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Sehr

körper-

betont

TANZENDE IDIOTEN
von Thorsten Lensing


Tanzende Idioten von Thorsten Lensing (im Haus der Berliner Festspiele) | Foto (C) Armin Samilovic

Bewertung:    



Nach Voraufführungen im Theater im Pumpenhaus Münster kam Tanzende Idioten, die neue Produktion von Thorsten Lensing, gestern Abend im Rahmen der Performing Arts Season 2025/26 im Haus der Berliner Festspiele zur Uraufführung. Wie immer arbeitet Lensing mit einem Schauspielteam um Ursina Lardi, Sebastian Blomberg und André Jung zusammen. Hinzugekommen sind diesmal die Schauspielerin Karin Neuhäuser, der Schlagzeuger Willi Kellers und der Regieassistent Benjamin Eggers-Domsky. Der Titel des Stücks ist einem Interview mit dem US-amerikanischen Schriftsteller Denis Johnson (1949-2017) entnommen. Er bezeichnete seine Romanfiguren liebevoll als „tanzende Idioten“. Lensing benutzt weiterhin auch Texte aus Romanen und Kurzgeschichten des Autors sowie Originalzitate der NASA-Apollo-Missionen mit Neil Armstrong zum Mond.

Die Hauptfigur Goldie (Ursina Lardi) liegt im Streben und kann sich nicht mehr bewegen. Dennoch plant sie den Umbau ihres Hauses, um mit einem großen Glasdach die Natur zu sich hinzulassen, da sie selbst nicht mehr zu ihr hinauskann. Hier fallen dazu zu Beginn mit lautem Knall mehrere Stapel von Schalungsbrettern aus dem Schnürboden auf die Bühne (Capaul & Blumenthal architects). Sebastian Blomberg kriecht als Kater Apollo vorsichtig über den Bretterhaufen und verspeist genüsslich einen gefundenen, in Packpapier gewickelten Fisch. Anschließend beginnen Willi Kellers und Benjamin Eggers-Domsky eine Wand aus den Holzbrettern zu bauen. Ursina Lardi wird von den beiden in einer Plane auf die Bühne getragen. Von einem Gabelstapler herunter philosophiert sie über die Natur und ihr bevorstehendes Ende. Blomberg klettert als Kater auf die Plattform des Gabelstaplers zu ihr hoch und rekelt sich faul auf ihrem Körper. Wie immer ist das Spiel bei Lensing sehr instinktiv körperlich.

Unangemeldet zu Besuch kommt Goldis Vater Tony (André Jung) und seine neue Freundin Vivian (Karin Neuhäuser). Im Gegensatz zur Tochter, die mit ihrem Lebensende beschäftigt ist, will das frischgebackene Paar nochmal durchstarten und macht Pläne für einen Urlaub. Textlich ist das in diesem Fall nicht besonders aufregend, allein die körperbetonte Spielweise des eingeübten Ensembles sorgt mit viel Spielfreude und Slapsticknummern für Unterhaltung. Wer die Textpassagen von Denis Johnson nicht kennt, ist hier nicht unbedingt im Nachteil. Es geht um Hasenbabys, Schüsse ins Gesicht und gescheiterte Selbstmordversuche. Vater und Tochter sinnieren über ihre Beziehung und erste Blicke, Worte und Schritte Goldies in der Erinnerung des Vaters. Unbedingter Lebenswille, das Wissen über den Tod und den schwierigen Umgang damit bestimmen die leicht ironisch-melancholischen Philosophieansätze des Stücks, das sich bis zur Pause etwas chaotisch improvisiert hinzieht.

Nach der Pause beginnt Goldies Sterbeprozess, der sie als Fan der Apollo-Missionen im Astronautenanzug (Kostüme: Anette Guther, Nuria Heyck) ins All und auf den Mond führt. Auch hier dient der Gabelstapler wieder als nützliches Requisit. Blomberg als Apollo-Kater wird nun zu Neil Armstrong, und wir erleben eine lustig improvisierte Mondlandung „hochgerüsteter Affen“. Anschließend geht das gesamte Ensemble in die Sauna mit Aufguss. Zu einer Free-Jazz-Percussions-Einlage von Willi Kellers, der erst auf seinem Körper, dem Mikrofonständer und dann noch auf einem Schlagzeug performt, tanzen nun die lebenshungrigen „Idioten“, bis zur endgültigen Auflösung Goldies zwischen zwei Herzschlägen. Die nachfolgende Suche des Katers nach der Verschwundenen beschließt eine in ihrer Länge von 3 Stunden vielleicht etwas zu ausladende Geist- und Körper-Performance, in die man als Zuschauer nicht immer so magisch-poetisch wie noch in Lensings Verrückt nach Trost mit hineingezogen wird.



Tanzende Idioten von Thorsten Lensing (im Haus der Berliner Festspiele)
Foto (C) Armin Samilovic

Stefan Bock - 16. Januar 2026
ID 15652
TANZENDE IDIOTEN (Haus der Berliner Festspiele, 15.01.2026)
von Thorsten Lensing

Regie: Thorsten Lensing
Mitarbeit Regie: Benjamin Eggers-Domsky
Bühne: Gordian Blumenthal und Ramun Capaul (Capaul & Blumenthal architects)
Kostüme: Anette Guther und Nuria Heyck
Dramaturgie: Dan Kolber und Thierry Mousset
Dramaturgische Mitarbeit und Regieassistenz: Anne Inken Bickert
Produktionsleitung: Eva-Karen Tittmann und Philip Decker
Technische Leitung: Michael Klatt
Leitung Herstellung Bühne: Martina Schulle
Mit: Sebastian Blomberg, Benjamin Eggers-Domsky, André Jung, Ursina Lardi, Karin Neuhäuser und Willi Kellers (in alphabetischer Reihenfolge)
Premiere war am 15. Januar 2026.
Weitere Termine: 16., 17., 18.01.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinerfestspiele.de/


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