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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Einander

fallenlassen



Imke Siebert als Nina und Riccardo Ferreira als Kostja in Die Möwe am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung

Bewertung:    



Ein weißer Vogel fliegt über eine karge Ebene – die titelgebende Möwe wird mittig in einem abstrakten Schwarz-Weiß-Bild auf samtig roten Theatervorhängen angedeutet. „AM SEE“ und „KUNST“ ist darunter am Bühnenboden als Aufschrift auf Leuchtelementen sichtbar. Beidseitig sind altmodische, goldverzierte Wandelemente postiert, mit Kreisen, die Weltkugeln andeuten. Alexander Wolfs detailreich ausgestattetes Bühnenbild wird noch durch beschirmte kleine Lampen, Tische, Stühle, einen Laptop und Soundboxen ergänzt.

Anfangs sprechen zwei Herren geschäftig über ein Theaterstück, das gleich zur Aufführung kommen soll. Als Dorn, der ältere der beiden, abschweift, verteilt der andere, Kostja, gefüllte blaue Müllsäcke auf dem Boden, testet die Bühnentechnik, telefoniert und wartet ungeduldig auf die Darstellerin. Dorn übt sich derweil in selbstreflexiven Überlegungen, die Kostja sichtlich überhört. Eine junge Frau, Nina, rennt sodann auf die Bühne und wirkt aufgeregt. Kostja strahlt prompt. Sein Hochgefühl wird durch die Einspielung eines französischen Chansons unterstrichen, zu dessen Rhythmus er sich wiegt. Kostja, der als Einziger anfangs mit Turnschuhen und bedrucktem T-Shirt neuzeitlich angezogen ist, hat einen Stücktext geschrieben, den Nina vor Publikum vortragen soll.

Kostjas Vater Pawel und seine Geliebte, die Schriftstellerin Alexandra, treffen ein und setzen sich auf Stühle vor das Publikum. Er ist fein mit Anzug, Schal, Seidentuch und Hut gekleidet. Alexandra trägt, ähnlich wie Dorn, Jackett, Fliege und Stoffhose. Pawel platziert jedoch eine Angel und einen Eimer neben Alexandras Stuhl. Bis auf die beiden letztgenannten Accessoires wirkt alles gediegen und feierlich (Kostüme: Ines Burisch). Alexandra entschuldigt sich sogleich auch für ihre ungewöhnliche Ausstattung mit den Worten, sie liebe das Angeln. Tatsächlich wird Alexandra im weiteren Verlauf auch abseits der Gewässer einen begehrten Fang machen.

Nina skandiert von einer Bühnenerhöhung einen schwer verständlichen, modern anmutenden Text. Sie rollt sich zusammen, kriecht enthusiastisch über die Bühne. Hinter ihr zeigt eine Videoprojektion von Lars Figge einen Kiesstrand mit zwei betroffen in die Kamera blickenden Figuren, von denen eine Nina selbst in einem anderen Kostüm ist. Kostja sorgt mit einem Musikeinspieler für moderne Beats. Inhaltlich vermutet man als Zuschauer, es gehe um die Gefahr von Plastik in Naturgewässern – naheliegend aufgrund der zahlreichen Müllsäcke auf der Bühne. Doch bevor wir einsteigen können, zeigt sich Pawel aus der vordersten Zuschauerreihe verärgert über das Gezeigte. Daraufhin bricht Kostja das Spiel ab, schließt den Vorhang vor Nina und tritt ab. Überrascht von dieser Gekränktheit betreten nun Pawel und Dorn die Bühne. Sie ahmen gekonnt Vogelstimmen nach und bewegen sich tänzelnd mit ausgebreiteten Armen auf und ab.

*

Regisseur Sascha Hawemann und Dramaturg Jens Groß haben Tschechows Klassiker Die Möwe auf fünf Figuren verdichtet und die Geschlechter auf Elternebene umbesetzt. Im Zentrum stehen der gealterte Schauspieler Pawel, sein sich als Schriftsteller probierender Sohn Kostja, die etablierte Schriftstellerin Alexandra und die sich nach einer Bühnenkarriere sehnende Nina. Das Nacheifern im Berufswunsch deutet früh einen Konflikt zwischen den Generationen an. Ein unterhaltsames Potenzial schöpft Tschechows Drama daraus, dass die Kommunikation immer wieder scheitern muss, da die Figuren - stets die eigenen Sehnsüchte vor Augen – aneinander vorbeireden.

Auf zwischenmenschlicher Ebene erscheint zunächst die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Pawel und Kostja besonders interessant, da sich beide auf komplizierte Weise voneinander entfremdet zu haben scheinen.

Riccardo Ferreira hat als Kostja emotionale Momente, wenn er sich frustriert auf dem schmalen Grat zwischen übertriebener Wut und Verzweiflung entlang bewegt und regelmäßig droht, das Gleichgewicht zu verlieren. Er erschießt eine Möwe, pfeffert Müllsäcke nach der abgebrochenen Aufführung hinter die Bühne, reißt Vorhänge vom Bühnenvorbau herunter. Ferreira lässt glaubhaft werden, dass seine Figur emotional verletzt ist – bedingt durch die fehlende Anerkennung und fortwährende Abwesenheit seines geschäftigen Vaters.

Für Alois Reinhardt als Pawel steht über allem die Kunst. Wenn Kostja spricht, wirkt Pawel innerlich abwesend. Er nimmt die künstlerischen Werke seines Sohnes kaum wahr und zeigt sich ihnen gegenüber sogar verächtlich. In Anwesenheit seines Sohnes hat er meist eigene Projekte im Kopf. Es kommt zwischen ihnen zu einem brachialen Konflikt von bitterlicher Schärfe. Hier wird deutlich, dass sich beide ständig miteinander vergleichen und dabei selbst nicht den Kürzeren zu ziehen vermögen.

