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Volker Lösch knöpft sich in Dresden mit CANDIDE ODER DER OPTIMISMUS die Weltprobleme vor


Candide oder der Optimismus am Staatsschauspiel Dresden | Foto (C) Sebastian Hoppe

Bewertung:    



Man kennt Volker Löschs Kochkunst: Fünf-Sterne-Menüs sind nicht zu erwarten, eher Volxküchen-Hausmannskost, davon aber reichlich („gutbürgerlich“ wäre dabei jedoch die falsche Metapher). Mit Regelmäßigkeit (bewusst ohne Adjektiv) bringt er in Dresden zeitkritische Adaptionen großer Stoffe auf die Bühne, mal großartig wie beim Tartuffe, beim Öderland oder in der weiteren Vergangenheit bei der Orestie und den Webern, mal völlig misslungen wie die Dreigroschenoper oder Dss blaue Wunder, weitere hab' ich zum Glück schon vergessen.

Insofern war es spannend, in welche Richtung das Pendel diesmal ausschlagen würde. Ich nehm' es vorweg: Trotz des Jubels derer, die noch da waren am Ende: Für mich war es ein Desaster, ein ungenießbarer Eintopf aus allem, was die Gegenwart an Elend zu bieten hat. Der eigenen Überschrift möchte ich noch beifügen „und möglichst unappetitlich“, denn was da auf der Bühne manchmal zu hören war, grenzte an Körper- oder besser Geistesverletzung. Die apokalyptischen Szenen mit der Beschreibung verschiedenster Grausamkeiten wären, wenn sie sich in eine theatrale Grundlage einfügen würden, vielleicht erträglich, aber hier sind sie nur ein grober Keil auf den Klotz von Publikum, den Lösch vor sich zu haben glaubt. Offenbar hält er den Saal für minderbemittelt und leicht zu beeinflussen wie ein Missionar die Indigenen. Das Gleichnis ist ausbaufähig: Die unfrohe Kern-Botschaft geht unter in einem Schwall von Belehrungen, Deklamationen und anderen Formen des Agitprop-Theaters.

Dabei wäre es doch wirklich wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, woher man den Optimismus, den man für Veränderungen braucht, noch herbekommt heutzutage. Aus einem „Schämt-Euch-Theater“ sicher nicht, in dem jede Verirrung des menschlichen Geistes aufgerufen und abgewatscht wird – und mit Appellen an das Gute im Menschen und praktischen Tipps zum Überlebenstraining vermutlich auch nicht. Diese Art von Theater ist ein Schuss ins Knie der guten, eigenen Sache, daran ändert auch das Pathos der Bekenntnisse des Bühnenpersonals nichts, die am Ende zu einem Stuhlkreis im Stehen vor dem Eisernen zusammenkommen.

Ein gern gebrauchtes Stilmittel bei Lösch ist das Einbetten von gesellschaftlichen Aktivist*innen in die Darbietung. Hier sind es gleich drei, neben einem Klima-Engagierten und einer Seenotretterin vom Mittelmeer ist es die junge Afghanin Sultana Sediqi, deren Bericht über ihre Flucht besonders anrührt. Man muss ihre Beschreibung der hiesigen Gesellschaft nicht in allen Punkten teilen, aber ihre Sichtweise ist unbedingt zu respektieren. Ärgerlich ist nur, dass (bei mir) der Eindruck entsteht, diese Einbindung dient auch der Absicherung der Inszenierung gegen allzu harsche Kritik, denn wer wollte schon das Schaffen von Öffentlichkeit für diese Belange schlecht finden? Ich nicht, mir sei nur der Hinweis erlaubt, dass längere Vorträge in einem Theaterstück dessen Rhythmus zerstören. Aber Theater im klassischen Sinne stand hier wohl ohnehin nicht im Vordergrund.

Dafür sorgt auch die neue Textfassung von „Soeren Voima“, einem Pseudonym, das im Programmheft leider unerklärt bleibt. Da ich den Autoren keine Lorbeerkränze flechten möchte, spar ich mir hier die Auflösung, die im Internet leicht zu finden ist. Die Übertragung der schrägen Story von Voltaire in eine Heutigkeit gelingt so mittelprächtig, sie bleibt dem Vorbild in der willkürlichen Aneinanderreihung von Handlungsorten treu, schafft es aber kaum, dort stimmige Geschichten zu erzählen, die über RTL II-Niveau hinausgehen.

Und das Ensemble? Zu spielen im klassischen Sinn gab es für die sechs Profis auf der Bühne nicht viel. Es war aufzusagen, zu karikieren, (meist) im Chor zu brüllen, zu grimassieren, betroffen zu gucken und auch einen eigenen persönlichen Beitrag zu leisten (auch dies ein übliches Stilmittel vom Lösch). Philipp Grimm hatte einen unfreiwilligen Höhepunkt, als er seine Perücke nicht vom Mikro-Port lösen konnte, aber eigentlich etwas sehr Ernsthaftes sagen wollte. Letztlich hat er das souverän bewältigt, so blieb dieses Statement haften. Auch alle anderen kamen mit Anstand durch den Abend, viel falsch zu machen war da eh nicht.

Die Intendanten-Dämmerung in Dresden hatte sich heuer eigentlich ganz gut angelassen, vor allem im Kleinen Haus waren viele spannende Stücke zu sehen, Die Bakchen seien besonders hervorgehoben. Diese Candide-Inszenierung trübt den Eindruck leider wieder, offenbar mangelt es an einer kritischen Qualitätssicherung, wenn Teile der Hausspitze (Chefdramaturg Jörg Bochow) selbst involviert sind. So bleibt nur der bisherige Saison-Tiefpunkt zu vermelden, trotz des zweifellos honorigen Ansatzes.



Candide oder der Optimismus am Staatsschauspiel Dresden | Foto (C) Sebastian Hoppe

Sandro Zimmermann - 25. Januar 2026
ID 15665
CANDIDE ODER DER OPTIMISMUS (Schauspielhaus, 24.01.2026)
nach Voltaire mit Texten von Soeren Voima

Regie: Volker Lösch
Bühne: Cary Gayler
Kostüme: Melina Poppe
Video: Michel Kekulé
Lichtdesign: Andreas Barkleit und Johannes Zink
Dramaturgie: Jörg Bochow
Mit: Philipp Grimm, Nahuel Häfliger, Nihan Kirmanoğlu, Paul Kutzner, Anna-Katharina Muck, Hermine Poschmann, Florenze Schüssler, Gerriet Schwen und Sultana Sediqi
Premiere am Staatsschauspiel Dresden: 24. Januar 2026
Weitere Termine: 30.01./ 07., 23.02./ 19.03.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsschauspiel-dresden.de


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