Die blinde
Stelle im Fluss
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Staubfrau von Maria Milisavljević am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung
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Bewertung:
Wie verloren in der Zeit gleiten drei geisterhafte Frauengestalten in blassen, pastellfarbenen Kleidern schmerzhaft langsam durch ein Dickicht aus zitternden Fäden. Kaum berührt, geraten die Fäden in Schwingung; jede noch so kleine Erschütterung verfängt sich sofort in einem Vibrieren. Die drei auftretenden Protagonistinnen tragen unförmige Reifröcke sowie raumgreifende Hüte mit Plastikschleiervorhängen. Auf den Hüten prangen Produkte von Care-Arbeit wie ein Kochtopf, Vasen mit Blumen oder eine Bauklotz-Landschaft. Die Bewegungen und das Aufbäumen der drei Darstellerinnen im Sand hinterlassen Spuren, die von der jüngsten Figur mühsam wieder begradigt werden.
Ausstatterin Marie Häusner verzichtet auf realistische Räume und setzt stattdessen auf visuelle Metaphern: Eine raumhohe Wand aus weißen Fäden, die wie Lamellen herabhängen, dominiert die Bühne. Auf dem Bühnenboden liegt Sand verteilt. Über dem gesamten Geschehen schwebt eine markante silberne Aluminium-Wolke, die der farblich ansonsten in Weiß- und Grautönen gehaltenen Kulisse eine fragile, fast unwirkliche Atmosphäre verleiht.
Später werden sich die Figuren Masken, die an Strickmuster erinnern, aufsetzen. Sie werden sich ihrer Reifröcke entledigen und an ihren blassen Kleidern nesteln. Sie werden sich an der Fadenwand abstützen, und daran emporklettern. Eine Frau wird an den Fäden zerren, was beim Zurückschnellen derselben knallende Geräusche erzeugt. Die Wand wird sich als ausweglos und geduldig erweisen.
Maria Milisavljevićs Stück Staubfrau beleuchtet das generationenübergreifende Trauma weiblicher Opfer von häuslicher Gewalt und Femizid. Dabei verzichtet die Autorin auf klassische, lineare Dialoge. Stimmen verschiedener Figuren fließen ineinander über und wirken aufeinander ein. Gedanken werden als Anteile des fortwährenden Bewusstseinsstroms einer einzigen Figur ausgesprochen und wieder verworfen. Harsche, aufgekratzte, kämpferische Töne bahnen sich an, Impulse sorgen für Disruption, und Wehmut und Zorn liegen in den Stimmen:
„Was wird dir denn zu viel?“ „Vertrau nur auf die Zukunft. Glaube nicht an gestern.“ „Vom Feminismus hat sich noch nie jemand etwas kaufen können.“ „Das hat er nicht so gemeint.“ „Angst und Schmerz - ich jage dich davon.“ „Ich bin wütend, vor allem auf mich.“ „Warum hat sie nichts gesagt?“
Inhaltlich wird auf beklemmende und emotionale Weise ein endloser Strom familiärer und gesellschaftlicher Gewaltmuster über Generationen hinweg thematisiert. Erlebte Gewalt und das erlernte Aushalten und Erdulden haben sich scheinbar über Jahrzehnte hinweg in den Körper und den Alltag eingeschrieben. Sprachlich werden poetisch wiederkehrende Motive beleuchtet. So spricht eine Figur über ein Schweigen, das tief wie ein Fluss durch ein Dorf dahinfließt. Das Gewässer symbolisiert das unaufhaltsame, stetige Weiterfließen von patriarchaler Gewalt von Generation zu Generation.
