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F.I.N.D. 2014 - Festival Internationale Neue Dramatik

Noch bis 13. April 2014 - Schaubühne am Lehniner Platz

MEAT

240  Stunden Performance-Installation (Schweden) von Thomas Bo Nilsson


MEAT in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Matt Lambert

Meat Life (fleischliches Leben) ist eine Szene-Bezeichnung für das reale Leben von Cyberspace-Protagonisten außerhalb ihrer virtuellen Aktivitäten, das viele von ihnen aber zunehmend auch vorzugsweise ins World Wide Web verlegt haben. Der ehemalige kanadische Pornodarsteller, Stripper und Escort Luka Rocco Magnotta scheint da irgendwann etwas durcheinandergebracht zu haben. Aus seinen zahlreichen Online-Identitäten aufgetaucht, lebte er seine virtuellen Obsessionen plötzlich auch real aus. Man wirft ihm vor, einen chinesischen Studenten ermordet, zerstückelt und sich an der Leiche vergangen zu haben. Das Video zur Tat soll Magnotta ins Internet gestellt und Leichenteile an kanadische Politiker versschickt haben. 2012 wurde er in einem Neuköllner Internetcafé erkannt und verhaftet. Im September diesen Jahres wird ihm in Kanada der Prozess gemacht.

Diese verrückte Story des mutmaßlichen Kannibalen von Montreal hat Thomas Bo Nilson, den ehemaligen Bühnenbildner der Performancetruppe Signa, inspiriert, die verschobene Lebenswelt Magnottas im Studio der Schaubühne nachzubauen und mit bis zu 60 Performern zu bevölkern. Während des Festivals Internationaler Dramatik werden sie bis zum 13. März 240 Stunden rund um die Uhr dort leben. Es ist keine heile Welt, und schon gar nicht deren Abbild. MEAT ist der Entwurf einer ins Reale transformierten Gegenwelt im Spiegel unserer Vorstellungen. „If you don’t like the reflection. Don’t look in the mirror. I don’t care.“ lautet ein in roten Lettern geschriebenes Zitat aus einem Schrank in Magnottas Wohnung in Montreal. Ob man es tatsächlich mag, was man da zu sehen bekommt, oder nicht, muss dann aber schon jeder selbst herausbekommen.

„You can be whoever you want to be.” - ein Schlagwort der Netzcommunity wie auch der neoliberalen Gesellschaft. Die Verführung ist groß, das Versprechen auf ein ereignis- und erfolgreiches Leben nicht minder. Wer ließe sich da nicht bereitwillig an die Hand nehmen und in den illustren Kreis der MEAT-Community einführen. Bezeichnender Weise geschieht das dann auch beim Eintritt ins Innere des Schaubühnenstudios. Jeweils sechs Personen werden im Dreiminuten-Takt am Einlass von maskierten Damen und Herren abgeholt und erst einmal irgendwo in der Großrauminstallation abgestellt. Im Kreisrund einer angedeuteten Mall schmiegen sich kleine Läden dicht aneinander. Internetcafé, Asia-Imbiss, Bianca's Sexshop, Go-Go-Bar, ein Massage- und Kosmetikstudio und der Eingang zur Kneipe "Zu den drei Stufen" befinden sich hier.

