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IMMERSION 2017

Nationaltheater Reinickendorf

Vegard Vinge / Ida Müller


Ibsen Saga 7 von Vinge/Mueller | Foto (C) Nationaltheater Reinickendorf

Bewertung:    



Vegard Vinge und Ida Müller wurden mit ihren Ibsen-Schlachten im Berliner Prater um eine 24-Stunden-Wildente und den gescheiterten Banker John Gabriel Borgmann bekannt. Letzterer war 2012 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Danach hatten sie ein 12-Spartenhaus ausgerufen und sich mit Ibsens Volksfeind darin verschanzt. Vier Jahre war es ruhig um das Duo, nun haben ihnen die Berliner Festspiele eine Lagerhalle am Reinickendorfer Eichborndamm für die Gründung eines „Nationaltheater Reinickendorf“ gemietet. Das klingt groß und anachronistisch zugleich. In einer Zeit, in der sich die Theater betont international geben, rühren Vinge/Müller in einem braunen Brei aus deutsch-norwegischen Nationalepen. Nietzsche und Wagner treffen Ibsen und einen bekannten Dänenprinzen mit Vaterkomplex. Dieses Totaltheater ist im Sinne der Kunst weder didaktisch noch aufklärerisch, sondern eine bombastische Verschwendung von Ressourcen, ein Angriff auf alle Sinne und hat nachweislich viele junge Theaterschaffende inspiriert. Es ist ein diktatorischer Spartenmix, der gefährliches Suchtpotenzial birgt und damit fast schon bedrohlich immersiv wirkt.

Das neue Theaterformat der Festspiele steht unter dem Motto IMMERSION. Ein Eintauchen in den Vinge/Müller-Kosmos kann da durchaus lohnend sein, vorausgesetzt man bringt genügend Zeit mit.

Zu diesem Anlass dürfen auch ruhig mal ein paar Flaschen Rotkäppchen-Sekt geköpft werden. Eine für jeden Tag, wie eine der beiden grell-düster geschminkten Zombie-Figuren aus Vinges Ibsen-Imperium droht. Es ist der Baumeister Solness mit seiner Frau Aline, die uns hier im Vorraum empfangen. Wer nicht aufpasst, nimmt eine Sektdusche. Die Gläser fliegen hinterher. Der Baumeister preist die Vorzüge des schönen Bezirks Reinickendorf im Norden Berlins, wo sich buchstäblich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, und auf dem Heimweg Meister Reinicke tatsächlich über den Hof des benachbarten ALDI-Markts schleicht. Schlauer Stadtfuchs trifft gierige Performancehyäne, die lachend ihre Zähne in das Aas Stadttheater schlägt. Hier ist nicht nur Totentanz vor dem Reinickendorfer Finanzamt, heute Nacht ist ganz große Oper angesagt: „Verdi versus Puccini“.

Doch zunächst müssen noch alle Wartenden bei einer Glückstombola ihre Platznummern, die auf Tischtennisbällen stehen, aus einem Betonmischer ziehen. Der Blick schweift, sieht Aufschriften wie „Dramaturgischer Tunnel“, „Bio-Logisches Theater“ oder „Fort Bravo“. Es gibt Splattervideos, und man hört ein schnarrendes, nicht enden wollendes Bla-Bla in R-rollender Dauerschleife. So macht Vinge wie immer sein Publikum mürbe. Während bei einigen das Warten nur das Verlangen umso mehr steigert, sitzen andere schon etwas gelangweilt in den Ecken des Vorraums und spielen mit ihren Smartphones. Bei den eingefleischten Vinge-Jüngern hat sich eh mit der Zeit schon etwas Routine eingeschlichen. Routiniert läuft auch „Die Maschine“ des Spiels. Da der Solness-Darsteller angeblich den Eingang nicht findet, hilft Vinge irgendwann von innen nach und schlägt seitlich ein Loch in „Das neue Haus“. Ein Satz der fast mantra-artig ständig wiederholt wird. Nach über einer Stunde werden wir dann endlich gebeten, das Allerheiligste durch den Hintereingang zu betreten. Dieses Eingangsszenario hätte auch noch ewig so weitergehen können, man kennt das vom 12-Spartenhaus, das sich damals dem ehrerbietig wartenden Publikum partout nicht öffnen wollte.

Der Saal kommt einem angenehm bekannt vor. Die Sitzreihen und das gemalte Bühnenportal sind wie im Prater. Hinten gibt es Stehplätze und vorn wie in einem Ballhaus einzelne Tische, an die später auch Essen gebracht wird. Meister Vinge kommentiert alles und gibt präzise Anweisungen. Man ist in ständiger Beobachtung. „Welcome to the Pleasuredome“ steht über dem Bühnenportal, darunter „Das Schauspiel sei die Schlinge“, was ein Verweis auf Shakespeares Hamlet ist, der auch noch eine Rolle spielen wird. Dann erstmal nur Live-Video. Eine Spielplankonferenz der Theaterleitung mit Direktor, Geschäftsführer, Chefdramaturg und künstlerischem Leiter teilt den Inhalt eines Geldkoffers auf. Vinge beklagt „Die Wunde“, die die lange Abwesenheit in ihn geschlagen habe. Mit viel Theaterblut und sogenanntem „Artistic Juice" in Gläsern wird rumgematscht. Es erklingen Arien aus Puccinis Tosca. Der Maler Cavaradossi hat eine ganze Galerie Panini-Fußballsammelbilder geschaffen. Vinge nennt die inneren Räume, aus denen übertragen wird, dann auch „Die Panini-Kathedrale“. Später kann man sie noch betreten und die ganze Pracht nebst Nazi-U-Boot und Vinge-Skulptur bewundern.

