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Tanz im August 2015 / Uraufführung

Constanza Macras / DorkyPark

THE GHOSTS


Bewertung:    



Zu Beginn von The Ghosts, der neuen Tanzperformance der bereits seit langem in Berlin residierenden argentinischen Choreografin Constanza Macras, zerreißen zwei markerschütternde Schreie den Theatersaal der Schaubühne am Lehniner Platz. Wie in einer Art Séance alter chinesischer Mythen schließt sich eine Prozession weiß verhüllter Gestalten an, begleitet von drei chinesischen Akrobatinnen, die in jeder Hand surrend drei Teller jonglieren. Mit einem alten chinesischen Jonglage-Gerät aus zwei Halbkugeln, dem sogenannten Diabolo (Deutsch: durcheinanderwerfen), das u.a. auch bei Straßenkünstlern sehr beliebt ist, erzeugt dazu einer der beiden großartigen ebenfalls chinesischen Musiker ein anschwellend sonores Geräusch in der Luft. Zum Abschluss vom TANZ IM AUGUST 2015 hat auch Constanza Macras passend zum diesjährigen Asien-Schwerpunkt einen ganz interessanten Beitrag über aussortierte chinesische Akrobaten abgeliefert.

Bereits in The Past zeigte sich Macras‘ Affinität zu asiatischen Schlangenmenschen, als sich ihr japanischer Tänzer Nile Koetting aus einer Einkaufstasche schälte. Nun vergleicht die Choreografin die schon in jungen Jahren in staatlichen chinesischen Akrobatenschulen gedrillten und dann bereits mit Mitte Zwanzig kurz nach ihrem Leistungshöhepunkt ohne ökonomische Absicherung wieder aussortierten Künstler mit den sogenannten „hungrigen Geistern“ aus der asiatischen Mythologie, die von Geistern verstorbener Ahnen berichtet, die immer wieder nach Hause zurückkehren, um ihren Hunger zu stillen. Um diese Geister zu besänftigen, stellen ihnen die Verwandten bei einem jährlichen Fest in Form von Essen und verbranntem Geld Opfergaben vor die Tür. Eine fast ebenso lange Tradition hat auch die Akrobatik in China.

Der deutsche Zuschauer liebt das Dokutheater, hat die 15jährige Huanhuan Zhang bei den Proben gelernt, und so erzählt die junge Akrobatin anhand eines Vortrags mittels an die Rückwand der Bühne geworfenen Videobildern von ihrem Alltag auf einem chinesischen Vergnügungspark, auf dem sie mit den beiden Schwestern Xiaorui Pan und Huimin Zhang, die ebenfalls im Stück mitwirken, und ihrem Onkel als Akrobatentruppe auftritt. Das so Vorgetragene wird noch durch weitere Biografien ergänzt inklusive der Geschichte der chinesischen Akrobatik. Bereits vor unserer Zeitrechnung verbürgt, wurde sie im 14. Jahrhundert Volkskunst und schließlich auch von den Kommunisten in den 1950er Jahre entdeckt. Mao spannte die Akrobatik als „revolutionäre Kunst“ für seine Ziele ein. Constanza Macras‘ TänzerInnen bilden hier immer wieder kämpferische Gemeinschafts-Tableaus mit den chinesischen Akrobaten. Weiter erfahren wir, dass sich der soziale Status der Truppen in den staatlichen Akrobatenschulen zunächst verbesserte, allerdings die Akrobatik in der Zeit der Kulturrevolution dann auch schnell wieder als bürgerliche Unterhaltungskunst verunglimpft wurde

So reihen sich die Vorträge an artistische Nummern wie Jonglagen, Körper-Kontorsionen und Akrobatik an einem von der Decke hängendem Tuch. Es wird viel auf Händen gelaufen und zirzensisch in den Seilen gehangen. Eines der Mädchen jongliert liegend relativ abenteuerlich zunächst einen großen Tisch und dann eine ihrer Schwestern auf den Füßen. Irgendwann sind wir dann auch noch auf dem Tian'anmen-Platz und landen schließlich in der Gegenwart der sich rasant entwickelnden chinesischen Industriegesellschaft, in der die Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden in den damals noch blauen Himmel schießen. China startet zum nächsten großen Sprung. Sogar die Einkind-Politik wird noch mit eingeflochten. Dabei kommt nochmal sehr schön der Mythos der traurigen Geisterfrauen zum Tragen. Eine Tochter ist kein Junge, aber am Ende besser als nichts, und kann zumindest als Akrobatin den Unterhalt für das Studium eines Familienmitglieds erarbeiten.

Nach dem Entzünden einer auf der Bühne stehenden Opferschale gibt es noch einen schönen Auftritt der Frauen in Ballkleidern, die künstlerische Wiederbelebung der „Hungergeister“ will aber so recht nicht gelingen. Der viele Text und die natürlich das Publikum begeisternden, akrobatischen Darbietungen dominieren die ganze Performance und drücken das tänzerische Element zu sehr an den Rand. Die fünf unterstützenden TänzerInnen von DorkyPark treten dabei zu Gunsten der chinesischen ProtagonistInnen und ihrer Emotionen heischenden Geschichten fast völlig in den Hintergrund. Es ist dann auch mehr die mit alten chinesischen Instrumenten erzeugte, wunderbar schräg anmutende Musik, die sich als wirklich künstlerisches Ereignis an diesem sonst so disparaten Abend angenehm ins Unterbewusstsein drängt.



The Ghosts in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Thomas Aurin

Stefan Bock - 6. September 2015
ID 8852
THE GHOSTS (Schaubühne am Lehniner Platz, 03.09.2015)
Regie / Choreografie: Constanza Macras
Dramaturgie: Carmen Mehnert
Von und mit: Emil Bordas, Fernanda Farah, Daisy Phillips, Yi Liu, Juliana Neves, Huanhuan Zhang, Huimin Zhang, Xiaorui Pan, Lu Ge, Chico Mello, Wu Wei und Jiannan Chen
Musik: Chico Mello und Wu Wei in Zusammenarbeit mit Wu Wei, Jiannan Chen, Fernanda Farah und Yi Liu
Licht: Sergio Pessanha
Sound: Stephan Wöhrmann
Video- & Fotodesign: Manuel Osterholt
Bühnenbild: Janina Audick
Bühnenbild-Assistenz: Veronica Wüst
Kostüm: Alison Saunders
TANZ IM AUGUST 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.tanzimaugust.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

Tanz im August



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