Auf einer ersten Entdeckungstour fällt ein japanisches Pärchen im Schulmädchenlook auf, das in den Ecken steht oder ziellos die Flure durchstreift. Die schwarzhaarige Dame im Erotikshop erklärt ihren Kunden ihre Lustspielzeuge, Transvestiten kleiden sich für ihren Auftritt, ansonsten scheint alles noch wie in der Ruhe vor dem ersten Ansturm. Es ist später Nachmittag, es könnte also auch eine Art Endlos-Afterhour-Stimmung sein, die sich breit macht und einen förmlich mit runter zieht. Die vorherrschende Lage der Protagonisten ist dementsprechend noch größtenteils waagerecht, oder sie sitzen in den weichen Kissen der Sessel und Ledercouchgarnituren verkeilt. Es riecht nach angebranntem Essen in den hinteren Räumen. Verlebter und unaufgeräumter kann es in keiner Studenten-WG aussehen. Bo Nilson hat sich große Mühe gegeben bei der Gestaltung des verwohnten Charmes in Anlehnung an Objektkunst und Eat Art mit Billigmöbeln, herumliegenden Haushaltsartikeln und Essensresten sowie Postern von Pin-ups und Popsternchen an den Wänden. Allenthalben flimmern Flachbildschirme und zeigen Seiten von sozialen Netzwerken und Chats. Man fühlt sich wie ein nächtlicher Einbrecher oder Voyeur, der heimlich nach den Schätzen fremder Leute fahndet.

Schlager-Chanteuse Rita Bauer scheint zunächst die einzig wirklich Aktive hier. Sie wirbt für ihre Show in einer halben Stunde auf der kleinen Bühne der Kneipe. Vorher muss sie noch schnell ins Nagelstudio. Ein Fluchtpunkt, den auch andere Bewohner und Besucher gerne nutzen, sei es zur Massage, Gesichtskosmetik, zum Nägel lackieren, oder einfach nur Relaxen auf der Liege. Viel reden muss man hier nicht. Ansonsten ist das schon Bedingung, um überhaupt etwas zu erleben. Zu apathisch, ja fast schon wie unter Tranquilizer bewegen sich die lässig kostümierten Gestalten durch die Räume, rekeln sich müde in aufgewühlten Betten oder auch mal lasziv an der Go-Go-Stange. So etwas wie Leben suchend, wird man da eher in der Kneipe fündig, das pulsierende Herzstück inmitten der Installation. Das rustikale Holzambiente erinnert an Alt-Berliner Eck-Kneipen der 70er Jahre, und auch der Musikgeschmack des Trackertypen mit Bart, Basecap und Sonnenbrille hinter dem Tresen scheint irgendwo in dieser Zeit stehen geblieben zu sein. Das Speisekartendesign stammt aus einer DDR-HO-Gaststätte. Die Preise entsprechen allerdings schon Kudamm-Niveau.

Von einem Mann mit weißer Michael-Myers-Maske in Unterwäsche und Hauspantoffeln bekomme ich ein Glas Tonic. Er spricht nicht, möchte aber gern etwas in mein Notizbuch krakeln. Als das misslingt, legt er es einfach auf den Tresen und verschwindet. Später erfahre ich seinen Namen. Es ist Medeas Jason, der allein Zurückgebliebene spielt nun mit einer jungen Frau Mensch-ärgere dich-nicht. Typisch weibliches Helfersyndrom. Ein Zuhältertyp in weißer Jacke und Schlaghose holt seine Mutter ab, die schon sichtlich vor sich hin dämmert. Danach herrscht er seine opulente schwarzhaarige Begleitung an und befördert einen verdutzten Besucher mit fachgerechten Handgriffen vom Tresen direkt nach draußen. Und das alles während Rita Bauer versucht aus ihrem Leben als Schlagerstar in Regensburg zu erzählen. Ein zwanzig Jahre jüngerer Südländer namens Rado hatte ihr einst das Herz gebrochen. Vor dem Gang in die Donau bewahrte Rita nur die Liebe zu Hildegard Knef. Und auch für uns lässt sie noch einmal Rote Rosen regnen.

Richtig sentimental wird es, als der Rausschmeißer Herr Fuchs nach getaner Arbeit seiner geliebten Frau Armira, ebenfalls ganz in weiß, einen Song widmet. Es ist die Hymne der stets Daheimgebliebenen. Ihr Wohnzimmer und die große Bühne des Lebens haben sie hier "Zu den drei Stufen". Damals saß Udo Jürgens noch neben Frank Elstner auf der Wetten, dass?-Couch, und Hawaii war nur ein Toast auf der Speisekarte. Die Sehnsüchte nach der weiten Welt auf wenigen Quadratzentimetern Weizenbrot (Gudrun Rothaug: Vom Toast Hawaii zum Döner. Essen in Deutschland). Ich fliehe Bohnerwachsgeruch und Spießigkeit und mische mich wieder unter die Schaulustigen der Shoppingmall. Musternde Blicke, kurzer Smalltalk - außer einem „Haste mal Feuer“ hält sich die Anmache in Grenzen. Wer was erleben will, muss zahlen. Das Motto lautet: Meat and Greed.