Imke Siebert rennt als Nina mehrfach wie ein Wirbelwind auf die Bühne. Ihre Nina schließt andere Figuren stürmisch in die Arme. Die Umarmungen werden oft ebenso zärtlich wie peinlich in die Länge gedehnt. Obwohl Ninas Bühnenkarriere in jungen Jahren nur von mäßigem Erfolg gekrönt ist, hält sie am Glauben an die Kunst fest und rät Kostja schließlich, auch Durststrecken auszuhalten.

Während Kostja vor allem Augen für Nina hat, fühlt diese sich zur Schriftstellerin Alexandra hingezogen. Alexandra scheint selbstsicher in sich zu ruhen. Nina ist deswegen irritiert, als ihr diese gesteht, dass ihr die Gedanken an eigene Leser Angst machen. Nina überlegt, dass Alexandra so mögliche Leser verlieren könnte.

Während der Gespräche mit Nina notiert Ursula Grossenbacher in der Rolle der Alexandra ständig Inspirationen für ihre Geschichten. Ihre Alexandra geriert sich als Opfer einer eigenen Schreibsucht. Gleichzeitig scheint sie verliebt in das Gefühl zu sein, von Nina bewundert, verehrt und begehrt zu werden. Alexandra erfährt von Nina, dass Kostja ihr eine von ihm erschossene Möwe schenkte. Von dieser Möwenschenkung angeregt, meint Alexandra nebenbei, es wäre doch ein Leichtes, ein junges Mädchen vom Lande in einer kurzen Erzählung zu vernichten – wie diese Möwe. Hier schlummern heimliche Dämonen.

Der Provinzarzt Dorn macht gleichfalls schriftstellerische Versuche, ohne jedoch wirklich Anerkennung zu finden. Christian Kuchenbuch ist auf der Werkstatt-Bühne bereits zu Beginn eine bemerkenswerte Erscheinung, wenn er als Dorn das eigene Scheitern als Schriftsteller thematisiert. Kuchenbuch legt Dorn ambivalent an, wenn dieser seinem Freund Pawel stets dazu drängt, mehr Interesse für den Sohn Kostja aufzubringen. Auf sympathische Weise lobt er Kostjas künstlerische Fähigkeiten vor Pawel und Alexandra. Wenn er gegen Ende jedoch diesen gegenüber behauptet, Kostjas Werk habe bloß Geschmack, es fehle aber an Essenz, verrät er Kostja auch ein bisschen.

Dorn gesteht Kostja, dass er gleichfalls in Nina verliebt gewesen sei. So nimmt Dorn Kostja auch diese Sehnsucht als etwas Eigenes und Individuelles. Während einer Videoprojektion aus dem Krankenhaus schwärmt der erkrankte Dorn, auf seinem Bett neben Kostja sitzend, von Aufenthalten in Nizza. Zuvor sprachen sie über Nina und Pawel. Dorn sieht gar nicht, dass er durch derlei oberflächliche Themenwechsel Gräben zwischen sich und Kostja ziehen könnte.



Die Möwe am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung


Die Möwe dreht sich um den Sinn der Existenz, insbesondere der künstlerischen. Neben Kunstdiskursen stehen dabei Diskurse über die Liebe. In lebendigen Dialogen verstehen die Figuren einander falsch, es kommt zu Missverständnissen und Missgeschicken. Die Charaktere reflektieren eigene Künstlerpositionen, offenbaren persönlichen Ehrgeiz und egoistische Sehnsüchte.

Die gut aufeinander abgestimmten Akteure vermitteln dem Zuschauer neben dem komischen Potenzial auch authentisch Gefühle und innere Konflikte ihrer Figuren. Sie lassen in Konfrontationen Spannung entstehen und offenbaren auch melancholische Charakterzüge. Das Geschehen wird durch mehrmalige Videoprojektionen erweitert, welche dadurch andere Orte sichtbar werden lassen.

Kontrastiert wird die konfliktreiche Gruppenkonstellation durch harmonische Bilder von Gemeinschaftlichkeit: Wenn die Akteure Mahlzeiten oder Getränke miteinander teilen, wird elegant beim Einschenken von Sahne in Suppe oder beim Teilen einer Wodkaflasche stets nur so getan, als ob.

Sascha Hawemanns Inszenierung nach Tschechows zeitlosem Drama ist insgesamt einfühlsamer, geistreicher und pointierter als Sebastian Kreyers 2014er Adaption, damals noch auf der großen Bühne in Bonn. Auch dort wirkte Ursula Grossenbacher bereits in einer Nebenrolle mit; in der neuen Inszenierung vermag sie jedoch deutlich mehr schauspielerische Facetten zu offenbaren.

Ansgar Skoda - 4. Februar 2026
ID 15680
DIE MÖWE (Werkstatt, 30.01.2026)
Regie: Sascha Hawemann
Bühne: Alexander Wolf
Kostüme: Ines Burisch
Video: Lars Figge
Licht: Johanna Salz
Dramaturgie: Jens Groß
Besetzung:
Nina ... Imke Siebert
Kostja ... Riccardo Ferreira
Pawel, sein Vater ... Alois Reinhardt
Alexandra, Schriftstellerin ... Ursula Grossenbacher
Dorn, Arzt und Schriftsteller ... Christian Kuchenbuch
Premiere am Theater Bonn: 30. Januar 2026
Weitere Termine: 05., 21., 28.02./ 06., 26.03.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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