Vom Verfolgten
zum Verfolger
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Maximilian Sassinek und Max Rademacher (von links nach rechts) in Noch ist Polen nicht verloren am Theater der Keller Köln | Foto © Oliver Strömer
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Bewertung:
Angesichts der jüngsten, historischen Wahlerfolge der AfD und einer spürbaren Normalisierung autoritärer Rhetorik entfaltet Jürgen Hofmanns über 80 Jahre alte Polit-Satire Noch ist Polen nicht verloren eine beklemmende Wucht. Die rasante Geschichte rund um ein Theaterensemble, das seine Kulissen kurzerhand in Waffen des antifaschistischen Widerstands verwandelt, wird hier zum eindringlichen Plädoyer für eine wehrhafte Kunstfreiheit.
Posen im Spätsommer 1939: Ein ambitioniertes polnisches Theaterensemble steht kurz vor der Premiere der Nazi-Satire „Gestapo“, als die Wehrmacht tatsächlich in Polen einfällt. Die Aufführung wird sofort zensiert. Als kurz darauf ein echter SS-Spitzel wichtige Dokumente des polnischen Untergrunds an die Besatzer übergeben will, geraten die Kulturschaffenden in Lebensgefahr. Unter Ausnutzung ihrer verbotenen Kostüme und Kulissen schlüpfen sie in die Rollen von NS-Größen, um die Gestapo zu täuschen, auszuspionieren und zu sabotieren.
Drei parallel oder blockweise formierte, nüchterne Tischreihen dienen im Bühnenbild von Lucie Hedderich im fliegenden Wechsel des Stücks ohne großen Umbau als Setting für Bühnenproben, ein kalt ausgeleuchtetes Verhör oder ein Schreibtisch-Szenario im Gestapo-Hauptquartier. Durch das Verschieben und Besetzen dieser drei Reihen entstehen Achsen und Barrieren im Raum. Wenn sich die Schauspielenden hinter den Tischen verschanzen oder die vermeintlichen Nazi-Größen dort Platz nehmen, spiegeln die Tischfronten eine bürokratische Kälte und die hierarchischen Machtstrukturen des NS-Apparats wider, gegen die das junge Kollektiv spielerisch antanzt.
Das junge Ensemble agiert unter der Regie von Michael Meichßner wandlungsfähig und dynamisch. Mit nur wenigen Handgriffen, dem Überwerfen einer möglichen düster-monochromen Uniform des NS-Machtapparats oder dem schnellen Wechsel von Mänteln und Mützen verwandeln sich die Figuren von Verfolgten in Verfolger. Stimmungen können in jeder Sekunde umschlagen. Das präzise Timing der Lichttechnik (Jan Wiesbrock) sorgt dafür, dass die abrupten Wechsel zwischen Slapstick, chorischen Passagen und existenzieller Bedrohung ihre dramatische Wirkung entfalten.
Max Rademacher mimt spielfreudig Josef Tura, den eitlen Star des Ensembles. Er liebt das theatralische Pathos und leidet sichtlich darunter, dass sein pathetischer Hamlet-Monolog ("Sein oder Nichtsein") vom Publikum unterbrochen wird. In der waghalsigen Widerstands-Aktion gibt er sich im fliegenden Wechsel sowohl als ein NS-Gruppenführer als auch als ein Spion aus. Michelle Schneck verkörpert Josefs betörende Ehefrau Maria, die umschwärmte Primadonna des Theaters. Sie genießt die ungeteilte Aufmerksamkeit der Männer und erweist sich als äußerst clevere Strategin. Sie nutzt ihren Charme aus, um den echten Verräter Siletzky grazil zu bezirzen und auszuspionieren. Maximilian Sassinek gestaltet mit ungestümer Energie Stanislav Sobinski, einen leidenschaftlichen polnischen Fliegerleutnant, der Maria heimlich in ihrer Garderobe besucht, wenn Josef Tura schwerfällig seinen Hamlet-Monolog anstimmt. Er bringt die reale politische Bedrohung mit emotionaler Wucht direkt in das Theater und fungiert als Bindeglied zum Untergrund.
