheint es da noch genug Gesprächsbedarf zu geben. Zumindest die Reaktionen im folgenden „World Café“, dem partizipativen Publikumsgespräch an wechselnden Tischen in der Art eines Speed-Dating in Slowmotion mit den Akteuren von Thikwa und Monster Truck, waren größtenteils positiv, trotz einiger kritischer Stimmen zur so empfundenen unreflektierten Zurschaustellung der Behinderten.

Das Stück ist tatsächlich schwer erträglich. Zu Beginn wird die sorgfältig eingerichtete Bühnendeko einer Western-Show durch die vier edel gewandeten (Monster Truck-)Darsteller des Produktionsteams umstandslos abgeräumt, es wird auf „The Mongolian Show“ umgebaut. Dass die drei Hauptdarsteller (Menschen mit Down-Syndrom vom Theater Thikwa) dann aus engen Verschlägen in der niedrigen Bühne ans Licht gebracht werden, in denen sie eine halbe Stunde ausharrten, lässt mich das erste Mal schlucken, die nachfolgenden Anweisungen der Regisseurin an die in schäbigen Kostümen steckenden „Mongolen“ erinnern eher an eine Zirkusnummer und machen es nicht besser. Es dauert (bei mir) eine Weile, ehe man sich auf den Ansatz einlassen kann, die Vorführung einer Vorführung zu sehen. Die Hauptdarsteller werden dann von einem lebenden Bild zum anderen gehetzt, kein Klischee wird ausgespart, der Kontrast zum professionell-gelangweilt agierenden Produktionsteam könnte größer nicht sein.

Doch das ist dann auf einmal verschwunden, es folgt eine Performance aus Spiel und Gesang der drei Behinderten, die im mühsamen Reinzerren einer großen Steinschleuder gipfelt, die unter ohrenbetäubender Musik dann Totenköpfe aus Pappe ins Publikum schleudert. Einige Zuschauer werden damit in die Flucht geschlagen, doch dann erscheinen die Produzenten wieder und arrangieren eine Sterbeszene zum „guten“ Ende. Einer von ihnen, der mit der körperlichen Behinderung, erklärt noch, dass das Stück gar nicht seine Idee gewesen sei, weil er nicht immer auf „diese Themen“ festgelegt werden wolle, was dann doch noch sehr elegant die Kurve nimmt zurück zum eigentlichen Stückansatz. Und dann wird erneut umgebaut, es folgt „The Cannibal Show“, die Hauptdarsteller kommen als Menschenfresser zurück.

Herzlicher, teilweise sicher auch erleichterter Applaus des übervollen Saals. Die Definition des Bürgertheaters ist wieder deutlich erweitert worden, denn eigentlich stehen da vorn Profis, ob nun mit oder ohne Behinderung. Doch die Wahrnehmung ersterer ist sicher oft eine andere. Deswegen passt auch dieses Stück ins Festival, das schon nach drei Tagen eine kaum vermutete gewaltige Bandbreite des partizipativen Theaters abbildet.


Bewertung:    



Sandro Zimmermann - 20. Mai 2014
ID 7844
SOLO FOR LU (Societaetstheater Dresden, 19.05.2014)
Regie: Jana Svobodá
Mit: Jing Lu
http://www.archatheatre.cz

DSCHINGIS KHAN (Kleines Haus 3, 19.05.2014)
Von und mit: Sabrina Braemer, Jonny Chambilla, Manuel Gerst, Sahar Rahimi, Oliver Rincke, Mark Schröppel und Ina Vera
http://www.monstertrucker.de


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/


Post an Sandro Zimmermann

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