Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 6

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Premierenkritik

"Es kommen

kalte Zeiten

auf uns zu."



Jugend ohne Gott an den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Julian Baumann

Bewertung:    



Ein passender Einstieg: Vor der Premiere von Jugend ohne Gott betritt der Generalintendant des Theaters Magdeburg die Bühne der Münchner Kammerspiele. Was gerade in Sachsen-Anhalt passiert, treibt ihn, sein Team und das Publikum gleichermaßen um. Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt regieren sollte, wird sie das umsetzen, was sie in ihrem Wahlprogramm verkündet hat: die Kunst auf Linie zu bringen, und wer sich da nicht anpasst, dem werden die Mittel entzogen.

Obwohl Intendant Julien Chavaz auf Publikumsrekorde verweisen kann und auf die Auszeichnung „Theater des Jahres“ im Jahr 2025, sieht er sein Haus gefährdet und ruft nach Solidarität. Heftiger Applaus – und damit zum Stück:

Der Roman von Ödön von Horvath ist 1937 in einem Amsterdamer Exilverlag erschienen. Auch wenn NS-Regierung und Handlungszeit nie explizit erwähnt werden, sind die Parallelen zu Deutschland ab 1933 erkenntlich. Aus der Ich-Perspektive eines 34-jährigen Lehrers wird die zunehmende Verrohung und Desorientiertheit seiner Schüler erzählt.

Er ist ein Überforderter, der den Zusammenbruch seiner Eltern nach dem Ersten Weltkrieg erlebt hat. Jetzt soll er die Jugendlichen auf den nächsten Krieg vorbereiten. Sie reagieren nur noch zynisch und emotionslos, getrieben von Wut und Hass.

Horvaths Text sind Szenen der Autorin Anne Habermehl hinzugefügt, die den Jugendlichen eine Stimme verleihen sollen. Regisseurin Felicitas Brucker hat diese Rollen explizit nicht mit besonders jungen Schauspielern besetzt, es geht ihr mehr um eine Versuchsanordnung.

Die Schauspieler (Elias Krischke, Martin Weigel) und Schauspielerinnen (Jelena Kuljić, Maren Solty) bleiben aber trotz ihrer Bühnenpräsenz etwas ungreifbar in ihren Rollen. In dem sterilen Bühnenbild von Bettina Pommer, eingekreist von weißen Podesten mit hohen Stufen, finden sie keinen rechten Raum. Der schon übliche Soundteppich macht es auch nicht deutlicher. Über den Darstellenden schwebt ein Videoscreen, auf dem man bereits gedrehte Szenen oder eine Übertragung des aktuellen Bühnengeschehens sieht. Manchmal filmt jeder jeden, ja so ist es halt jetzt. Ansonsten spart man mit aktuellen Bezügen, die sich bei diesem Stoff aufdrängen würden.

Die Jugendlichen sind nicht zu retten, das macht die Vorlage von Horvath schonungslos klar. „Ohne Gott“ bedeutet bei Horvath eher ohne Werte, ohne inneren Kompass. Eine verlorene Generation, die unter der Emotionslosigkeit ihrer Eltern leidet und doch kein besseres Lebensmodell entwickeln kann. Trotzdem bleibt man seltsam unberührt in dieser Inszenierung.

Und der Lehrer? Erst als ein Schüler ermordet wird und er sich mitschuldig fühlt, bezieht er Stellung. Thomas Schmauser ist in dieser Rolle natürlich großartig, wie er sich so lange windet, hadert, zweifelt. Letztendlich weiß er, dass er seine Existenz verliert und gehen muss. So wie es auch Horvath ergangen ist, der nach anfänglicher Anpassung an das NS-Regime die Konsequenzen zog.



Jugend ohne Gott an den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Julian Baumann


*

Übrigens: Nach dem Leitungsteam des Magdeburger Schauspiels verlässt auch der Generalintendant Julien Chavaz, Sachsen-Anhalt. Er wird 2028 Opernintendant und Chef der Essener Philharmoniker.

Er kündigte aber an: „Ich habe Mut und Energie in diesen nächsten zwei Jahren zu kämpfen, damit dieses Theater weiter frei spielen kann.“


Dass danach ein ebenso erfolgreicher und kämpferischer Intendant folgt und folgen kann, bleibt zu hoffen. Denn, wie der Lehrer in Horvaths Roman sagt: „Es kommen kalte Zeiten auf uns zu.“
Isabella Schmid - 19. Oktober 2026
ID 16105
JUGEND OHNE GOTT (Münchner Kammerspiele, 17.10.2026)
nach dem Roman von Ödön von Horváth
Mit Szenen von Anne Habermehl
Regie: Felicitas Brucker
Bühne: Bettina Pommer
Kostüme: Teresa Vergho
Video: Lion Bischof
Musik: Markus Steinkellner
Lichtdesign: Maximilian Kraußmüller
Dramaturgie: Viola Hasselberg
Mit: Elias Krischke, Jelena Kuljić, Thomas Schmauser, Maren Solty und Martin Weigel
Premiere war am 17. Oktober 2026.
Weitere Termine: 20., 31.10./ 07., 23., 29.11./ 02., 17., 20.12.2026// 15., 26.01.2027


Weitere Infos siehe auch: https://www.muenchner-kammerspiele.de


Post an Isabella Schmid

Freie Szene

Premieren Musiktheater

Premieren Sprechtheater



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!    



Vielen Dank.



  Anzeige:



THEATER Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

BALLETT |
PERFORMANCE |
TANZTHEATER

CASTORFOPERN

FREIE SZENE

INTERVIEWS

PERSONEN

PREMIEREN-
KRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

RUHRTRIENNALE

SALZBURGER FESTSPIELE

URAUFFÜHRUNGEN


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal




Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2026 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)