Wenn David Lynch
ins Deutsche Theater
zieht
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Spirit And The Dust von Noah Haidle - am Deutschen Theater Berlin | Foto (Detail): Elke Walkenhorst
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Bewertung:
Es beginnt als Trauerstück und endet als Fiebertraum. Anna Bergmanns Inszenierung von Spirit And The Dust zeigt, wie man ein psychologisch realistisches Drama so weit ins Surreale kippen kann, bis es leuchtet, flimmert, verstört – und gerade darin präzise wird. Man könnte sagen: Wo David Lynch einst das Kino ins Theatralische trieb, zieht Bergmann das Theater ins Filmische hinüber. Nicht, indem sie Film kopiert, sondern indem sie dessen Logik des Unheimlichen auf die Bühne holt: Zeitsprünge, Zustandsräume, emotionale Überblendungen, Realitätsrisse.
Noah Haidles Stück erzählt im Kern eine schmerzhaft einfache Geschichte: Eine Frau verliert ihr Kind und lebt fortan in der Verwüstung dieses Verlusts. Alles Weitere kreist um diese Leerstelle. Regisseurin Bergmann aber interessiert nicht das bloße Nacherzählen eines Traumas. Sie will sichtbar machen, was Trauer mit Wahrnehmung anrichtet. Wie Erinnerung die Gegenwart vergiftet. Wie Schuld sich in Bilder verwandelt. Wie Hoffnung selbst noch eine Form des Deliriums sein kann.
Im Zentrum steht Hope Foster – und Corinna Harfouch macht aus ihr keine tragische Figur, sondern eine Erscheinung. Ihre Hope ist beherrscht, klarsichtig, abgründig und jederzeit vom inneren Absturz bedroht. Harfouch spielt das grandios ohne jede Geste des Ausstellens. Gerade dadurch entsteht der Sog: Diese Frau ist nicht einfach verletzt, sie ist ein beschädigtes Wahrnehmungssystem. Die Welt kommt bei ihr nur noch verzerrt an.
Dafür findet Bergmann mit Kathrin Frosch starke, kluge Bilder. Die Bühne: das offene Relikt einer Villa, zweigeschossig, durchlässig, wie ein halb geräumtes Gedächtnis. Räume liegen neben- und übereinander wie Bewusstseinsschichten. Szenen laufen simultan, als würden Erinnerungen und Gegenwart um dieselbe Luft konkurrieren. Dahinter: der Pool, jener dunkle, stumme Ort, an dem vor Jahren zwei Kinder ertranken. Ein Lynch’scher Ort par excellence – harmlos, amerikanisch, vorstädtisch auf den ersten Blick, und doch ein Becken des Grauens, aus dem das ganze Stück seine kalte Schwerkraft zieht.
Überhaupt liegt über diesem Abend etwas, das stark an Lynch erinnert: nicht als Zitat, sondern als Stimmung. Das Nebeneinander von Alltäglichkeit und Abgrund. Das plötzliche Kippen von Normalität in Albtraum. Die Ahnung, dass unter der glatten Oberfläche eines Hauses, einer Beziehung, eines freundlichen Gesprächs längst das Entsetzen lauert. Bergmann arbeitet mit Video, Live-Kamera, Musik und physischen Setzungen so, dass die Bühne immer wieder aus dem Realismus herausgleitet. Die Bilder werden grell, künstlich, traumartig; die Klangflächen wirken wie Störungen im Nervensystem der Figuren. Das ist geheimnisvoll, manchmal verstörend, oft von eigentümlicher Schönheit.
Und doch bleibt es, anders als bei Lynch, nicht ganz im freien Schwebezustand des Rätsels. Bergmann hält das Geschehen immer wieder in einer artifiziellen Vitrine. Man schaut nicht in ein dunkles filmisches Unterbewusstes, sondern in eine kunstvoll gebaute Versuchsanordnung aus Schmerz, Erinnerung und Überleben. Diese Inszenierung will nicht Naturalismus, aber sie will Wahrheit – nur eben als Bild, Rhythmus, Zustand.
