Harte
Lebenslügen
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Die Präsidentinnen von Werner Schwab - am Residenztheater München | Foto (C) Birgit Hupfeld
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Bewertung:
Die Präsidentinnen sind keine machtvollen Herrscherinnen, sondern im Gegenteil: drei ärmliche, ungebildete, vom Leben benachteiligte Frauen, die sich in der Wohnküche der einen versammeln, um ihre Redeflüsse herauszuhauen. (Regie Claudia Bauer Um es gleich vorwegzunehmen: die Sprachkunst des Autors Werner Schwab fasziniert auch heute noch, mehr als 30 Jahre nach ihrer Entstehung. Er selbst hat vermerkt: „Die Sprache, die die Präsidentinnen erzeugen, sind sie selber…Erst die Sprache und dann der Mensch.“ Was sie von sich geben, besteht aus Worthülsen und Plattitüden, hinter denen Wut und Verzweiflung lauern. Unter der Sprache liegt Musik: Die kleine Musikgruppe (Fabian Löbhard, Felix Renner und Alexander Vicar) schafft den romantischen Heimatsound.
Erna ist Mindestpensionistin, liebt Gott und Leberkäse und ist dem bigotten Fleischhauer Wottila verfallen. Kein Zufall, zu Werner Schwabs Lebzeit hieß der Papst Woytyla, und seinen Auftritt schauen sich die drei Frauen gerade im Fernsehen an. Grete ist Pensionistin und tröstet sich in Ermangelung eines Mannes mit der Zuneigung ihres Hundes Lydia. Und schließlich Mariedl, Klofrau aus Berufung, die sich rühmt verstopfte Aborte mit bloßer Hand freizuräumen. Warum man Frauen, die aus prekären Verhältnissen stammen, gerne riesige Brüste und Hintern anklebt, um deren Primitivität zu betonen, erschließt sich auch hier nicht. Darüber tragen sie transparente Negligés (Kostüme: Vanessa Rust), da ist die Absicht zu durchsichtig.
Während die Frauen ihre Redeflüsse absondern, wird ihr Charakter immer deutlicher: Grete hat ihre kleine Tochter ihrem Ehemann zu Vergewaltigung überlassen, und Erna versucht ihren Sohn zu dominieren und zu zerstören. Einzig Mariedl verblüfft mit ihrem fast religiösen Eifer, sich durch die Aborte zu wühlen.
Ein Sozialdrama wollte Werner Schwab nicht schreiben, seine eigene Biografie, sagte er, sei ihm egal. Dennoch konnte er sich wohl nicht aus den Erfahrungen der prekären Kindheit lösen. 1994 starb er mit nur 35 Jahren an einer Atemlähmung, verursacht durch massiven Alkoholkonsum.
Hinter ihm lagen drei äußerst erfolgreiche Jahre als Schriftsteller. Er fühlte sich einerseits der Literaturavantgarde der Wiener Gruppe verbunden, einer losen Vereinigung von Schriftstellern, die Sprachskepsis, Sprachkritik und Sprachphilosophie verband. Andererseits prägten Schwab die Wiener Aktionisten, deren Happenings unter massiven Einsatz von Körperflüssigkeiten stattfanden.
Die Präsidentinnen gehören zu Schwabs „Fäkaliendramen“ und sorgten Anfang der 90er Jahre in Wien für große Skandale. Aber das ist mehr als 30 Jahre her. Es wundert einen daher ein bisschen, dass alles, was mit Körperflüssigkeiten zu tun hat, auch heute noch die Menschen so bewegt. Da legt eine der Frauen eine Klobürste auf den Tisch - Gelächter – dann speit die darüber – Lachsalven – schließlich wischt sie die Kotze mit der Hand weg – da kriegen sich einige gar nicht mehr ein. Ebenso bei den drastischen Schilderungen von Mariedl über ihr Wühlen in der „Scheiße“. Ausscheidungen, welcher Art auch immer, scheinen in Deutschland doch noch etwas neurotisch besetzt zu sein.
So richtig aktuell wirkt das Stück dennoch nicht. Auch wenn zum Schluss Kinder auf der Bühne einige Szenen nachspielen. Und damit den immerwährenden Kreislauf andeuten.
Aber es ist ein Schauspielerinnenfest. Wie Erna (Katja Jung) und Grete (Myriam Schröder) sich aus ihrer Welt hinfort träumen, wie sie sie darin schwelgen umschwärmte, begehrte Frauen zu sein, Frauen mit einer Perspektive, das ist einfach großartig.
Und wie sie daraus brutal herausgerissen werden. Von Mariedl (Lisa Wagner), die in ihrer Abrechnung die beiden anderen nicht nur auf den Boden der Realität zurückholt, nein sie zerschmettert sie dort förmlich. Ein ganz großer Auftritt von Lisa Wagner, die damit den letzten Lacher verstummen und alle in verstörtem, bewundertem Schweigen zurücklässt.
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Katja Jung, Lisa Wagner und Myriam Schröder als Die Präsidentinnen von Werner Schwab - am Residenztheater München | Foto (C) Birgit Hupfeld
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Isabella Schmid - 15 .Juni 2026 ID 15906
DIE PRÄSIDENTINNEN (Residenztheater München, 12.06.2026)
von Werner Schwab
Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Vanessa Rust
Komposition und Musikalische Leitung: Monika Roscher
Video: Jonas Alsleben
Licht: Gerrit Jurda
Dramaturgie: Constanze Kargl
Mit: Katja Jung, Myriam Schröder und Lisa Wagner
UA am Wiener Theater im Künstlerhaus: 13. Februar 1990
Premiere am Resi: 12. Juni 2026
Weitere Termine: 17.06./ 08., 13., 17.07.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.residenztheater.de
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