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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Im Wartesaal

des Glücks



Glücklich die Glücklichen von Yasmina Reza - am Berliner Ensemble | Foto (C) Gianmarco Bresadola

Bewertung:    



Yasmina Rezas Roman Glücklich die Glücklichen (2014 bei Hanser auf Deutsch erschienen und 2018 im Pariser Théâtre La Scala auf die Bühne gebracht) gelangt nun in einer Adaption von Oliver Reese als deutsche Erstaufführung zum Spielzeitauftakt auf die kleine Bühne des Berliner Ensemble. Warum erst 8 Jahre später, mag sich auf den ersten Blick nicht gleich erschließen. Zuallererst ist die Vorlage aber ein Fest für ein gutes Schauspielensemble. Die in 22 Kapitel aufgeteilten Alltagsbeobachtungen von verschiedenen Einzelpersonen und Paaren, die abwechselnd in Monologen von Beziehungskonflikten, Affären und Einsamkeitsproblemen berichten, haben durchaus szenisches Potenzial.

Oliver Reese behält die Monologform des Romans bei, obwohl in den Berichten auch die jeweilige Person mit einer anderen spricht. Der innere Monolog als therapeutische Ausdrucksform zur Behandlung von Beziehungskrisen offenbart hier unterhaltsame wie auch düstere Seiten. Das hat meistens Witz, auf die Länge des Abends entstehen dabei aber auch ein paar Durchhänger. Reese destilliert aus den 18 Personen des Romans 12 zentrale Figuren, die auch lose miteinander verbandelt sind. Folgen die Episoden des Romans einer Entwicklung, so stehen sie doch hier mehr oder weniger zusammenhanglos nebeneinander.

Verbindend ist auf der von Hansjörg Hartung gestalteten Bühne im Neuen Haus am BE zuerst die holzvertäfelte Schrankwand, die die gesamte Szene rahmt und aus deren versteckten Türen die Figuren auf- und abtreten. Weitere Schranktüren verbergen Fächer für Kleidung, Küchengeräte oder eine Minibar. Ein paar Sitzgelegenheiten und eine sich beständig weiterdrehende Wanduhr lassen einen klinisch ungemütlichen Wartebereich vermuten. Die Figuren, die auch verschiedene Lebensalter verkörpern, stehen hier mit ihren Sehnsüchten, Obsessionen und Alltags-Frustrationen in einem Wartesaal des Glücks.

Dem Roman vorangestellt ist ein Zitat des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges: „Glücklich die Geliebten und die Liebenden und die auf die Liebe verzichten können. Glücklich die Glücklichen.“ Ein Leitspruch, den man relativ dehnbar interpretieren kann. Die einzelnen Figuren und Paare verbindet dann auch eher eine recht unterschiedliche Vorstellung von Glück. Die einzelnen Berichte sind geprägt von Verzweiflung, Wut und Resignation gemischt mit einer Prise Zynismus auf der einen und sehnsüchtigen Erwartungen und Unsicherheiten über die Zukunft auf der anderen Seite.

Reese beginnt nicht mit dem knalligen Ehestreit des zentralen Paars Odile und Robert Toscano an der Käsetheke eines Supermarkts, sondern mit dem kleinen Monolog der jungen alleinstehenden Sprechstundenhilfe Virginie Déruelle, die ihre Großtante im Altenheim besucht und vom Sohn einer Krebspatientin in der Praxis ihres Arztes schwärmt, dem sie aber nicht näher als bei einer stummen Fahrt im Aufzug kommt. Amelie Willberg verkörpert diese gehemmte, in ihren Tagträumen festhängende Person mit viel Verve und Sympathie. Der jungen Schauspielerin Loula Moreno, die sich immer wieder in die falschen Männer verliebt, verleiht sie eine gewisse Zerbrechlichkeit und doch auch einen Hauch von Trotz. Fast schon bösartig zynisch kommt da der Monolog des von Martin Rentzsch verkörperten Ernest Blot, der seiner Frau ein gemeinsames Grab verweigert und seine Asche verstreuen lassen will.

Für Heiterkeit sorgen da die Episoden mit den beiden Ehepaaren Odile und Robert Toscano (Cordelia Wege und Gerrit Jansen) sowie Hélène und Raoul Barnèche (Cordelia Wege und Oliver Kraushaar). Den bereits beschrieben Streit um den richtigen Käse zelebriert Gerrit Jansen wie ein von der Tarantel gestochener Hysteriker, während Cordelia Wege als seine Frau und Anwältin ganz nüchtern die Kälte und das Schweigen in ihrer Ehe beschreibt. Als Hélène Barnèche begegnet sie zufällige im Bus einem ehemaligen Ex-Lover, mit dem sie in einer sadomasochistischen Beziehung verstrickt war. Hier hat Cordelia Wege einen denkwürdigen Auftritt im Würgegriff des imaginierten Gegenübers.

Frauen scheinen hier immer wieder in sexuelle Abhängigkeiten und Verzweiflungs-Affären zu rutschen, während die Männer wie Raoul Barnèche ob eines Bridgespielfehlers seiner Frau erst einen Wutanfall bekommt und dann einen Nervenzusammenbruch erleidet. Als Macho-Machertyp Darius Ardashir darf sich Oliver Kraushaar als eitler Pfau spreizen, der seiner Frau ein eigenes Leben abspricht, während er eine Affaire nach der anderen hat. Sehr besonders auch die Darstellung des schwulen Arztes Philip Chemla durch Gerrit Jansen. Da verweben sich sexueller Missbrauch in der Familie, Sehnsucht nach Nähe und masochistische Gewalt-Obsessionen zu einer schwer erträglichen Mischung.

Immer wieder lässt Reese auch Figuren kurz stumm aufeinandertreffen, sich aber nie wirklich begegnen. Ein paar französische Chansons lockern den 2stündigen Abend etwas auf. Das ist hervorragend gespielt aber auch relativ erwartbar in seiner einfachen Dramaturgie. Am Ende sieht man wieder nur die Unmöglichkeit der bürgerlichen Zweierbeziehung und die unerfüllte Sehnsucht nach Liebe und Glück. Nicht viel Neues im Reza-Universum und am Berliner Ensemble. Da bleibt weiterhin alles beim Alten.



Glücklich die Glücklichen von Yasmina Reza - am Berliner Ensemble
Foto (C) Gianmarco Bresadola

Stefan Bock - 12. September 2026
ID 16036
GLÜCKLICH DIE GLÜCKLICHEN (Neues Haus, 11.09.2026)
nach dem Roman von Yasmina Reza

Regie: Oliver Reese
Bühne: Hansjörg Hartung
Kostüme: Elina Schnizler
Musik: Jörg Gollasch
Mitarbeit Musik: Laura Fischer
Licht: Hans Fründt
Dramaturgie: Johannes Nölting
Mit: Cordelia Wege, Gerrit Jansen, Martin Rentzsch, Oliver Kraushaar und Amelie Willberg
Premiere am Berliner Ensemble: 11. September 2026
Weitere Termine: 15., 16., 28., 29.09. / 17., 18.10.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.berliner-ensemble.de/


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