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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Geschichtsparkour



Rimini Protokoll: House of Hopes in der Volksbühne Berlin | Foto (C) Lilli Kuschel

Bewertung:    



Ziemlich viel Volk hat sich zur Eröffnung der Intendanz von Matthias Lilienthal vor der Volksbühne versammelt. Seit August steht hier das Volksbad, das am 30. September nach großem Erfolg und einigen Kontroversen um rassistische Kampagnen wieder geschlossen hat. Zu Pommes und Bier konnte man nun dem Performerinnen-Kollektiv von Florentiner Holzinger beim Nacktputzen des Volksbühnenportals zusehen. Ein Spektakel mit Wasserfällen ("Volks Falls") und Fontänen. Ein Ritual, das impliziert, hier müsse etwas für einen Neuanfang gereinigt werden. Da hofft man dann schon sehr, dass wenigstens noch etwas vom widerständigen Geist der Vergangenheit des Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz übrigbleibt. Das Räuberrad des verstorbenen Bühnenbildners Bert Neumann steht zumindest noch. Der Schriftzug „Ost“ aus den Jahren der Castorf-Intendanz ist durch eine Nachbildung des Vulva-Gemäldes Der Ursprung der Welt von Gustav Courbet aus eine Holzinger-Performance verdeckt. Auch Frank Castorf feierte seinen Abschied 2017 mit einem großen Volksfest vor dem Theater. Danach dümpelte das Haus inklusive etlicher Intendanzwechsel vor sich hin. René Pollesch, der ebenfalls zu früh verstorbene letzte Intendant der Volksbühne, hatte 2021 einen kollektiven Neustart versucht. Er etablierte Größen wie Florentina Holzinger, ließ aber auch viel unausgegorenes Klein-Klein auf großer Bühne zu.

*

Nun also wieder ganz großes Theater. Nach dem "House Wash" gab es eine ca. 2stündige Produktion von RIMINI PROTOKOLL mit dem vielsagenden Titel House of Hopes. Das Schweizer Dokumentartheater-Kollektiv um Stefan Kaegi & Daniel Wetzel lud zu einem performativen Durchgang in Gruppen durch das gesamte Haus, bei dem man an 10 Stationen den Lebensberichten von Menschen aus verschiedensten Ländern lauschen kann. Die Klammer für diese Geschichten bildet das Jahr 1989, der Anfang vom Ende der Geschichte, wie es der US-amerikanische Philosoph Francis Fukuyama prophezeite. Im Seitenfoyer der Berliner Volksbühne trafen sich am 07.10.1989, zeitgleich zur Feier des 40. Jahrestags der DDR, Theaterschaffende aller Ostberliner Häuser und beschlossen eine große Demo auf dem Alexanderplatz anzumelden. Die Kundgebung vom 04.11.1989 ist ein historisches Ereignis von großer Tragweite. Wenige Tage später fiel die Berliner Mauer. Wie sich dieses Ereignis auf andere Länder der Welt ausgewirkt hat oder dort wahrgenommen wurde und welche Hoffnungen sich damit verbunden haben, ist das große Thema des Abends. Und da ist vor allem der Osten aber auch der koloniale Süden stark vertreten.

Im Rang der Volksbühne hält etwa Israel Kaunatjike, der in den 1970 aus Namibia nach Berlin geflohen ist, einen Lichtbildervortrag über die namibische Unabhängigkeitsbewegung gegen die weiße Vorherrschaft aus Südafrika. Den Mauerfall betrachtete er interessiert. Auch er besitzt ein herausgeschlagenes Stück aus der Berliner Mauer. Was folgt sind die Zunahme von Nationalismus und Rassismus. Heute setzt er sich aktiv für die Aufarbeitung des Genozids an der Herero und Nama durch das Deutsche Kaiserreich ein. Hier vom Rang aus hat man einen schönen Überblick über den Saal, wo andere Gruppen weiteren Vorträgen zusehen. Kopfhörer verhindern dabei die akustische Überschneidung.

