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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Sturmschneise

Sehnsuchtsrausch

samt Selbst-

entblößung



Sarah Waldner (als Viola) beim Crossdressing mit Marcel Hoffmann (als Narr) in Was ihr wollt - am Schauspiel Koblenz | Foto © Matthias Baus

Bewertung:    



Ein Pulk aus Akteuren tritt auf die dunkle Bühne. Sie wirbeln in fließenden Bewegungen durcheinander. Richtungswechsel und dynamische Drehungen sind asynchron und unvorhersehbar. Die Darsteller atmen stoßweise und schnell. Momente der Anspannung und Entladung wechseln. Die Figuren beugen sich und richten sich kraftvoll wieder auf.

Sebastian (Jan Sabo) sinkt, scheinbar überwältigt, zu Boden. Sachte trägt ihn ein Vertrauter, Antonio (Reinhard Riecke), rettend in den hinteren Bühnenbereich. Auch Sebastians Zwillingsschwester Viola (Sarah Waldner) liegt mittlerweile unbeweglich darnieder. Ein großes Netz, in dem sich Plastikmüll befindet, schwebt vom Bühnenhimmel herab und bedeckt sie alsbald komplett. Es ist das einzige Requisit auf der dunklen Bühne.

Gleich zu Anfang legt das sparsame Setting nahe, dass in Markus Bothes Inszenierung des Klassikers an die Phantasie des Publikums appelliert wird: Der Schiffbruch, den die Besatzung in Illyrien erleidet, wird nur durch Gesten der Akteure angedeutet. Auch die Garderobe der Figuren erscheint eher modern (Bühne und Kostüme: Regina Lorenz-Schweer). Viola und Sebastian vereint bald das Gefühl, einen geliebten Menschen verloren zu haben und sich in einer fremden Welt neu erfinden zu müssen.

Anfangs steht Viola im Zentrum des Bühnengeschehens. Sie verkleidet sich als Page „Cesario“ mit männlichen Attributen wie einem falschen Bart. Shakespeares Komödie spielt hier mit der Idee, dass die Geschlechtsidentität eine „Rolle“ sein kann, die man durch Kleidung und Verhalten anlegt. Der Geschlechterrollentausch bietet eine Projektionsfläche für Fragen wie: Wer bin ich wirklich? Zu Shakespeares Zeiten spielten Jünglinge die Viola, was das Crossdressing besonders reizvoll erscheinen ließ, so die Anglistin Anne Enderwitz im Koblenzer Programmheft. Sarah Waldner als Viola erinnert das Publikum stets daran, dass sie etwas darstellt, was sie nicht ist. Ihre Figur nimmt sich weiterhin selbst als Frau wahr und gesteht sich schon bald eine ausweglose Lage ein.

Viola tritt als Cesario in den Dienst des Herzogs Orsino (Jakob Mühe), den sie in einer Anfangsszene innig berührt beobachtete. Es entsteht ein turbulentes Liebesdreieck: Orsino liebt die Gräfin Olivia (Paula Charlotte Schindler). In seinem Auftrag wirbt Viola bald charmant um Olivias Liebe. Diese verliebt sich jedoch in den verkleideten Boten Cesario (alias Viola) und küsst ihn inniglich, während Viola selbst heimlich Gefühle für Orsino hegt. Die Verwirrung ist perfekt, als Violas totgeglaubter Zwillingsbruder auftaucht und für Cesario gehalten wird. Ein Spiel erotischer Anziehungskräfte, ein Aufbegehren und das Erkennen eigener Vorurteile – all das setzt Bothe temporeich und witzig um.

Der Hofnarr Feste (Marcel Hoffmann) durchschaut bereits zu Anfang die Maskerade Violas. Er lässt Blitze der Weisheit in seinem Geplapper aufscheinen und kommentiert scharfzüngig auch die Torheiten anderer Beteiligter: In einem Nebenstrang geht es um Olivias Onkel Sir Toby Rülp (Julian M. Boine), der sich spitzbübisch hemmungslos und mit nacktem Oberkörper zusammen mit dem einfältigen Junker Sir Andrew Bleichenwang (Christof Maria Kaiser) und der Zofe Maria (Dorothee Lochner) trinkfreudigen Gelagen und erotischen Vergnügungen hingibt. Es dominieren hier knallige Farben und eine gelöste Atmosphäre. Maria führt auch schon mal provokant, wie nebenbei, die Hand Sir Andrews in den Schritt der Hose von Sir Toby, wo diese dann gefühlt minutenlang verweilt. Auch andere Fingerspiele sorgen für Publikumslacher, bei denen der Symbolik eines Rings besondere Bedeutung zukommt (Dramaturgie: Andreas Wahlberg, dramaturgische Mitarbeit: Jan Stephan Schmieding).