Die traumatischen Erfahrungen der Großmutter (Ursula Grossenbacher) und der Mutter (Lydia Stäubli) fließen wie ein ständiger Strom in das Leben der Tochter (Alina Heipe) und deren Tochter (ebenfalls Lydia Stäubli im gleichen Kostüm) ein. Auf dem Grund des Flusses liegen scheinbar banale Gegenstände wie eine Halskette oder ein Fahrrad, die jedoch Chiffren für ermordete Frauen und verdrängte Verbrechen sind. Unter der Oberfläche liegt viel Wut, die möglicherweise einmal – wie im weiteren Verlauf – über die Ufer treten könnte.
Schon früh wird die Küche als klassischer Ort weiblicher Care-Arbeit in ein Machtzentrum gefährlicher Ermächtigung umgedeutet. So überlegt die Tochter dem Vater ihrer Kinder Eisenhut – eine der giftigsten Pflanzen Europas – im Rotwein beizumischen. Die bereits verstorbene Großmutter ruft jedoch aus: „Du kannst ihn nicht vergiften." Sie rät der Protagonistin im Stück sogar, dass der Suizid „einfacher umzusetzen“ sei.
Trotzdem denkt die junge Mutter zwanghaft darüber nach, ihrem Mann schwarzen Nachtschatten, hochdosierten Fingerhut, oder Arsen oder den Grünen Knollenblätterpilz zukommen zu lassen. Bilder dieser Gewächse werden farbig auf den Bühnenhintergrund projiziert (Video: Clara Kulemeyer). In der Kriminologie ist statistisch gut dokumentiert, dass Frauen, die Tötungsdelikte begehen, weitaus seltener zu roher körperlicher Gewalt greifen als Männer. Gift war historisch – und ist es in der psychologischen Dynamik bis heute – das Tatmittel erster Wahl bei Frauen, da es keine physische Kraft, sondern Zugang zur Nahrung und Geduld erfordert. Über Jahrhunderte hinweg war das Wissen um Kräuter und Gifte für Frauen in ausweglosen, patriarchalen Ehen oft die buchstäblich einzige Möglichkeit, sich eines tyrannischen oder missbräuchlichen Ehemanns zu erwehren, da Scheidungen rechtlich unmöglich oder gesellschaftlich der Ruin waren. In dem Stück werden diese Pläne voller Skepsis wieder verworfen. Das Gift bleibt ein Rache- und Befreiungsmythos in den Köpfen der traumatisierten Frauen.
Der patriarchale Partner, von dem die strukturelle und häusliche Gewalt ausgeht, taucht physisch nie auf der Bühne auf. Er ist stattdessen lediglich als Stimme aus dem Off präsent, die fordernd und kontrollierend in den Raum dringt. Die Weiblichkeit der Toneinspieler (es sprechen neben Alina Heipe auch Sophie Basse, Lena Geyer, Rebecca Große Boymann, Julia Katinka Philippi, Birte Schrein und Imke Siebert) wirkt in diesem Kontext irritierend und unheimlich. Diese gezielte Verfremdung lenkt den Fokus weg von einer rein biologischen Schuldfrage hin zu einer Kritik an gesellschaftlich erlernten Rollenbildern und Machtstrukturen. Die eigentlichen Gewaltakte werden nicht offen ausgespielt, sondern über Ton, wie das dumpf grollende Sounddesign (Musik: Ada M. Helene Brack), und intensive Darstellerleistungen, die auf die Ansagen aus dem Off reagieren, ausgedrückt.
Hier wird verdeutlicht, dass auch Frauen – oft unbewusst – patriarchale Strukturen reproduzieren und weitertragen können, was im Stück auch über das generationenübergreifende Trauma von Großmutter, Mutter und Tochter verhandelt wird. Der Täter steht nicht für ein Individuum, sondern für das patriarchale System als Ganzes. Die Gewalt wirkt dadurch allgegenwärtig, strukturell und institutionell – sie ist kein privates Problem, sondern ein gesellschaftliches.