Juliana Tricoli sticht sowohl in der Rolle des gefährlichen NS-Doppelagenten Professor Siletzky als auch des eitlen Gruppenführers Erhardt heraus. Während der kaltblütige, gebürtig aus Polen stammende Spion Siletzky die Theaterwelt durchschaut, erscheint Gruppenführer Erhardt mit hohlen Parolen als der Prototyp des dumpfen, leicht manipulierbaren Nazibürokraten. Er ist grausam, lacht ungeheuer anmaßend über Spitznamen im Zusammenhang mit dem KZ, verliert jedoch schnell die Fassung und wird unterwürfig, wenn er einen vermeintlich „höheren“ SS-Vorgesetzten vor sich zu haben glaubt. Die Komik der Figur entsteht durch seine totale Befehlshörigkeit, die von Tricoli mit bemerkenswert subtiler Mimik und Gestik greifbar macht und vom Ensemble schamlos ausgenutzt wird.
Claudio Tardio ist als Theaterleiter Dowas der nervöse, bodenständige Gegenpol zu seinen exzentrischen Stars und deren Eitelkeiten und Affären. Während diese mit ihren künstlerischen Ansprüchen beschäftigt sind, versucht Dowas verzweifelt, den Theaterbetrieb zusammenzuhalten. Anfangs eher ängstlich und konfliktscheu sorgt er sich vor allem um Zensur, Bußgelder oder die Schließung seines Hauses durch die Behörden. Er verliert in den turbulenten Verwechslungs- und Täuschungsmanövern am laufenden Band die Kontrolle und wird durch die Loyalität zu seinem Ensemble und die Brutalität der Besatzer unweigerlich in den Strudel des Widerstands hineingezogen.
Das Duo Bronski (Katharina Speelmans) und Greenberg (Muriel Line Blomeyer) träumt in Statistenrollen von großen Auftritten auf dem Parkett und sorgt mit Wortwitz kommentierend für Sarkasmus und Slapstick. So erwidert Bronski auf den Hitlergruß als Figur des Führers kontrolliert mit Genugtuung ein "Ich heil mich selbst". In Aufführungspausen mischen beide bei einem Instrumentalquartett mit. Hannah Marie Bahlo und Viona Canoska porträtieren schlussendlich verängstigte, aber findige Bühnenkünstler. Die jungen Absolventen der Schauspielschule DER KELLER spielen (nach dem Rechercheprojekt Schönheit) auch hier sehr auf den Punkt. Sie zelebrieren das „Theater im Theater“ mit rasantem Tempo und vollem Körpereinsatz.
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Der Stoff erlangte vor allem durch Ernst Lubitschs Hollywood-Verfilmung Sein oder Nichtsein (1942) weltweite Berühmtheit. Der Titel zitiert die erste Zeile der polnischen Nationalhymne ("Jeszcze Polska nie zginęła") und fungiert im Stück als symbolische Referenz an den ungebrochenen Lebenswillen.
Gerade weil rechte Parteien wie die AfD junge Menschen gezielt über Social Media manipulieren, feiert diese furiose Polit-Satire das Theater als wehrhaftes Instrument gegen den modernen Rechtspopulismus. Getragen von der Energie einer jungen Generation entlarvt die Inszenierung autoritäre Machtstrukturen durch die Waffe des Lachens und setzt so ein Zeichen für die Verteidigung unserer demokratischen Freiheit und die Unantastbarkeit der Kunst.
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Muriel Line Blomeyer, Katharina Speelmans und Viona Canoska (v.l.n.r.) in Noch ist Polen nicht verloren am Theater der Keller Köln | Foto © Oliver Strömer
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Ansgar Skoda - 13. Oktober 2026 ID 16093
NOCH IST POLEN NICHT VERLOREN (Werkshalle, 09.10.2026)
Eine Komödie nach dem Filmklassiker Sein oder Nichtsein von Ernst Lubitsch
von Jürgen Hofmann nach Melchior Lengyel
Regie: Michael Meichßner
Bühne & Kostüme: Lucie Hedderich
Licht: Jan Wiesbrock
Dramaturgie: Ulrike Janssen
Dramaturgische Mitarbeit: Sabine Hahn
Mit: Hannah Marie Bahlo, Muriel Line Blomeyer, Viona Canoska, Max Rademacher, Maximilian Sassinek, Michelle Schneck, Katharina Speelmans, Claudio Tardio und Juliana Tricoli
Premiere am Theater der Keller: 9. Oktober 2026
Weitere Termine: 06., 10.11./ 04., 05.12.2026
ktion mit der Schauspielschule DER KELLER
Weitere Infos siehe auch: https://theater-der-keller.de
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