New Yorker
Broadway-Feeling
am Berliner
Kudamm
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Stereophonic von David Adjimi - in der Schaubühne Berlin | Foto (C) Gianmarco Bresadola
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Bewertung:
Schaubühnenintendant Thomas Ostermeier hat mit dem Stück Stereophonic, geschrieben vom US-amerikanischen Dramatiker David Adjmi (53), etwas Broadway-Feeling an den Kudamm geholt. Das 2023 im New Yorker Playwrights Horizons uraufgeführte Stück über eine fiktive Rockband, die in den 1970er Jahren über einen längeren Zeitraum ihr zweites Studioalbum aufnimmt, hält mittlerweile mit 13 Nominierungen den Rekord bei den US-amerikanischen Tony Awards. Die live im Stück gespielte Musik stammt vom Arcade-Fire-Musiker Will Butler. Nach New York und London interessieren sich momentan auch einige deutsche Bühnen für den Broadway-Hit. Ostermeier bringt nun die deutschsprachige Erstaufführung in einer Übersetzung von Marius von Mayenburg auf die Bühne am Lehniner Platz.
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Die Handlung des Stücks ist an die Einspielung des legendären Albums Rumours der Band Fleetwood Mac angelehnt. Das brachte Adjmi auch eine, allerdings erfolglose, Urheberrechtsklage der damaligen Studiotechniker und Produzenten Ken Caillat und Steven Stiefel ein, die im Stück ihre Memoiren Making Rumours wiederzuerkennen glaubten. Tatsächlich erinnern die Beziehungen der Bandmitglieder im Stück an die komplizierten Paar-Konstellationen zwischen Christine und John McVie sowie Stevie Nicks und Lindsey Buckingham von der Band Fleetwood Mac. Auch der Schlagzeuger des Stücks ähnelt dem Bandleader Mick Fleetwood. Und dass das Stück in den 1970er Jahren spielt, ist sicher nicht nur eine nostalgische Marotte des Autors, wie es im Programmheft heißt.
Der große Erfolg gibt Adjmi letzten Endes Recht. Davon möchte nun auch die Schaubühne profitieren. Wie im Original spielt auch die Schaubühnenfassung in einem Tonstudio, für das Bühnenbildnerin Magda Willi einen Aufnahmeraum mit den Instrumenten und Mikros hinter einer verglasten Trennwand zum Studio mit dem Mischpult gebaut hat. Die beiden Techniker Grover (Stefan Stern) und Charlie (David Ruland) sitzen dort mit dem Rücken zum Publikum an den Reglern und machen Soundcheck. Neben ihnen gibt es noch eine gemütliche Sitzecke mit Sofas und Couchtisch, in der noch ausgiebig gelümmelt, gekifft und gequatscht werden wird. Die Kaffeemaschine ist schon zu Beginn kaputt.
Die Kostüme von Vanessa Sampaio Borgmann, die auch öfter mal gewechselt werden, versprühen jede Menge 70er-Jahre-Charme. Die Bandmitglieder trudeln zu Beginn nacheinander mehr oder weniger durchnächtigt ein. Marcel Kohler als dem Koks und Alkohol zugetaner, stark verpeilter Bassist Reg scheint mit Langhaarperücke und Wolldecke gerade dem Woodstock-Cover entsprungen. Seine Frau, die Keyboarderin Holly (Eva Meckbach), hat seine Alkohol- und Drogeneskapaden satt und will sich von ihm trennen. Das Paar Diana & Peter (Magdalena Lermer & Moritz Gottwald) hat ebenfalls Probleme. Diana möchte nicht mehr nur Tamburin spielen und mit den Armen wedeln, sondern ihre eigenen Songs spielen, während Peter als Arrangeur und Leadgitarrist der Band einen notorischen Kontrollzwang ausübt und Diana ständig kritisiert und machohaft kleinhält. Unter diesen Umständen fällt es Schlagzeuger und „Banddaddy“ Simon (Thomas Witte) äußerst schwer, die Bandfamilie für die Plattenproduktion zusammenzuhalten und nebenbei noch seine eigene, schlecht laufende Beziehung zu retten.
In mehreren Kapiteln lässt Ostermeier die gestressten Bandmitglieder aufeinander los, was durchaus einiges an Situationskomik erzeugt, sich aber auch etwas übertrieben in die Länge zieht. Grover, der mit der Produktion des Albums und den Sonderwünschen und Allüren der Musiker sichtlich überfordert ist, wird zum Punchingball und muss sich vor allem gegenüber dem cholerischen Peter behaupten. Mit dem stoischen Charlie teilen sie viel Tontechniker-Gossip und lauschen auch gern den Streitereien in der Band. Bekifftes Gequatsche von Reg über Hausbootkriege wechselt mit angestrengten Diskussionen über Liebe und Beziehungsstress. Nebenbei behaupten und emanzipieren sich hier zwei exzellente Musikerinnen und Songwriterinnen im männlich dominierten Musikbusiness. Die Männer wirken oft wie bockige Jungs, denen man das Spielzeug weggenommen hat. Besonders Moritz Gottwald muss den narzisstischen Perfektionisten Peter immer wieder in die Karikatur treiben. Da klingt auch ein Vaterkomplex an.
Die sich als dokumentarisch verstehen wollende Stückhandlung zeigt den Probenprozess recht detailtreu in den vielen sich wiederholenden Takes, den minutiösen Versuchen das Scheppern der Snaredrum am Schlagzeug abzustellen, oder den Ausfall eines Tonkanals zu reparieren. So schwankt das Stück zwischen Boulevard, historischem Dokument einer Plattenproduktion sowie Künstler- und Emanzipationsdrama und findet letztendlich nur in der Livemusik seine wahre Mitte. Die Songs zum Stück werden hier aus den Proben heraus zunächst nur behutsam angespielt und entfalten schließlich in einigen ausgespielten Rockballaden ihren Sog, dem sich das Publikum eher hingibt als dem sich ziehenden Plot einer nicht enden wollenden Band- und Beziehungskrise, die das schaffende und leidende Künstlerindividuum zwischen Genie und Wahnsinn vorführt. Im Ergebnis der Musik zeigt sich der Abend eher als gelungen.
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Stereophonic von David Adjimi - in der Schaubühne Berlin | Foto (C) Gianmarco Bresadola
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Stefan Bock - 9. Oktober 2026 ID 16086
STEREOPHONIC (Schaubühne am Lehniner Platz, 07.10.2026)
von David Adjmi
Regie: Thomas Ostermeier
Autor: David Adjmi
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Vanessa Sampaio Borgmann
Musikalische Leitung: Thomas Witte
Mitarbeit Musikalische Leitung: David Riaño Molina
Sound Design: David Riaño Molina, Sven Poser und Joni Saksala
Video: Mikko Gaestel
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Mit: Moritz Gottwald, Marcel Kohler, Magdalena Lermer, Eva Meckbach, David Ruland, Stefan Stern und Thomas Witte
Premiere war am 7. Oktober 2026.
Weitere Termine: 09.-11.10./ 13.-15.11.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de
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