Die übrigen Figuren umkreisen Hope wie Trabanten derselben Katastrophe – und sie sind klug, präzise, ohne falsches Pathos gesetzt. Alexander Khuon gibt Lee, den verwitweten Lateinlehrer, mit einer müden Wärme und vorsichtigen Zärtlichkeit, die dem Abend einen leisen Gegenrhythmus schenkt. Lenz Moretti spielt Will nicht als bloßen Problemfall, sondern als nervös flackernde Figur am Rand des Selbstverlusts, in der Verletzlichkeit und Aggression unauflöslich ineinander greifen. Wiebke Mollenhauer verleiht Margaret eine klare, wache Präsenz; bei ihr ist spürbar, wie sehr Zukunft hier zugleich Versprechen und Zumutung ist. Abak Safaei-Rad macht Donna, die den gleichen Kindstod anders überlebt hat, zur stillen, schmerzfesten Kontrastfigur zu Hope – weniger expressiv, aber gerade darin eindringlich. Und Frieder Langenberger stattet Jerry mit jener eigentümlichen Mischung aus Leichtigkeit, Loyalität und schwebender Fremdheit aus, die ihn tatsächlich zu einer Art Joker-Figur macht. So tragen alle ihre Versehrtheit offen oder versteckt mit sich herum: verlorene Kinder, verlorene Lieben, verpasste Leben, Selbstzerstörung, die Sehnsucht nach einem zweiten Anfang. Dass dies nie zur bloßen Leidensparade gerät, liegt an der Inszenierung, die immer wieder aus dem Pathos heraus in eine eigentümlich schwebende, manchmal fast grell-komische Künstlichkeit flüchtet.
Der Verzicht auf eine Pause erweist sich dabei als Glücksfall. Der Abend entwickelt einen Sog, der keine Unterbrechung verträgt. Man bleibt in dieser beschädigten Innenwelt, in diesem Schwebezustand zwischen Realität und Fantasie, und merkt, wie selten Theater heute noch den Mut hat, nicht nur etwas zu erzählen, sondern einen Zustand so konsequent zu behaupten.
Spirit And The Dust ist deshalb vor allem eines: ein Abend, der zeigt, dass Theater mehr sein kann als Textverwaltung. Hier wird nicht nur gesprochen, hier wird imaginiert. Bilder, Räume, Klang, Körper, Projektionen – alles arbeitet daran, sichtbar zu machen, was im Inneren der Figuren wütet. Bergmann gelingt ein Abend, der den Schmerz nicht illustriert, sondern ihn in eine Form bringt. Verstörend, schön, künstlich, präzise. Und in seinen besten Momenten so nah an David Lynch, wie das Theater dem Kino vielleicht nur kommen kann, wenn es ganz bei sich selbst bleibt.
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Spirit And The Dust von Noah Haidle - am Deutschen Theater Berlin | (C) Elke Walkenhorst
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Steffen Kühn - 1. März 2026 ID 15730
SPIRIT AND THE DUST (Deutsches Theater Berlin, 27.02.2026)
von Noah Haidle aus dem Englischen übersetzt von Barbara Christ
Regie: Anna Bergmann
Bühne: Kathrin Frosch
Kostüme: Lane Schäfer
Musik: Hannes Gwisdek
Video: Sebastian Pircher
Licht: Cornelia Gloth
Dramaturgie: Daniel Richter
Choreografie: Rônni Maciel
Mit: Corinna Harfouch (als Hope), Alexander Khuon (als Lee), Lenz Moretti (als Will), Wiebke Mollenhauer (als Margaret), Abak Safaei-Rad (als Donna) und Frieder Lannenberger (als Jerry)
Premiere war am 27. Februar 2026.
Weitere Termine: 03., 04., 10., 19.03.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de
Post an Steffen Kühn
http://www.hofklang.de
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