Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 6

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Premierenkritik

Vom Hoffen,

Bangen und

Scheitern



Anna Drexler (als Eva) in Anna Gmeyners Automatenbüfett - am Residenztheter Münchner | Foto (C) Birgut Hupfeld

Bewertung:    



Zuerst ist man irritiert. Dieses blasse Mädchen mit den verstrubbelten Haaren, gekleidet in unförmigen Pluderhosen und einem riesigen karierten Pullunder (Kostüme: Belle Santos) soll allen Männern den Kopf verdrehen? Aber ja, das macht Sinn. Auch wenn Generationen von Frauen gehört haben, sie sollten keinen kurzen Rock und keinen tiefen Ausschnitt tragen, denn dann würde sexuelle Belästigung ja zwangsläufig folgen. Sie folgt sowieso, egal was sich junge Frauen auch überstülpen.

Anna Drexler als Eva [s. Foto o.re.] schaut man fasziniert zu. Wie sie aus Liebeskummer ins Wasser gehen will und von Herrn Adam (Florian von Manteuffel) gerettet wird. Erstmal gegen ihren Willen: „Nicht einmal zum Sterben kann man seine Ruhe haben.“

Herr Adam nimmt sie mit in das Automatenbüfett, das er zusammen mit seiner Frau betreibt, die nicht müde wird zu betonen, dass der Laden ihr gehört. Carolin Conrad als vom Leben und der Arbeit gezeichnete, die im Innersten auf ein bisschen Liebe hofft.

Wer das Automatenbüfett nicht kennt: Man wirft Geld ein und zieht dann aus einer Klappe ein belegtes Brötchen, ein Paar Würstchen, ein Getränk. Als frühe Form der Selbstbedienungsgastronomie wurde das erste Büfett bereits 1895 im Berliner Zoo eröffnet.

Eva trifft auf eine Männerrunde von kleinstädtischen Honoratioren, die sich im „Deutschen Amateur-Fischer-Verband“ organisiert haben. Ihre Bedeutung wächst dadurch und ihre Ambitionen. Vor allem Herr Adam hat Großes vor. Er möchte die städtischen Teiche in Brutteiche verwandeln, um nicht nur die Stadt, sondern ganz Deutschland mit Süßwasserfisch zu versorgen.

Dazu muss man wissen, wann das Stück entstand. Anna Gmeyners Automatenbüfett wurde 1932 am Hamburger Thalia Theater uraufgeführt. In einer Zeit des Mangels und der Angst, auch noch das bisschen zu verlieren, was man sich mühsam erkämpft hat. Und einer Zeit der hochfliegenden Ideen, wie man es vielleicht doch noch zu Wohlstand schaffen könnte – bevor dann der Nationalsozialismus kurze Zeit später alles in den Abgrund riss.

Als das Stück 1933 in Zürich mit Therese Giehse in der Hauptrolle auf die Bühne kam, war Gmeyner bereits nach Frankreich emigriert. Als Tochter in einer assimilierten jüdischen Familie geboren, wurde es in Deutschland lebensgefährlich für sie. Später ging sie nach England, konnte aber an ihre frühen Erfolge nicht mehr anknüpfen.

In der Inszenierung von Elsa-Sophie Jach gibt es kein Automatenbüfett auf der MARSTALL-Bühne, sondern eine kreisrunde rote Scheibe, auf der die Schauspieler und Schauspielerinnen artistisches leisten müssen (Bühne: Bettina Pommer).

Oben steht man sehr fragil, das Darunter sieht man nicht.

Erst wenn Niels Voges mit seiner Videokamera kommt und die Gesichter ganz aus der Nähe einfängt. Auch wenn der Einsatz von Live-Videos inzwischen schon sehr überstrapaziert ist, hier passt er genial. Er schafft eine große Intimität, man kommt sich fast schon voyeurhaft vor, wenn man die Menschen dabei beobachtet, wie sie sich Eva nähern: lüstern die Männer, wütend Frau Adam und berechnend Herr Adam. Es gibt nämlich noch Widerstand gegen seine Fischzuchtpläne, einige der Honoratioren sind nicht auf seiner Seite, und dazu braucht er jetzt Eva.


„Anstatt Ihre Reize spielerisch zu verschwenden, verwenden Sie sie für einen höheren Zweck. Finden sie heraus, warum sich diese drei Männer einem Projekt entgegensetzen, das der ganzen Stadt zugutekommt, und bringen Sie sie davon ab.“


Und scheinheilig fügt er hinzu:


„Ich möchte Sie um Gottes willen nicht zu etwas veranlassen, was Ihnen unangenehm ist!“


Ach ja, was sollte daran auch unangenehm sein, diese widerlichen Typen umgarnen zu müssen? Aber Eva macht, was von ihr erwartet wird und setzt es in aller Unschuld um. Allein ihr Gesicht zu beobachten ist spannend. Ganz große Schauspielkunst von Anna Drexler. Eva und der aus dem Job und dem Leben gefallene Puttgam (in einer Doppelrolle gewohnt spielfreudig: Max Rothbart) sind die einzig integren Gestalten, und das müssen sie büßen. Die Gewalt des aufkommenden Faschismus spürt man immer deutlicher in dem Treten nach unten, in dem Treten nach Puttgam.

Im Original von Anna Gmeyner wird Eva von den eifersüchtigen Ehefrauen der Honoratioren vertrieben. Hier machen es die Männer selbst, den letzten Endes sind die Frauen auch nur Erfüllungsgehilfinnen ihrer Männer.




Automatenbüfett von Anna Gmeyner - im Münchner MARSTALL | Foto (C) Birgut Hupfeld


*

Was für ein Glück, dass die Stücke von Anna Gmeyner wieder entdeckt worden sind. In ihrer klaren Sprache, fast schon in ihrer Kühle, wurde sie zu Recht mit Ödön von Horváth und Marieluise Fleißer verglichen.

Und was für ein Glück so ein spielfreudiges Ensemble zu erleben.


Isabella Schmid – 16. Februar 2026
ID 15699
AUTOMATENBÜFETT (Marstall, 13.02.2026)
Ein Spiel in drei Akten mit Vorspiel und Nachspiel von Anna Gmeyner

Inszenierung: Elsa-Sophie Jach
Bühne: Bettina Pommer
Kostüme: Belle Santos
Komposition: Samuel Wootton
Licht: Barbara Westernach
Live-Video Niels Voges
Dramaturgie: Constanze Kargl
Mit: Anna Drexler, Florian von Manteuffel, Carolin Conrad, Patrick Isermeyer, Max Rothbart, Thomas Reisinger, Delschad Numan Khorschid und Simon Zagermann
Premiere am Residenztheater München: 13. Februar 2026
Weitere Termine: 21.02./ 13., 24.03.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.residenztheater.de


Post an Isabella Schmid

Freie Szene

Neue Stücke

Premieren (an Staats- und Stadttheatern)



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!    



Vielen Dank.



  Anzeigen:





THEATER Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

BALLETT |
PERFORMANCE |
TANZTHEATER

CASTORFOPERN

DEBATTEN
& PERSONEN

FREIE SZENE

INTERVIEWS

PREMIEREN-
KRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

RUHRTRIENNALE

URAUFFÜHRUNGEN


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal




Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2026 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)