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Dokumentartheater

"Mitgehen"

STADIUM am La Colline, Paris


Bewertung:    



Größer könnten die Unterschiede nicht sein. Fußball und Theater. Man kann sich in keiner anderen Konstellation eine gleiche Anzahl von fanatischen Fußballanhängern und Theaterbesuchern in einem Saal vorstellen als bei Stadium von Mohamed El-Khatib und Fred Hocké zur diesjährigen Saisonöffner des Theatre National de la Colline.

Die Hauptdarsteller dieser derart unüblichen Inszenierung sind Laienschauspieler, genauer gesagt die Ultras der RC Lens – Zweitliga-Verein aus dem Norden Frankreichs. Eröffnet wird das Stück durch eine 10minütige Videosequenz von besessenen RC Lens-Fans beider Geschlechter und aller Altersklassen. Hier wird jedem Anwesenden klar, dass das Stück eine Komödie ist, vielleicht schon fast eine Selbstkarikatur. Die immer wiederkehrenden Trommel- und Trompeteneinheiten verleiten die Zuschauer gleich zu Beginn des Stücks zu einem (in fußballerischer Terminologie bezeichneten) „Mitgehen“. Der etwa 750 Zuschauer fassende Saal klatscht und johlt. In wechselnden Einlagen von Stadionzeugnissen diverser Anhänger, tatsächlichen nachgespielten Stadionszenen und von El-Khatib geführten Interviews wird dem Publikum bestmöglichst außerhalb des liebevoll auch Bollaert genannten Stadions gezeigt, was es bedeutet, Supporter vom diesem eigentlich eher unbekannten nordfranzösischen Club zu sein.

Wenn in der Theaterwelt vom Brechen der vierten Wand oder einem Dialog mit dem Publikum gesprochen wird, findet man sich bei Stadium wahrscheinlich in einer Bilderbuchaufführung, auch wenn dieses Stück wahrscheinlich eher zum Boulevard gehört. Die 15minütige Pause auf der Bühne wird als Halbzeit angekündigt, die Scheinwerfer leuchten wie Flutlichter, und das Bier mit Fritten kostet halb so viel wie Wasser.

Das eigentlich Brisante an dem Stück verliert sich am Ende in Kürze. Die Tatsache, dass die Sch’tis mehrheitlich die rechtsradikale Marine Le Pen in der vergangenen Präsidentschaftswahl gewählt haben und dauerhaft vom Rest Frankreichs auf jeglichen Ebenen verhöhnt werden, wird nur abstrakt und am Rande angesprochen. Der Versuch, das Theater als Plattform der Versöhnung zu nutzen, scheitert, weil der Zuschauer nicht zuordnen kann, ob dieser auf gesellschaftlicher, politischer oder sportlicher Ebene zu deuten ist. Auch ist dem Zuschauer nicht klar, ob er in schaulustigem Sozialvoyeurismus verfällt oder in irgendeiner Form eine Beziehung zu den erzählenden Fans aufbaut.

*

Der Beginn der Saison mit diesem Stück ist gewagt, denn es ist nicht das intellektuelle Theater, das man vom Theatre National de la Colline kennt. Es kann aber, wenn man sich auf diesen starken Gegensatz einlässt, einigermaßen unterhaltsam sein. Den anwesenden Zuschauern hat es auf jeden Fall gefallen: Standing Ovations.




Stadium am La Colline, Paris | Bildquelle: colline.fr

Tobias Marian Wollenhaupt - 3. Oktober 2017
ID 10293
Weitere Infos siehe auch: http://www.colline.fr/fr/spectacle/stadium


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