Das immersive Prinzip des Abends, bei dem sich die Gruppen im Saal immer wieder begegnen und so zunächst unbewusst Teil einer anderen Geschichte werden, erschließt sich nach und nach und verblüfft in seiner minuziös getimten Abfolge. So ähnlich gestaltete sich auch schon die Produktion Situation Rooms über die globale Rüstungsindustrie (2014 zum Berliner Theatertreffen eingeladen), der heute aktueller denn je ist. Ganz so brandaktuell politisch wird es in der Volksbühne nicht, auch wenn die Gruppen bei einem runden Tisch mit VertreterInnen der polnischen Gewerkschaft Solidarność und der Militärregierung sitzen und zeitgleich eine Gruppe mit einer aus China geflohenen Ökonomin Zhu Yuan im Vorbeigehen kleine Bestechungsgeschenke auf den Tisch legt. Macht korrumpiert nicht nur beim Umbau der chinesischen Planwirtschaft zum kapitalistischen Wirtschaftswundersystem.

Ein weiterer Bericht kommt aus Afghanistan, wo Homan Wesa mit großen Puppen unter Mithilfe des Publikums die afghanische Geschichte vom Abzug der sowjetischen Truppen 1989 über den 11. September und dem Krieg gegen den Terrorismus bis zur Wiederübernahme der Macht durch die Taliban aus dem Erleben seiner Familie erzählt [s. Foto unten]. Aus dem Iran berichtet Anoush Azizi. Eine zum Trotz sehr musikalische Performance und das Leben unter dem rigiden Regime der Mullas, gegen das sich die Bevölkerung u.a. auch tänzerisch zur Wehr setzt. Von enttäuschter Hoffnung hört man vor allem in den Berichten aus osteuropäischen Ländern wie Rumänien oder Ungarn. Hier stand der wilde Aufbruch in den Kapitalismus oft über der eigentlichen Hoffnung auf Freiheit. Die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur unter Ceaușescu hat nie wirklich stattgefunden, und in Ungarn wurde Viktor Orbán von der Stimme des Aufbruchs 1989 schließlich zum autokratisch herrschenden Politiker.

In den kurzen Performances wird viel angerissen, was man sich dann selbst politisch einordnen muss. Insgesamt beschwört der Abend bis zur Zusammenkunft der Gruppen am Ende im großen Saal eine Gemeinschaft, die an den verschiedenen Geschichten lernen kann, wie wichtig in der Demokratie der Rückblick in die Historie für eine wehrhafte Gesellschaft ist. Auch das ein guter Beitrag zur Rückbesinnung kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit an diesem Wochenende.



Homan Wesa (Afghanistan) in: House of Hopes von Rimini Protokoll - in der Volksbühne Berlin | Foto (C) Bahar Kaygusuz

Stefan Bock - 2. Oktober 2026
ID 16071
HOUSE OF HOPES (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 01.10.2026)
Konzept und Regie: Stefan Kaegi und Daniel Wetzel
Bühne und Kostüme: Lili Anschütz
Videodesign: Grit Schuster
Musik und Sounddesign: Nikolas Neecke
Licht: Denise Potratz und Kevin Sock
Dramaturgie: Juliane Männel und Aljoscha Begrich
Dramaturgie Volksbühne: Johanna Höhmann
Mit: Anoush Azizi, Till Gedack, Vera Jonas, Nataly Jung-Hwa Han, Israel Kaunatjike, Joanna Kusiak, Corey Scott-Gilbert, Sir Henry, Verónica Troncoso, Zhu Yuan, Homan Wesa und Anca Berlogea-Boariu
Premiere war am 1. Oktober 2026.
Weitere Termine: 04., 05., 14., 23.10.2026
Eine Produktion von RIMINI PROTOKOLL


Weitere Infos siehe auch: https://www.volksbuehne-berlin.de/


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