Zwischen
zwei Kriegen
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Mittwinter von Zinnie Harris | Bild (Detail): Metropoltheater München/Fotograf: Joel Heyd
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Bewertung:
Das erste Bild ist schon sehr stark: eine Frau zieht einen Pferdekadaver hinter sich her. Mit einem kleinen Messer schneidet sie ein Stück Fleisch heraus und stopft es sich gierig in den Mund. Überall tropft Blut.
(Achtung Tierfreunde! Wie im Programm ausgewiesen, wird in dieser Inszenierung ein Tierpräparat verwendet. Kein Tier kam dafür zu Schaden.)
Es ist Krieg und die Bedürftigkeit groß. Nicht nur nach Fleisch, auch nach Nähe. Als ein alter Mann mit einem halbverhungerten kleinen Jungen kommt, bietet die Frau (sehr eindringlich: Genija Rykova als Maud) das Kind zu ernähren. Aber nur, wenn es bei ihr bleibt. Der Großvater des Jungen willigt verzweifelt ein. Ihr eigenes Kind, erfährt man, ist tot, sie braucht einen Ersatz.
Und dann ist der Krieg zu Ende, und der Mann kommt nach Hause. Er ist froh einen Sohn zu haben. Der Großvater will ihn aber zurück. Jeder braucht das Kind auf seine Weise. Was der Junge Sirin Traumatisches erlebt hat, weiß man nicht, will auch keiner wissen. Er spricht nicht. Nur an seinem Gesichtsausdruck sieht man die Emotionen: ängstlich, staunend, verunsichert, abwehrend, bedürftig. Ganz großartig, wie Anna Graenzer diesen Jungen verkörpert. Man sieht ihr gebannt zu, ihr Gesicht spricht.
Die Unbehaustheit der Menschen zeigt sich in dem Bühnenbild aus geschwärzten Brettern (Bühne: Thomas Flach). Auch wenn sich hier ein Zuhause andeutet, es bleibt ungeschützt, unwirtlich.
Die Geschichte könnte am Ende des Dreißigjährigen Krieges spielen oder auch heute. Zeitlos, wie Krieg die Menschen zerstört, innerlich und äußerlich.
Die Soldaten erblinden nach und nach an einer geheimnisvollen Krankheit. Während der Heimkehrer Grenville (wie immer stark: Michele Cuciuffo) immer weniger sehen kann, werden die Lebenslügen klarer. Zorn und Enttäuschung entladen sich in Gewalt. Was sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges oft abgespielt haben mag, kann man nur erahnen, in Russland und anderswo ist das Problem sehr virulent.
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Die britische Dramatikerin Zinnie Harris (53) hatte ihr Stück Mittwinter bereits 2004 bei der Royal Shakespeare Company zur Uraufführung gebracht. Gerade heute zeigt es eine beunruhigende Aktualität. Daher eine gute Idee von Hausherrn und Regisseur Jochen Schölch es im Münchner Metropoltheater auf die Bühne zu bringen.
Auch wenn Maud alles versucht, ihre Vorstellung von einer kleinen Familie, von Normalität, festzuhalten, sie scheitert an ihren Lügengespinsten und an dem scheinbar Unausweichlichem, dem nächsten Krieg, denn: „Krieg ist so einfach zu beginnen wie Händeklatschen.“ Wäre das beim Frieden nur genauso.
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Mittwinter von Zinnie Harris | © Metropoltheater München/Fotograf: Joel Heyd
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Isabella Schmid – 21. Februar 2026 ID 15710
MITTWINTER (Metropoltheater München, 19.02.2026)
von Zinnie Harris
Regie: Jochen Schölch
Bühne: Thomas Flach
Kostüme: Sanna Dembowski
Licht: Martin Hermann
Maske: Katinka Wischnewski
Mit Michele Cuciuffo (als Grenville), Anna Graenzer (als Sirin), Paul Kaiser (als Trent), Genija Rykova (als Maud) und Thomas Schrimm (als Leonard)
Premiere war am 19. Februar 2026.
Weitere Termine: bis 29.03.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.metropoltheater.com
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