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Festival

Toter Hund in der Chemischen Reinigung: die Starken


Angélica Liddell will zum Auftakt des FIND in der Schaubühne mit ihrem Stück über eine totalitäre Dystopie provozieren, liefert aber nur in theorielastiges pathetisches Pamphlet ab



Bewertung:    



Das Festival Internationale Neue Dramatik (FIND) an der Schaubühne ist zur schönen Tradition im Berliner Frühling geworden. Seit dem Wochenende kann man diesen endlich auch so nennen. Die Temperaturen steigen wie die Spannung auf eine gute Woche mit einer Vielzahl internationaler Theaterproduktionen, die die Schaubühne unter dem Motto „Demokratie und Tragödie“ präsentiert. Dazu schreiben die Veranstalter: „Seit der griechischen Antike sind Demokratie und Tragödie miteinander verbunden, denn hinter der attischen Demokratie stand die Erfahrung der Tragödie als politisches Bewusstsein und Beschreibung des Daseins.“ Das Theater als Ort eines gemeinschaftlichen reinigenden Rituals und Erkenntnis von Schuld und Missbildungen der politischen Wirklichkeit einer Gesellschaft. Ob die gute alte Katharsis in den Zeiten von Populismus, Abgrenzung und totalitärem Denken noch funktioniert, kann man nun bis zum 9. April im Haus am Lehniner Platz überprüfen.

*

Den Auftakt macht ein Stück der spanischen Regisseurin und Performerin Angélica Liddell. Wer ihre exzessiven Körperperformances kennt, in denen sie persönliche, institutionelle und politische Gewalt sowie Chauvinismus und Kulturfeindlichkeit in der westlichen Gesellschaft buchstäblich am eigenen Leib erfahrbar machen will, der wird diesmal vermutlich etwas enttäuscht nach Hause gehen. In Toter Hund in der Chemischen Reinigung: die Starken, ein Text, den Liddell bereits vor zehn Jahren unter dem Eindruck des Einmarsches der USA in den Irak geschrieben hat, führt sie nur Regie und arbeitet dabei mit einem Ensemble aus Schaubühnen-DarstellerInnen.

Der besagte tote Hund wird hier von Damir Avdic dargestellt, der zu Beginn erstmal ein paar Stühle mit einer Axt zerschlägt, bevor er unmissverständlich klarstellt, dass ein Hund mehr Geld als ein „scheiß Schauspieler“ bekommt und daher die Besetzung mit ihm für die Schaubühne günstiger sei. Das wird nicht sein einziger verbaler Ausbruch an diesem immerhin über zweieinhalbstündigen Abend bleiben. Immer wieder steht er von seinem Stuhl neben der kleinen, mit Rollrasen ausgelegten Podestspielfläche auf und schwingt neben der Axt noch weitere Wutreden zum Thema Macht, Vernunft, Freiheit und sklavische Anbiederung an das vergnügungssüchtige Publikum.

Liddell bedient sich in ihrem Thesentext bei den großen Philosophen der Zeit der französischen Aufklärung. Mit einem Holzspan die Welt in Brand setzen, will der Hundedarsteller. Ein Hinweis darauf, dass die Fackel der Aufklärung nicht nur Licht ins Dunkel bringt. Neben dem philosophischen Dialog Rameaus Neffe von Denis Diderot steht hier vor allem das Hauptwerk von Jean-Jacques Rousseau Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des politischen Rechtes im Mittelpunkt. Der Gesellschaftsvertrag, den wir alle unterschrieben haben, wie es Avdic erklärt. „Die Erhaltung des Staates ist mit der Erhaltung des Feindes inkompatibel. Einer von beiden muss sterben.“ Die Umkehrung der Rousseau-Thesen hin zum totalitären Staat, der Sicherheit vor dem Feind bietet.

Nun kann man im toten Hund durchaus den Neffen Rameaus wiedererkennen. Ein zynischer, gescheiterter Künstler und Neffe des französischen Komponisten Jean-Philippe Rameau, von dem immer wieder einige Takte barocker Musik eingespielt werden. Ein Dialog zwischen dem bewusst von Liddell eingesetzten Agent Provocateur und dem aufgeklärten Publikum, dem er allerdings auch eine „universale Kleingeistigkeit“ attestiert, will aber so recht nicht in Gang kommen. Allein daraus wird ja auch noch kein abendfüllendes Stück, zumal Damir Avdic in einer improvisierten Pause dem unwilligen Teil des Publikums die Gelegenheit gibt zu gehen, was prompt auch einige Zuschauer tun. Der Befreiungsschlag geht ins Leere, was als Akt der Publikums-Überforderung so auch gewollt ist.

