Im düsteren
Fetischclub
mit reichlich
Koks und
Technosound
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Hamlet am Berliner Ensemble 2026 | Foto (C) Lukas Städler
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Bewertung:
„Es ist was faul im Staate Dänemark.“ Der Satz aus Shakespeares Hamlet ist zum geflügelten Wort geworden. Aber was, außer dem Mord an Hamlets Vater, wirklich faul ist, das könnte aktueller nicht sein. Ein Staat in Auflösung, an einem Wendepunkt. Ebenso oft zitiert ist: „Die Zeit ist aus den Fugen.“ Und der sie wieder einzurenken gedenkt, widmet seine Kraft einer Rache, die mehr der Restauration einer patriarchalen Macht gleicht, als einem politischen Umbruch. Der kommt am Ende von außen durch den Einmarsch des norwegischen König Fortinbras. Die „Selbstzerstörungskräfte einer Gesellschaft, die in sich die Widersprüche einer auf Gewalt basierenden Weltordnung austrägt.“
So zu lesen in der Vorankündigung zur Shakespeare-Inszenierung von Ersan Mondtag am Berliner Ensemble, für die sich der Regisseur und Bühnenbildner den Autor, Film- und Theaterregisseur Wilke Weermann zur Unterstützung geholt hat. Weermann führt eine Figur X ein, in der man unschwer auch den toten König, Hamlet Eins, erkennen kann, der hier als untoter Geist und gelegentlicher Erzähler aus dem Off zu Wort kommt und immer mal wieder auch in den Sohn Hamlet fährt. Ansonsten spricht eine Kinderstimme auch viel vom Schweigen: „MAL WIEDER KOMMT DAS TOTE NICHT ZU WORT“ raunt der Text in Versalien. Sogar ein Zitat aus Heiner Müllers legendärer Hamletmaschine ist dem Stück vorangestellt und spricht von einer „Universität der Toten“.
Das Ganze hat dann auch etwas von einer verspäteten Halloween-Party mit Fetisch-Motto. Zum Entspannen treffen sich Prinz Hamlet (Sebastian Zimmler) und Ophelia (als queerer Liebhaber Pierre Emö) im Club Exit hinter der Bühne zum Koksen und Fellatio, was per Livekamera auf einen Videoscreen übertragen wird, der wie jüngst bei Frank Castorf immer dann vom Schnürboden herunterfährt. Ein Fetischclub mit Darkroom, in dessen Klo der Geist des gemordeten Vaters (Stimme: Gerit Jansen) mit dem bekoksten Hamlet durchs Glory Hole spricht. Das nötigt das BE einen Disclaimer und das Prädikat ab 16 ab. Die Abiturklassen wird es freuen. Es ist noch immer genug Shakespeare im neuen Text von Wilke Weermann, der hier satte 3,5 Stunden deklamiert wird.
Die Bühne von Ersan Mondtag zeigt einen Hof vor Industriefassade, doppelstöckig angelegte Zimmer und einen Eingang zum besagten Club mit der Leuchtreklame „Enter to Exit. Als „Prince of D, which means: The prince of Darkness, and Depression”, schwitzt und schwiemelt sich Sebastian Zimmler durch das Setting der düsteren Inszenierung. Schon zu Beginn trägt er Sonnenbrille und hängt schluffig bei der Videoaufnahme einer Pressekonferenz zur Einführung der neuen königlichen Doppelspitze Claudius und Gertrud ab. Marc Oliver Schulze und Pauline Knof geben das eingespielte, medienaffine Politikerpaar, das nach vorn sehen und Konflikte diplomatisch lösen will.
Da ist von Zeitenwende und Aufrüstung des Nachbarn Fortinbras aus dem Staate N die Rede. Was bildästhetisch nicht passt, wird später mit der KI glattgebügelt. Oder, wie es Ophelia weiß, aus einem Überwachungsvideo herausgeschnitten. Die fehlende Minute zum Tod des Vaters wird hier im späteren Mausefallenstück zur computeranimierten Videoperformance lauthals („Show us the missing Minute”) von Hamlet eingefordert. Dazu liefert der Electronic-Spezialist Robert Lippok den passenden Techno-Beat oder Geräuschteppich. So modern sich das Setting und die Kostüme von Josa Marx geben, so konträr dagegen verhalten sich Text und Shakespeareplot, der zwar im neuem sprachlichen Gewand von Wilke Weermann doch stark im Shakespeare-Kosmus verhaftet bleibt.
Wir sehen die altbekannten Figuren von Rosencrantz und Güldenstern, die Totengräber oder die Wächter (alle gespielt von Amal Keller und Paul Zichner) als moderne Figuren, denen man sprachlich gebundenen Text in den Mund legt, der gelegentlich in heutige Sprache umschlägt. Maeve Metelka gibt den Laertes als selbstbewusste Frau, während sich Bruder Ophelia wieder als williges Werkzeug der Macht hergeben muss. Da will man offensichtlich viel. Aber wären da nicht die gelegentlichen Erklärungstexte aus dem Off, man wüsste nicht, dass es dem Inszenierungsteam auch um heutige Konflikte, jugendliches Aufbegehrens gegen die alte Generation, die Wehrpflicht oder autoritäres Herrschen ginge. Zumindest das kann man noch in den toxischen Handlungen des sich wahnhafter Raserei hingebenden Hamlet vor allem gegenüber Ophelia erkennen. Was bleibt ist ein Prince of Darkness im Stachelfetischkostüm als Vertreter des ewig Gestrigen. Das hätte ma gut in zwei Stunden abhandeln können, auch ohne Totenschädel und „Sein oder Nichtsein“-Monolog.
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Hamlet am Berliner Ensemble 2026 | Foto (C) Lukas Städler
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Stefan Bock - 7. November 2026 ID 16138
HAMLET (Berliner Ensemble, 05.11.2026)
von William Shakespeare & Wilke Weermann
Regie/Bühne: Ersan Mondtag
Kostüme: Josa Marx
Musik: Robert Lippok
Video: Alexander Pannier
Licht: Hans Fründt
Dramaturgie: Sibylle Baschung
Besetzung:
Hamlet ... Sebastian Zimmler
Gertrud ... Pauline Knof
Ophelia/ Fortinbras ... Pierre Emö
Claudius ... Marc Oliver Schulze
Laertes/ Reynaldo/ Arzt ... Maeve Metelka
Polonius/ Osric ... Gerrit Jansen
Rosencrantz/ Reporterin/ Bernardo/ Totengräber ... Amal Keller
Güldenstern/ Voltemand/ Marcellus/ Totengräber ... Paul Zichner
Premiere war am 5. November 2026.
Weitere Termine: 07., 08., 14., 15.11./ 19., 20.12.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.berliner-ensemble.de/
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