Ansonsten wird relativ erkennbar in einzelnen Szenen Ibsens Baumeister Solness gespielt, was knapp eine Woche nach dem Volksbühnenende wie eine Reminiszenz an Frank Castorf wirkt. Man hat die Kunstkampfgefährten vom Rosa-Luxemburg-Platz nicht vergessen. Wenn die Kamera durch die Gänge schweift, hängen neben Filmplakaten von Arnold Schwarzenegger und Clint Eastwood auch Comicstrips der Pratersaga von René Pollesch und Bert Neumann als Denkmal auf dem Platz, wo einst das Räuberrad stand. Natürlich gibt es auch das gewohnte Ekeltheater mit Blut, Kot und Sperma. Es ist da nur konsequent, wenn der Baumeister die Kunstkacke von Hilde „Lolita“ Wangel selbst essen muss. Auch zu lachen gibt es einiges, noch nie waren die Szenen mit einer solchen Liebe zum Wortwitz gestaltet. Da wirkt ein Dinner bei Familie Solness fast schon wie ein Sketch von Loriot.

Man soll ja nicht so viel spoilern, auch wird bekanntlich für jeden der Abend in seiner bis zu 12 Stunden Länge anderes verlaufen, aber wenn sich dann doch hin und wieder auf Anweisung Vinges der Vorhang öffnet, dann weitet sich auch der Vinge/Müller-Kosmos ins Unendliche. Da mauert sich Solness in einen Turm des schlechten Gewissens ein, und eine gottähnliche Figur malt über einem Wolkenmeer die Sonne an. King-Kong Solness kämpft mit dem jungen Rivalen Ragnar, in dem Ida Müller steckt, und nach einer Catch-Einlage geht der Blick bis tief auf die Hinterbühne. Es wird nicht nur ohrenbetäubend laut Tosca gegeben, es erklingen auch Madonna und die obligatorischen Modern Talking. Pappmaché-Chöre fahren vom Bühnenhimmel herunter, und immer wieder wird auch auf Wagners Parsifal und die Gralsritterrunde angespielt. Markante, immer wiederholte Sätze aus dem Solness stehen neben bildlichen Zitaten von Fritz Lang über Kubrick bis zu Brecht und Heiner Müller.

Das erreicht über die Stunden nicht unbedingt die Wucht des Borkman, aber es ist immer noch genug Wut da, um auf die Institution Theater zu scheißen. Ein radikaler Spukhaus-Exorzismus eines Kunst-Wahnsinnigen, der gefühlte Stunden lang die Bühne umdekoriert, ohne sich auch nur für Augenblicke aus der Ruhe bringen zu lassen. Immer höher, immer weiter. „Es kann nur einen Baumeister geben.“ Vor ein paar Tagen hatte noch Kay Voges, Dortmunder Intendant, Regisseur und Borderline-Experte in einer Gesprächsrunde zur Immersion über Virtual Reality eine Akademie für Digitalität und Darstellende Kunst sowie über Medienkompetenz referiert. In Vinge/Müllers Nationaltheater gibt es auf allen Sendern des „Radios Reinickendorf" noch ganz real voll auf die 12 - Sparten, versteht sich.



Ibsen Saga 7 von Vinge/Mueller | Foto (C) Nationaltheater Reinickendorf

Stefan Bock - 8. Juli 2017
ID 10131
Nationaltheater Reinickendorf (06.07.2017)
Von und mit: Malin Andreasson, Laszlo Antal, Max Philip Aschenbrenner, Pelle Ask, Kirsten Astrup, Jonas Blume, Maximilian Brauer, Martin Breine, Katarina Caspersen, Torbjørn Davidsen, Ilaria Di Carlo, Michael Duté, Robert Faber, Hadas Foguel, Martin Gehrmann, Zoe Goldstein, Florian Gwinner, Roman Hagenbrock, Tobias Hagge, Martin Heise, Christopher Heisler, Snorre Sjønøst Henriksen, Margarita Hoffmann, Marc Hönninger, Katerina Ivanova, Joachim Janner, Ofelia Jarl Ortega, Gesine Kaufmann, Saebom Kim, Rosina Koch, Harald Kolaas, Candie Koschnik, David Kunold, Anne Kutzner, Daniel Mecklenburg, Anastasia Mikhaylova, Ida Müller, stefanpaul, Laurent Pellissier, Marc Philipps, Adam Read, Trond Reinholdtsen, Hanna Rode, Michael Rudolph, Susanne Sachsse, Pamela Schlewinski, Ole Schmidt, Judith Seither, Ville Sepännen, Rebecca Shein, Bastian Späth, Micha Spanknöbel, Stephen Stegmaier, Gabriel Stenlund Larsen, Tilman van Tankeren, Sarah Teichmann, Arnt Christian Teigen, Hans Georg Teubert, Loukas Troll, Marianne Tuckman, Vegard Vinge, Dominik Wagner, Silke Weyer, Petter Width Kristiansen und Yassu Yabara
Premiere im Nationaltheater Reinickendorf war am 6. Juli 2017.
Weitere Termine: 08., 13., 15., 18., 22., 26., 28., 30.07.2017
Eine Produktion von Vinge/Müller & Berliner Festspiele


Weitere Infos siehe auch: https://www.nationaltheaterreinickendorf.com


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

IMMERSION



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