Zwischen diesen mit ordentlichem Furor vorgetragenen Ansprachen und Publikumsbeschimpfungen seitens Damir Avdic gibt es aber noch so etwas wie eine Stückhandlung, die sich ohne Erklärung allerdings kaum erschließt. In einem totalitären Staat, der alle Fremde ausgewiesen hat, treffen in einer chemischen Reinigung verschiedene Randexistenzen aufeinander. Es soll dreckige Wäsche gewaschen werden, wie es heißt. Octavio, ein Angestellter der Reinigung (Ulrich Hoppe) vergeht sich an der Wäsche der Kunden und begehrt auch seine Schwester, die Prostituierte Getsemaní (Iris Becher), die ihrerseits dem ehemaligen Museumswächter Lazar (Lukas Turtur) hinterherläuft. Der leidet an Panikattacken, verursacht durch die strengen Sicherheitsvorkehrungen im Museum. Lazar wiederum begehrt die Lehrerin Hadewijch (Veronika Bachfischer), die wegen sexueller Handlungen mit einem minderjährigen Schüler entlassen wurde.

Sprichwörtlich in Trab gehalten werden sie vom Spielleiter Combeferre (Renato Schuch), einer Figur aus Victor Hugos Roman Die Elenden. Im Fußballerdress gibt er Anweisungen und lässt die mit Startnummern auf dem Rücken versehenen Paare immer wieder um das Rasenviereck joggen. Dabei sondern Sie weiter einen Brei aus Zitaten, Gefühlsäußerungen und kaum verständlichen Handlungsbrocken ab. Das lückenlos funktionierende System aus Sicherheit und Strafe lässt ihre inneren Ängste, Schuldgefühle und Gewaltphantasien in Schreien und körperlichen Zuckungen hervortreten. Der Preis der Freiheit ist der Tod auf der Straße. Leichen werden gezählt und in Beziehung zueinander gesetzt. Ihr Martyrium überträgt sich bleiern auf das Publikum.

Es folgt noch eine Examinierung der Fünf durch eine kopftuchtragende arabische Lehrerin (Susana Abdul Majid) zum Thema Europa. Ein zynisches Herbeten von Phrasen. Eine sehr pessimistische Zivilisation- und Gesellschaftskritik. Iris Becher im schmutzigen Rokokokleid phantasiert noch vom Sperma ihrer Liebe, das sie sich spritzen will. Eine Poesie, die etwas am hehren ernsten Ziel der Veranstaltung vorbeischießt. Die Rettung, wie es der tote Hund formuliert, wäre ein Humanismus, der rebelliert, die Macht in Frage stellt. Davon ist hier leider wenig zu spüren. Die diskursive Dichte eines Pollesch-Textes erreicht das mit viel theoretischem Ballast aufgeblasene Pamphlet nie. Eher noch die visuelle Pathetik eines Romeo Castellucci, den wir noch am Ende des Festivals zu sehen bekommen.



Toter Hund in der Chemischen Reinigung: die Starken in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Gianmarco Bresadola

Stefan Bock - 31. März 2017
ID 9947
TOTER HUND IN DER CHEMISCHEN REINIGUNG: DIE STARKEN (Schaubühne am Lehniner Platz, 30.03.2017)
Regie, Bühne und Kostüme: Angélica Liddell
Mitarbeit Regie: Gumersindo Puche
Sounddesign: Antonio Navarro
Licht: Carlos Marquerie
Dramaturgie: Florian Borchmeyer
Besetzung:
Der Hund ... Damir Avdic
Getsemaní ... Iris Becher
Octavio ... Ulrich Hoppe
Combeferre ... Renato Schuch
Lazar ... Lukas Turtur
Hadewijch ... Veronika Bachfischer
Susana ... Susana AbdulMajid
Premiere der DSE war am 30. März 2017.
Weitere Termine: 01., 11. und 12.04. / 08.- 10.05.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de/


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