Abschied von
Lolita
|
|
Bewertung:
"Bye, bye Lolita" sagt Dolores Haze und nimmt ihre Geschichte selbst in die Hand. Zumindest in dem Theaterstück von Lea Ruckpaul, entstanden nach ihrem gleichnamigen Roman. Zusammen mit Regisseurin Nora Schlocker hat Ruckpaul diesen Akt von Selbstermächtigung auf die Bühne des Münchner Cuvilliéstheaters gebracht.
Der Roman von Vladimir Nabokov über das Begehren eines älteren Mannes einem 12-jährigen Mädchen gegenüber erschien 1955. Zunächst nur in einem auf Erotik-Literatur spezialisierten Verlag, erreichte er danach ein Millionenpublikum. Im Roman werden die Ereignisse aus Sicht des Mannes geschildert. Nicht zuletzt durch die beiden Verfilmungen entstand der Eindruck einer raffinierten Kindfrau, die einem Mann den Verstand raubt. Zeit also das Ganze mal als das zu erzählen, was es war: Ein Machtmissbrauch und die Vergewaltigung eines Kindes.
Ruckpaul und Schlocker haben den Weg gewählt, Dolores – genannt Lolita -ihre Mutter Charlotte und den Täter Humbert Humbert von fünf Schauspielerinnen darstellen zu lassen (Felicia Chin-Malenski, Naffie Janha, Katja Jung, Hanna Scheibe und Lisa Stiegler).
Anfangs wirkt der Mann, von einer Frau verkörpert, noch etwas harmlos, als er sich als Mieter in das Herz von Lolitas Mutter einschleicht. Erste Blicke und Anzüglichkeiten kann sich das Kind noch nicht erklären. Ein Unbehagen ist da, dem sie kaum Ausdruck verleihen kann. Die Mutter ignoriert die Schutzbedürftigkeit der Tochter, was sich auch sehr gut in dem Satz von Lolita ausdrückt: "Ich habe sie eigentlich schon immer vermisst, auch als sie noch gelebt hat."
Um an die Tochter heranzukommen, heiratet Humbert die Mutter, die dann an einem für ihn glücklichen Umstand stirbt. Er holt Lolita vom Sommercamp ab und damit ist sie ihm ausgeliefert. Als sie die erste Vergewaltigung schildert, herrscht atemlose Stille im Zuschauerraum:
"Ich schrie ins Kissen. Niemals zuvor in meinem Leben hatte ich solche Schmerzen gehabt, ich war mir sicher, dass ich kaputt gehen würde. Im Kopf rief ich so laut nach meiner Mama, wie ich konnte. Ich schloss die Augen, schloss mein Gesicht, versperrte mein Inneres so gut es ging."
Damit ist auch gut ausgedrückt, was Psychologinnen zu Vergewaltigungsopfern erforscht haben. Sie machen oft dicht, versuchen den Schmerz und sich selbst nicht mehr zu spüren. Das erklärt auch, warum sie oft nicht weglaufen können. Dazu kommt die Außenansicht, die ihnen suggeriert, selbst Mitschuld zu haben. Damit quält sich auch Lolita, neben dem Hass auf ihren Peiniger empfindet sie Scham und Schuld.
Die Mutter von Lolita nimmt einen größeren Raum ein. Sie, die eigentlich Beschützerin ihrer Tochter sein sollte, hatte versagt. Aus Ignoranz und dem Wahren ihrer eigenen Interessen. Ein verlassenes Kind kämpft um sein Überleben.
Von den fünf Schauspielerinnen werden die verschiedenen Rollen und Stimmungswechsel eindringlich verkörpert. Eine in rosa gehaltene Bühne und rosa Shirts machen die Szenerie nicht harmloser, sondern unheimlicher (Bühne und Kostüme: Marie Caroline Rössle).
Auch wenn Humbert sagt, der wahre Reiz eines Mädchens läge im Alter zwischen 9 und 13 Jahren, überrascht es doch, dass Ruckpaul und Schlocker Mädchen in diesem Alter auf die Bühne holen. Sie sagen, indem sie diese Kinder dem Publikum zeigen, wollen sie die Monstrosität des Geschehens sichtbar machen.
Die Mädchen kennen den übrigen Text nicht (das Stück ist ab 16) und wurden theaterpädagogisch betreut. Trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack, wenn eben diese Kinder bei roter Beleuchtung turnen und sich räkeln. Da nützt es auch nichts, wenn sie sich dann ans Publikum wenden und die Betrachtung ihrer Kinderkörper als pervers bezeichnen. Das noch draufzusetzen hätte es nicht gebraucht, die Zuschauer und Zuschauerinnen haben es auch so verstanden.
Das Publikum zuerst still, dann heftigster Applaus.
|
V.l.n.r.: Hanna Scheibe, Lisa Stiegler, Felicia Chin-Malenski, Naffie Janha und Katja Jung in Bye Bye Lolita - im Münchner Cuvilliéstheater | Foto (C) Birgit Hupfeld
|
Isabella Schmid - 2. Oktober 2026 ID 16070
BYE BYE LOLITA (Cuvilliéstheater, 01.10.2026)
nach dem gleichnamigen Roman von Lea Ruckpaul
Inszenierung: Nora Schlocker
Bühne und Kostüme: Marie Caroline Rössle
Komposition: Albrecht Ziepert
Licht: Verena Mayr
Dramaturgie: Almut Wagner
Mit: Felicia Chin-Malenski, Naffie Janha, Katja Jung, Hanna Scheibe und Lisa Stiegler
Premiere am Residenztheater München: 1. Oktober 2026
Weitere Termine: 03., 18.10./ 03., 11.11.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.residenztheater.de
Post an Isabella Schmid
Freie Szene
Premieren Musiktheater
Premieren Sprechtheater
Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!
Vielen Dank.
|
|
|
Anzeige:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
BALLETT | PERFORMANCE | TANZTHEATER
CASTORFOPERN
FREIE SZENE
INTERVIEWS
PERSONEN
PREMIEREN- KRITIKEN
ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski
RUHRTRIENNALE
SALZBURGER FESTSPIELE
URAUFFÜHRUNGEN
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|