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Tanztheater

Metamorphosen

am Schwanensee



Schwanensee -Metamorphosen einer Seele am Theater Osnabrück | Foto (C) Jörg Landsberg

Bewertung:    



Schwanensee gehört zum Standardrepertoire einer jeden Ballettkompanie und zählt zu den meist aufgeführten Tanzstücken weltweit. Das Märchen um den jungen Siegfried ist nicht nur den Liebhabern des Tanztheaters bekannt, sondern auch weit hierüber hinaus Gegenstand zahlreicher Adaptionen und parodistischer Abwandlungen.

Der junge Prinz Siegfried wird am Vorabend seiner Volljährigkeit von seiner Mutter gedrängt, sich eine Braut auszuwählen. Siegfried aber zeigt zunächst kein Interesse daran, dieser Forderung nachzukommen und geht auf die Jagd. Während dieser begegnet ihm Odette, die von dem Zauberer Rotbart in die Gestalt eines Schwans gezwungen wurde. Siegfried verliebt sich und gelobt den Bann durch eine Heirat zu brechen. An seinem Geburtstag glaubt er seine Geliebte zu erkennen und gibt einem schönen Mädchen als Zeichen der Verlobung einen Handkuss. Jedoch wurde er so von dem schwarzen Schwan Odile im Auftrag des Zauberers getäuscht und besiegelt ungewollt das Schicksal Odettes, die nun dem Tode geweiht ist.

*

Mauro de Candia hat sich in seiner Funktion als Choreograph intensiv mit dem Stoff auseinandergesetzt und gemeinsam mit der Dramaturgin Patricia Stöckemann eine völlig neuartige Version erarbeitet, die den Fokus der Inszenierung auf Siegfried, seinen Begegnungen am Schwanensee und dem nahen, jedoch offenbar angespannten Verhältnis zu seiner Mutter setzt. Der klingende Untertitel Metamorphosen einer Seele deutet bereits auf den inneren Kampf des Hauptprotagonisten Siegfrieds hin, der mit den Erwartungen seiner Umwelt und den hiermit einhergehenden Problematiken zu kämpfen hat und eine seelische Veränderung durchläuft, an der er scheitert. Mutig brechen de Candia und Stöckemann mit der gängigen Aufführungspraxis und bedienen sich des Kunstgriffs des Perspektivwechsels, so dass das dargestellte Szenario dem Werther-Stoff von Goethe ähnlich wird.

Als absolutes Novum ist die Tatsache zu sehen, dass diese Schwanensee-Inszenierung nicht wie üblich auf Spitze getanzt wird, sondern sich als mustergültige Adaption des modernen Ausdruckstanzes präsentiert. Sowohl Bühnenbild als auch Kostüme (de Candia, Janine Hagedorn) sind minimalistisch gehalten, betonen aber gerade durch eine gewisse Detailverliebtheit das Wesentliche und geben so den Tänzern den angemessenen Raum zur Darstellung einer komplexen Handlung mit gesellschaftskritischem Bezug. Dass die Dance Company Theater Osnabrück dieser Herausforderung gewachsen ist, zeigt sich in der meisterhaften Ausführung der einzelnen tänzerischen Rollen.

Das Osnabrücker Symphonieorchester unter Leitung von GMD Andreas Hotz begleitet Schwanensee musikalisch live und trägt nicht unerheblich zur Gesamtstimmung bei: Mal zurückhaltend und zart anklingend einerseits wie auch dramatisch aufbrausend andererseits werden die auf der Bühne dargestellten Emotionen auch akustisch transportiert und lassen das Libretto zu einem außergewöhnlichen Gesamterlebnis werden, das den Rezipienten gleich mehrfach zu berühren weiß.

Elemente des Sturm und Drangs finden Verwendung: In künstlerischer Originalität kommen gleichermaßen elementare menschliche Ängste durch Siegfried zum Ausdruck, wie auch sein leidenschaftliches Verlangen nach seiner geliebten Odette. Faszinierend schafft es der Tänzer Keith Chin, seiner Figur Siegfried durch fließende Bewegungen Ausdruck je nach Gefühlslage und Situation zu verleihen. Seine Vorfreude auf das gemeinsame Leben mit dem weißen Schwan wird genauso bewegend gezeigt wie der Umschwung zur inneren Zerrissenheit, die schließlich in purer Verzweiflung gipfelt, als ihm sein fataler Fehler bewusst wird, der nicht wieder rückgängig zu machen ist. Letztlich zerbricht er an dieser Situation und stirbt durch den Einfluss der Schwäne, die ihrerseits Gnade walten und Siegfried nicht mit dieser Schuld leben lassen, so dass seine Seele Ruhe finden möge.

Die Mutter, dargestellt von Marine Sanchez Egasse, zeigt sich streng und fordernd ihrem Sohn gegenüber. Ihre Bewegungen wirken geradezu akkurat, der Tanz zeugt von Selbstbewusstsein und lässt keinerlei Widerspruch zu, wenngleich Siegfried immer wieder versucht gegen diese Dominanz aufzubegehren. Eine gewisse Kühle wird suggeriert, während die Eleganz der Schwäne wiederum im ambivalenten Verhältnis zur (animalischen) Leidenschaft steht. Fein nuancierte, grazile Bewegungsabläufe zeugen von den geschmeidigen Bewegungen der stolzen Tiere, die kulturgeschichtlich Licht und Reinheit symbolisieren.

Die Osnabrücker Dance Company überzeugt in Schwanensee - Metamorphosen einer Seele mit einem Ausdruckstanz von ästhetischer Performanz und tänzerischer Anmut, der den Inszenierungen der klassischen Ballettkompanien in nichts nachsteht, ganz im Gegenteil sogar ganz neue Maßstäbe setzt.



Schwanensee -Metamorphosen einer Seele am Theater Osnabrück | Foto (C) Jörg Landsberg

Sina-Christin Wilk - 15. November 2016
ID 9686
SCHWANENSEE - METAMORPHOSEN EINER SEELE (Theater Osnabrück, 13.11.2016)
Choreografie: Mauro de Candia
Musikalische Leitung: Andreas Hotz
Bühne/Kostüme: Mauro de Candia und Janine Hagedorn
Dramaturgie: Patricia Stöckemann
Besetzung:
Siegfried ... Keith Chin
Mutter ... Marine Sanchez Egasse
Siegfrieds Freunde ... Lennart Huysentruyt, Neven Del Canto, Péter Dániel Matkaicsek und Jayson Syrette
Freundinnen ... Cristina Commisso, Katherina Nakui, Rosa Wijsman
Schwäne Cristina Commisso, Ayaka Kamei, Katherina Nakui, Marine Sanchez Egasse, Rosa Wijsman, Lennart Huysentruyt, Neven Del Canto, Péter Dániel Matkaicsek und Jayson Syrette
Osnabrücker Symphonieorchester
Premiere war am 22. Oktober 2016.
Weitere Termine: 16., 18., 25. 11. / 14., 15. 12. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-osnabrueck.de/ensemble/dance-company.html


Post an Sina-Christin Wilk

scriptura-novitas.de



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