Die Spuren des Canadian Psycho Luka Rocco Magnotta verlieren sich im Nichts. Eine Tür im Obergeschoss zeigt ein grünes Exit-Zeichen. Fluchtpunkt reale Welt oder gar letzter Ausgang aus einem künstlichen Albtraum? Hinter der Tapetenwand am Absatz einer Fluchttreppe sitzen zwei Feuerwehrmänner. Der Einbruch der Realität ins Spiel. Aktiv teilnehmen oder passiv beobachten? Es ist dann doch auch genauso wie im wahren Leben. Aber selbst zwei junge Mädchen, die mit Engelsstimmen Donuts im Sonderangebot anpreisen, können mich nicht mehr davon abhalten, den so Zeit wie geschichtsvergessenen Ort endgültig zu verlassen.



MEAT in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Matt Lambert



Bewertung:    


Stefan Bock - 9. April 2014
ID 7742
MEAT (Studio, 03.-13.04.2014)
Künstlerische Leitung: Thomas  Bo Nilsson, mit Borghildur Indriðadóttir, Julian Wolf Eicke und Olga Sonja Thorarenssen
Konzept, Regie und Text: Thomas  Bo Nilsson
Produktion: Borghildur Indriðadóttir
Bühne: Thomas  Bo Nilsson und Julian Wolf Eicke
Kostüme: Thomas  Bo Nilsson, Julian Wolf Eicke und Larissa Bechtold
Video und Web: Dominik Wagner
Sound Design: Dennis Beckmann
Choreographie: Matteo Marziano Graziano
Mit: Adela Bravo Sauras, Anton Perez, Ardian Hartono, Benjamin Mangelsdorf, Borghildur Indriðadóttir, Carolin Mylord, Cesare Benedetti, Charles Lemming, Christian Wagner, Claudia Kandefer, Danilo A. Sepulveda Cofre, Daniel Merten, Dennis Kwasny, Dolly, Dominik Hermanns, Dorothee Krüger, Elisabeth Kudela, Emanuele Capissi, Emiria Snyman, Eva Maria Jost, Eva Marie Bargfeld, Gianni v. Weitershausen, Glenn Crossley, Gregor Biermann, Jens Lassak, Jiwoon Ha, Joanna Nutall, Johannes Frick, Juan Corres Benito, Judith Seither, Julia Effertz, Julia Stina Schmidt, Julian Wolf Eicke, Karsten Zinser, Kay Minoura, Kirsten Burger, Lara Mándoki, Larissa Bechtold, Larissa Offner, Lina Axelsson, Lodi Doumit, Luca Angioi, Marcus Wagner, Maria Polydoropoulou, Marie Polo, Matteo Marziano Graziano, Maximilian Rösler, Mayla Arslan, Mia May, Ming Poon, Nils Malten, Nina Weniger, Olga Sonja Thorarensen, Peter Groom, Peter Sura, Rachel Foreman, Regula Steiner-Tomic, Ria Schindler, Safira Robens, Sophie Reichert, Stuart Meyers, Susana Abdulmajid, Taneshia Abt, Thomas Bo Nilsson, Tim-Fabian Hoffmann, Tomomi Tamagawa, Ute Reintjes, Ya-Hui Kuan und Yoni Downs
Einlass jeden Tag um 1.00, 5.00, 9.00, 13.00, 17.00, 21.00 letzter Einlass am 13.4. um 13 Uhr


Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/meat.html


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