Da das sogenannte Trio Infernale um Sir Toby vom strengen Haushofmeister Malvolio (Thomas Schweiberer) empfindlich gemaßregelt wird, heckt es einen Racheplan aus. An diesem beteiligt sich auch der zunächst beobachtende und eher vernünftige Diener Fabian (André Wittlich). Das Ensemble nutzt den Kontrast zwischen Shakespeares tiefgründiger Prosa und oberflächlicher Feierlaune, um die Themen Liebesrausch und Selbstbetrug zu unterstreichen.

Ein wesentlicher Teil der Aufführung sind die musikalischen Arrangements von Johannes Bartmes, die das Geschehen rhythmisch antreiben. Zusammen mit Michael Koschorreck an den Saiteninstrumenten und Andreas Eichenauer am Schlagwerk begleitet Bartmes live das Bühnengeschehen. Für beeindruckende Gesangssolos sorgen unter anderem Paula Charlotte Schindler in der Rolle der Olivia und Marcel Hoffmann als Narr Feste. Die Songs basieren teilweise auf lyrischen Vorlagen Shakespeares, werden aber in einem zeitgemäßen Gewand vorgetragen und spiegeln emotionale Ausnahmesituationen wie den Rausch oder eine gesteigerte Melancholie der Figuren.

Auch Jakob Mühe als Orsino und Thomas Schweiberer als Malvolio präsentieren ausdrucksstarke Gesangsstimmen. Sie zeigen auf geradezu köstliche Weise auf, dass ihre Figuren überkandidelt oder überspannt in Vorstellungen von sich selbst oder in ein Idealbild verliebt sind, statt sich auf die reale Person der Gräfin Olivia einzulassen. Am Beispiel von Malvolio werden choreographisch und voller Situationskomik grausame Seiten von Gruppendynamiken gezeigt, wie der Racheplan und die Ausgrenzung einer unliebsamen Person. Malvolio verlässt zu guter Letzt die Gruppe voller Groll.

Wortspiele und -gefechte im Versgestus erscheinen mitunter klamaukig in die Jetztzeit übertragen, etwa als Viola Orsinos bildliche Vergleiche in Zweifel zieht: „Frauen haben weniger Liebesschmerz: Wer sagt das, Friedrich Merz?“ Das hohe Tempo und die Lautstärke der Inszenierung überlagern mitunter die feinen und melancholischen Zwischentöne der Vorlage. Nichtsdestotrotz setzt Markus Bothe Shakespeares Komödie pointiert und höchst vergnüglich um.

Da das Große Haus am Deinhardplatz derzeit saniert wird, findet die Aufführung im Theaterzelt auf der Festung Ehrenbreitstein statt. Theaterkarten können auch als Seilbahnticket über den Rhein genutzt werden.



Was ihr wollt am Schauspiel Koblenz | Foto © Matthias Baus

Ansgar Skoda - 29. April 2026
ID 15824
WAS IHR WOLLT (Theaterzelt, 25.04.2026)
Inszenierung: Markus Bothe
Bühne und Kostüme: Regina Lorenz-Schweer
Musik: Johannes Bartmes
Dramaturgie: Andreas Wahlberg
Dramaturgische Mitarbeit: Jan Stephan Schmieding
Licht: Christofer Zirngibl
Theaterpädagogik: Andrea Caroline Junglas
Besetzung:
Orsino … Jakob Mühe
Viola … Sarah Waldner
Sebastian … Jan Sabo
Antonio … Reinhard Riecke
Olivia … Paula Charlotte Schindler
Maria … Dorothee Lochner
Sir Toby Rülps … Julian M. Boine
Sir Andrew Leichenwang … Christof Maria Kaiser
Malvolio … Thomas Schweiberer
Fabian … André Wittlich
Narr … Marcel Hoffmann
Johannes Bartmes, Tasteninstruente
Michael Koschorreck, Saiteninstrumente
Andreas Eichenauer, Schlagwerk
Premiere am Theater Koblenz: 25. April 2026
Weitere 01., 14., 17., 20., 27., 29.05./ 01., 07., 09., 11., 13.06.2026


Weitere Infos siehe auch: https://theater-koblenz.de


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