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Premierenkritik

"Erst kommt das

Fressen, dann

kommt die

Moral"



Die Dreigroschenoper am Residenztheater München | Foto (Detail): Sandra Then

Bewertung:    



Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill ist eines der erfolgreichsten und meistgespielten Stücke auf deutschen Theaterbühnen. Seit ihrer Uraufführung 1928 in Berlin sind ihre Songs Gassenhauer geworden. Wer könnte nicht mitsummen bei „Und der Haifisch, der hat Zähne…“

Unter Theaterleuten gilt sie allerdings als schweres Stück. Schließlich verlangt sie von den Darstellenden nicht nur Schauspielkunst, sondern auch entsprechende Gesangsstimmen. Und kann man nach der hundertsten Inszenierung wirklich noch das Publikum von den Stühlen reißen?

Am RESIDENZTHEATER MÜNCHEN (Regie: Philipp Stölzl) ist all das gelungen: Ein vergnüglicher Abend mit großartigen Darstellenden, Tiefgründigkeit und manchen Albernheiten, die nie zum reinen Klamauk verkommen. Schon das Bühnenbild (ebenso von Philipp Stölzl, unter Mitarbeit von Franziska Harm) ist eine Wucht. Steil aufragende, gestapelte Teekisten wie aus einem Schiffscontainer bilden die Spielfläche. Darauf wird geklettert, balanciert und auch mal in einen Abgrund gesprungen. Schon die launige Begrüßung von Moritatensänger Lukas Rüpel holt einen ins Stück. Und gleich wird auch ein Handy aus dem Publikum konfisziert. Das braucht in den folgenden Stunden sicher kein Mensch, denn alle folgen den Geschehnissen auf der Bühne mit Begeisterung.

Jonathan Jeremiah Peachum ist Chef einer Bettlerplatte. Sein eigenes Elend auszustellen, bringe nichts. Um glaubwürdig zu sein, brauche es Verkleidung. Und auf einem Kleiderständer rollen die Grundtypen menschlichen Elends herein. Dazu hängt er seinen Bettlern sogenannte Kaukautzky-Puppen um (Kostüme und Puppen: Kathi Maurer). Der Körper endet auf Hüfthöhe, der Spielerkopf bleibt. Die Proportionen stimmen also nicht mehr, die Menschen erscheinen wie Karikaturen. Oliver Stokowski spielt den Bettlerfürsten kühl überlegen und bedrohlich. Seine Tochter Polly will er auf keinen Fall Macheath, genannt Mackie Messer, überlassen, dem Oberhaupt von Straßenbanditen. Peachum geht es dabei nicht so sehr um das Wohl seiner Tochter, sondern vielmehr um sein eigenes, er braucht Polly weiter fürs Geschäft. Isabell Antonia Höckel gibt eine hinreißende Polly, süß und naiv, bevor sie dann zur gewieften Geschäftsfrau mutiert. Ihre Songs erzeugen immer wieder Beifallsstürme.

Das gilt auch für Vassilissa Reznikoff. Sie brillierte schon als Sally Bowles in Cabaret und rührt hier als Spelunken-Jenny mit ihrer Stimme und ihrem Ausdruck. Überhaupt ist die Besetzung glänzend: Cathrin Störmer als Peachums Frau, Max Rothbart als Polizeichef und Liliane Amuat als seine Tochter, die in einer vollkommen abgedrehten Wut-Arie glänzt. Lukas Rüpel ist nicht nur Moritatensänger, sondern nimmt im fliegenden Wechsel mehrere Rollen ein, bis hin zum Mond über Soho. Und dann natürlich Moritz Treuenfels als Mackie Messer. Nicht nur Stimme und Schauspielkunst überzeugen, sondern auch seine akrobatischen Fähigkeiten. Vor glutrotem Hintergrund, balanciert er auf einer Leiter, die weit ins Publikum ragt, und singt „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, das Publikum hält den Atem an. Kein Wunder, dass er nach dem tosenden Schlussapplaus glücklich auf der Bühne steht. Rundum gelungenen also, was auch der inspirierten Band zu verdanken ist (musikalische Leitung: Stephen Delaney), die hoch oben unter der Bühnendecke überzeugte.

Die Dreigroschenoper, immer wieder schön zu erleben und in dieser Inszenierung ganz besonders.




Die Dreigroschenoper am Residenztheater München | Foto (C) Sandra Then

Isabella Schmid – 29. September 2026
ID 16063
DIE DREIGROSCHENOPER (Residenztheater München, 27.09.2026)
Regie und Bühne: Philipp Stölzl
Musikalische Leitung: Stephen Delaney
Mitarbeit Bühne: Franziska Harm
Kostüme und Puppen: Kathi Maurer
Choreografie: Sommer Ulrickson
Puppenbau und Einstudierung Puppenspiel: Christian Blank
Licht: Gerrit Jurda
Dramaturgie: Ewald Palmetshofer.
Mit: Moritz Treuenfels, Oliver Stokowski, Cathrin Störmer, Isabell Antonia Höckel, Max Rothbart, Liliane Amuat, Vassilissa Reznikoff und Lukas Rüppel sowie (als Bettler, Banditen, Sexarbeiterinnen und Konstabler) Jonathan Joel Albrecht, Raphaela Baumgartner, Lilith Kampffmeyer, Volodymyr Melnykov, Nadja Sabersky, Victoria Spindler und Levin Rashid Stein
Premiere war am 27. September 2026.
Weitere Termine: 30.09./ 02., 04., 06., 13., 25.10./ 12., 14., 27.11.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.residenztheater.de/


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