Gescheitert
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Böses Glück/ Cult oft he Daugther von Benny Claessens - an der Volksbühne Berlin | (C) Apollonoa Theresa Bitzan
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Bewertung:
Das Werk der dänischen Schriftstellerin und Lyrikerin Tove Ditlevsen (1917-1976) erlebte in 2010er-Jahren ein Comeback in Dänemark, das durch neue Übersetzungen auch in den 2020er Jahren in Deutschland weiter wirkte. Ihr als Kopenhagen-Trilogie bekanntes autobiografisches Romanwerk erntete große Aufmerksamkeit. Das Theater hat die Romane und Erzählungen der 1976 durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Autorin von Literatur, bei der zumeist Frauen aus dem Arbeitermilieu in Zentrum stehen, ebenfalls bereits entdeckt. Den Erzählband Böses Glück (2023 auf Deutsch erschienen) hat nun der Schauspieler und gelegentliche Regisseur Benny Claessens als Ausgangsmaterial für seine neue Regiearbeit Böses Glück/ Cult oft he Daugther genommen und mit einem neuen Stück (siehe Nebentitel) der ebenfalls aus Dänemark stammenden 39jährigen Dramatikerin Olga Ravn verknüpft.
Freundlicher Weise hat die Volksbühne vorab den Stücktext in der Probenfassung versendet, was einem aber auch nicht wirklich weiterhilft. In einem Prolog singt die junge Schauspielerin Ann Göbel, einstiges P14-Eigengewächs der Volksbühne, einen traurigen Song in Englisch mit verzerrter Stimme, dann wird erstmal aufgeräumt auf der mit einer zweigeschossigen Wohnhausruine ausgestatteten Bühne von Simeon Melchor. Da brennt die Luft, es fliegt viel Deko durch die Gegend und wird vermutlich der etwas düstere Spirit der eigentlich auf dem Plan stehenden Lebensgeschichten der Schriftstellerin samt ihrer eigenen gleich mit entsorgt. Der Rest des Abends kommt einem vor wie betreutes Wohnen und Sprechen für Schauspielende, denen eine Idee zum gemeinsamen Zugang zum aufzuführenden Text fehlt.
Souffleuse Elisabeth Zumpe steht dem Ensemble im Krankenschwesternkostüm meist hilfreich zur Seite. Was bei Pollesch-Darsteller Franz Beil noch halbwegs lustig rüberkommt, wirkt bei den meisten anderen Beteiligten schon etwas hilflos bemüht auf dilettantisches Chaos gebürstet. Ann Göbel spielt das Alter Ego der Autorin als hysterisches Girlie immer nah am Nervenzusammenbruch. Nikolay Sidorenko ist ihr Partner im Patientenkittel und darf beim Duschen auch mal Muskeln zeigen. Eine toxische Beziehung auf gegenseitiger Abhängigkeit. Soviel bleibt zumindest vom Stoff Tove Ditlevsens, die selbst solche Partnerschaften und Drogenabhängigkeiten hinter sich hatte. Die Fallhöhe bildet einen lange Treppe, auf der lang da runtergerutscht wird. In den Gruppengesprächen geht es um moderne Literatur und Küchengeräte, die samt Babyfiguren schlagkräftig benutzt werden. „Die Kindheit ist lang und schmal wie ein Sarg“, weiß Franz Beil zu berichten. Viel psychologischer wird es nicht mehr.
Auch das Stück von Olga Ravn wird noch zwischendurch mit eingeblendeten Aktüberschriften abgehandelt. Schlingensief-Ikone Kerstin Graßmann gibt einen Nervenarzt und Sektenguru mit gewohnt schnarrender Stimme. Das sonstige Personal lungert im Wartezimmer vor der Bühne und liest Text vom Blatt oder ravt zum Technosound um ein Auto. Auch der österreichische Schauspieler Georg Friedrich und die Berliner Rapperin addeN haben sich ins Stück verirrt, fallen aber nicht weiter auf. Gemeinsam mit Benny Claessens waren sie im letzten Jahr noch in Kurdwin Ayubs Stück Weiße Witwe zu sehen. Das mussten sie wohl unbedingt wiederholen. Regisseur Claessens hat noch einen starken Gesangsauftritt mit All Tomorrow‘s Partys von Nico and The Velvet Underground. Die eigentlich passendere Beschreibung des Abends liefert dann nicht ohne Selbstironie Nikolay Sidorenko in einem Epilog über eine gescheiterte Theaterpremiere. Da hatten aber viele im Publikum schon lange das Weite gesucht.
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Böses Glück/ Cult oft he Daugther von Benny Claessens - an der Volksbühne Berlin | (C) Apollonoa Theresa Bitzan
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Stefan Bock - 28. Februar 2026 ID 15729
BÖSES GLÜCK / CULT OF THE DAUGHTER (Volksbühne am Roa-Luxemburg-Platz, 26.02.2026)
von Benny Claessens
Regie: Benny Claessens
Text: Tove Ditlevsen und Olga Ravn
Bühne: Simeon Melchior
Kostüme: Leonard Neumann
Licht: Kevin Sock
Musik: Simon Lenski
Video: Jens Crull und Max Heesen
Dramaturgie: Ricarda Hillermann
Outside Eye: Tine Milz
Mit: addeN, Franz Beil, Benny Claessens, Georg Friedrich, Ann Göbel, Kerstin Graßmann und Nikolay Sidorenko
Premiere war am 26. Februar 2026.
Weitere Termine: 01., 29.03.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.volksbuehne.berlin
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