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nachDRUCK # 6

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Uraufführung

Gott,

Goethe,

Handke

SCHNEE VON GESTERN, SCHNEE VON MORGEN von Peter Handke


Bewertung:    



Ein Spiel konnte man daraus machen: wie viele Textstellen und Zitate lassen sich identifizieren? Bei der hohen Journalistendichte am Premierenabend von Schnee von gestern, Schnee von morgen im Salzburger Landestheater müsste es doch viele Treffer gegeben haben. Peter Handke zitiert in seinem letzten Werk unter anderem die Bibel, Goethe, Horvath, Tschechow und natürlich sich selbst. Das Lautwerden des einen Kreuz- und Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens lautet der Untertitel des schmalen Bändchens, das 2025 erschienen ist.

Auch wenn man versuchen würde, im Wanderer Handke zu erkennen - nach Regisseur Jossi Wieler soll es eben kein Nachvollziehen des Autors sein. Und das wäre wohl auch zu banal. Eine durchgehende Handlung gibt es nicht. Es dreht sich um Vergängliches, man hört Liedtitel, poetische Ergüsse, Sprüche, neue (sehr witzige)Wortschöpfungen und immer wieder Horoskope.

Ein Schauspieler könnte diesen Text vortragen oder ein Chor oder, wie an diesem Abend, zwei Darstellende: der vielfach ausgezeichnete Schauspieler Jens Harzer und Marina Galic, die zudem noch Harzers Ehefrau ist. Zweieinhalb Monate haben sie sich den Text erarbeitet und dann noch einmal sechs Wochen in Berlin geprobt (das Stück wurde in Koproduktion mit dem Berliner Ensemble aufgeführt). Beide verfügen über den kompletten Text, erst bei den Proben entwickelnd teilten sie sich den Text auf.

Harzer und Galic ist es auf wundersame Weise gelungen aus diesen Fragmenten einen Dialog zu entwickeln. Zwei Stunden hört man ihnen gebannt zu, auch wenn man nicht weiß, wohin das führen soll. Wie das koproduzierende BE treffend schreibt:


„Worum es in dem jüngsten Text von Nobelpreisträger Peter Handke geht, lässt sich nicht auf eine griffige Formel bringen.“


Eine sprachliche Wendung, die in diesem Text oft vorkommt, heißt:


„Oder auch nicht.“


Etwas wird gesagt und gleich wieder in Frage gestellt. Die Ambivalenz in der Wahrnehmung der Welt, in einer Gesellschaft, die immer schnelle Antworten will, gibt es hier in einem Text übers Fragen.

Aber eigentlich kommen die meisten doch in die Vorstellungen, um Jens Harzer zu sehen. Und er ist natürlich wie immer ein Erlebnis. Auf einer kargen Bühne (Bühne und Kostüme: Anja Rabes) mit scheinbar zertrümmerten Küchenmöbeln sind Harzer und Galic gefordert die Teile herumzutragen, es gibt Versuche des Zusammenbauens, dann stecken sie schon mal eingeklemmt in einem übriggebliebenen Rahmen. Als sie in ihre schwarzen Anzüge gekleidet auch noch rot getönte Sonnenbrillen aufsetzen, erinnern sie an Inszenierungen von Warten auf Godot. Schon in Handkes Immer noch Sturm war Jens Harzer der umjubelte Darsteller, wie auch Handke selbst in Salzburg eine Institution ist. Salzburg hat sich Handke für die Uraufführung gewünscht, hier hat er einige Jahre lang gelebt, wurde für mehrere Stücke gefeiert, und kein Mensch hat mehr daran erinnert, dass er sich im ehemaligen Jugoslawienkrieg wiederholt an die Seite der serbischen Nationalisten gestellt hat und sich mit den später als Kriegsverbrecher verurteilten Drahtziehern traf. Spätestens mit dem Literaturnobelpreis war das vergessen. Und er ist ja sicher auch ein sympathischer Kerl. Das jedenfalls berichten Harzer und Galic, die ihn schon öfter in Paris trafen und von seiner Gastfreundschaft schwärmten. Wie wichtig diese ihm ist, schreibt auch Handke selbst in seinem Werk:


„...Gastwirtschaft und Gastfreundschaft, mein erstes und letztes mir verbliebene Gesellschaftsideal.“


Da passt es gut, dass Peter Handke an diesem denkwürdigen Abend da war und - zerbrechlich wirkend, auf eine Krücke gestützt - auf die Bühne kam. Wie heißt es zum Schluss des Stückes:


„Und vorher, oder auch nachher noch, sah man ihn, wenn auch wie einen Schemen, ein ums andere Mal quer über die Steppe stolpern, aber kein Mensch kann eine Zeit sagen, wo er noch ging, und eine, wo er nicht mehr ging.“


Da war nur noch Rührung und tosender Applaus.



Marina Galic und Jens Harzer in Schnee von gestern, Schnee von morgen von Peter Handke - uraufgeführt bei den Salzburger Festspielen 2026 | Foto (C) SF/Ruth Walz

Isabella Schmid - 29. Juli 2026
ID 15966
SCHNEE VON GESTERN, SCHNEE VON MORGEN (Landestheater, 27.07.2026)
von Peter Handke

Regie: Jossi Wieler
Bühne und Kostüme: Anja Rabes
Musik: Biber Gullatz
Licht: Steffen Heinke
Dramaturgie: Sibylle Baschung
Mit: Marina Galic und Jens Harzer
UA bei den SALZBURGER FESTSPIELEN: 27. Juli 2026
Weitere Termine (in Salzburg): 29., 30.07./ 01., 02., 04., 05.08.2026
Eine Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Berliner Ensemble


Weitere Infos siehe auch: https://www.salzburgerfestspiele.at


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