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Regisseurin Jula Marie Kühl gelingt mit Staubfrau ein eindringliches Requiem gegen die Allgegenwärtigkeit von häuslicher Gewalt. Am Ende des Stücks wenden sich die drei Schauspielerinnen frontal an das Publikum und verlesen in einer sachlichen, repetitiven Schleife reale Femizide nach dem Schema „Datum, Alter, Ort“.
Die vorgetragene Liste der Femizid-Opfer des Jahres 2026 hierzulande führt dem Publikum schmerzhaft vor Augen, dass tödliche Gewalt gegen Frauen kein importiertes Problem ist, sondern tief in der hiesigen Mehrheitsgesellschaft und in jahrzehntelangen Schweigestrukturen wurzelt. Doch gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung tauchen Menschen aus bestimmten Herkunftsländern – darunter auch mehrheitlich muslimisch geprägte Staaten wie Syrien, Afghanistan oder Staaten Nordafrikas – überproportional häufig als Tatverdächtige bei Gewaltdelikten gegen Frauen in den Statistiken auf, was Dramatikerin Milisavljević in ihrem Drama jedoch nicht thematisiert. Gerade in diesem radikalen Anspruch auf Vollständigkeit und Aufklärung offenbart das Stück eine problematische intellektuelle Leerstelle: So wird etwa das Phänomen der sogenannten „Ehrenmorde“ konsequent ausgeblendet. Indem die Inszenierung geschlechtsspezifische Gewalt ausschließlich als Produkt eines traditionalisierten, mitteleuropäischen Patriarchats zeichnet, verengt sie den Blickwinkel auf eine bequeme, weil bekannte Täterstruktur. Die Realität moderner europäischer Gesellschaften ist jedoch komplexer. Tötungsdelikte im Kontext patriarchaler Familien- und Kollektivstrukturen – bei denen Frauen und Mädchen sterben, weil sie vermeintlich die „Ehre“ eines ganzen Clans verletzt haben – stellen eine spezifische und besonders brutale Facette von Femiziden dar. Diese Taten folgen einer eigenen, kollektiven Dynamik, die sich fundamental von der im Stück verhandelten, isolierten Gewalt in der mitteleuropäischen Kleinfamilie unterscheidet.
Dass Milisavljević diese Realität in ihrer chronologischen Auflistung realer Taten ignoriert, schwächt die politische Schlagkraft des Werkes. Es drängt sich der Verdacht auf, dass das Stück einer politisch korrekten Beißhemmung erliegt: Aus Sorge, rassistische Narrative oder Ressentiments gegen Zuwanderer zu bedienen, wird eine reale Bedrohung für viele Frauen in parallelen Gesellschaftsstrukturen einfach totgeschwiegen. Gewalt gegen Frauen ist universell – sie darf aber nicht im Namen einer selektiven Empathie gegen ihre unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen ausgespielt werden. Wer Femizide wirksam bekämpfen will, darf vor den blinden Flecken der eigenen Ideologie nicht Halt machen. Staubfrau verharrt hier leider in einer westlich-bürgerlichen Filterblase, die die Augen vor den globalisierten Realitäten des 21. Jahrhunderts verschließt.
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Lydia Stäubli, Alina Heipe und Ursula Grossenbacher (v.l.n.r.) in Staubfrau von Maria Milisavljević - am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung
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Ansgar Skoda - 23. September 2026 ID 16056
STAUBFRAU (Werkstatt, 20.09.2026)
von Maria Milisavljević
Regie: Jula Marie Kühl
Ausstattung: Marie Häusner
Video: Clara Kulemeyer
Licht: Dominik Rose
Dramaturgie: Carmen Wolfram und Sarah Tzscheppan
Musik: Ada M. Helene Brack
Choreografie: Ben Rentz
Mit: Ursula Grossenbacher, Alina Heipe und Lydia Stäubli
UA am Schauspielhaus Zürich: 11. Januar 2025
Premiere am Theater Bonn: 20. September 2026
Weitere Termine: 02., 11., 23., 30.10./ 07., 20.11.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de
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