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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Das Gefängnistheater aufBruch verknüpft in der JVA Tegel das Caligula-Stück von Albert Camus mit Dantes Göttlicher Komödie



Grafik: Dirk Trageser

Bewertung:    



Der Caligula in der neuen Freiluftproduktion des aufBruch Gefängnistheaters in der JVA Tegel hat deutlich Rockstarallüren. Hauptdarsteller Norman spielt den melancholischen römischen Kaiser, der die Absurdität der Welt nicht erträgt und daher die absolute Freiheit, zu machen, was er will, zum Staatsziel erklärt, in schwarzer Lederkluft. Absurd ist schon, als Gefangener die Macht zu erhalten dies zu tun. Das geht nur auf der Theaterbühne. Das zweite Ziel Caligulas, die absolute Gleichheit aller, könnte man im Knast fast schon als erfüllt sehen. Aber auch dort gibt es bestimmte Hierarchien. Zu erreichen ist die Gleichheit in Camus‘ 1938 entstanden Drama Caligula aber nur durch den Tod. Und gestorben wird hier wahrlich viel. Die zerstörerische Wut des Tyrannen ereilt willkürlich seine Untertanen und letzten Endes auch ihn selbst. Ein gewisser selbstzerstörerischer Drang ist der Menschheit von jeher inhärent.

Man ist immer versucht, beim Existenzialisten Camus philosophische Erklärungen zu finden. Das kann man hier getrost vergessen. In der Inszenierung von Peter Atanassow herrscht das pure Chaos, eine gewisse Anarchie von oben, die sich zunächst gegen die Eliten im Staat richtet und dann willkürlich immer tiefer geht. Da hat man sicher einige politisch Herrschende vor Augen. Und das allein würde schon genügen, einen zweistündigen Abend zu bestreiten. Atanassow legt aber noch eine Schippe auf und verknüpft Camus‘ Caligula mit Dantes Inferno zum Caligula.Inferno. Dazu gibt es textlich noch etwas aus Inferno von Peter Weiss und einige chorische Passagen aus Radio Inferno vom Neubauten-Musiker FM Einheit.

Für die Livemusik sorgen wieder die 17 HIPPIES und Vsevolod Silkin am Klavier, die am Rand der Bühne von Holger Syrbe sitzen. Die zwei Etagen sind mit Gitterwänden durchsichtig nach vorne abgetrennt ist.


„Wenn aber nichts ist, was es ist. Was ist dann die Hölle?“


Das Vorspiel gilt Dantes Inferno. „Lasst alle Hoffnung fahren.“ Die Rede ist auch von Chaos und Klassenkampf. Fabi spielt ganz in Rot (Kostüme: Anne Schartmann) einen teuflischen Conférencier des Purgatorium und ist ansonsten der Haushofmeister an Caligulas Hof. Hier hat man den um seine tote Schwester trauernden Kaiser länger nicht gesehen. Gerüchte werden gestreut. Anhänger wie Gegner formieren sich und das Volk murrt.

Das ist szenisch immer wieder gut zusammengestellt und choreografiert (von Suzann Bolick). Caligula und seine Frau Caesonia (Peter Maier C.d.F.) legen sogar mal ein Tänzchen hin. Die 17 HIPPIES spielen einen bunt gemixten Soundtrack von Rio Reisers König von Deutschland, über eine deutsche Coverversion von John Fogertys Bad Moon Rising bis zu Alles klar auf der Andrea Doria von Udo Lindenberg und vieles mehr. Im Vordergrund steht die Geschichte um den launischen Kaiser, der von seinen Getreuen Helicon und Rubicon (Atac und Paco) nichts weniger als den Mond fordert. Seine Gegenspieler sammeln sich unter dem entschlossenen Dichter Cherea (Paul E.) und dem nachdenklichen Scipio (Marco), die im ständigen Disput um den Sturz des Tyrannen stehen. Der lässt weiter morden, demütigt die Senatoren und zwingt deren Frauen ins städtische Bordell zur Mehrung des Staatsschatzes.

Das 22köpfige Gefangenen-Ensemble hat gut zu tun, die zahlreichen Rollen der Patrizier, Senatoren, Dichter, Wachen und des einfachen Plebs zu bekleiden. Caligulas Feststellung „Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich“ ist der Ausgangspunkt zu seiner Umdeutung aller Werte, die das Staatsgefüge erschüttern, bis die Hölle zurückschlägt und die Toten als nach Fleisch gierende Zombies zurückkehren. Dazu skandiert das Ensemble lautstark Texte aus dem preisgekrönten Hörspiel Radio Inferno (1993) von FM Einheit und Andreas Ammer nach Dantes Göttlicher Komödie, bis der denkwürdige Abend mit Bye Bye Love/Life von den Everly Brothers zu Ende geht.

*

Leider sind auch schon wieder alle Folgevorstellungen ausverkauft. Aber ab Ende August gibt es dann schon die nächste Produktion mit Lessings Nathan der Weise in der Freilichtbühne Jungfernheide.
Stefan Bock - 11. Juni 2026
ID 15902
CALIGULA.INFERNO (JVA Tegel, 09.06.2026)
nach Camus und Dante

Regie: Peter Atanassow
Bühne: Holger Syrbe
Kostüme: Anne Schartmann
Dramaturgie: Franziska Kuhn
Musikalisches Konzept und Arrangements: Christopher Blenkinsop (17 HIPPIES)
Musikalische Einstudierung Gesang: Vsevolod Silkin
Choreographie: Suzann Bolick
Es spielt das Gefangenenensemble der JVA Tegel mit Adrian Zajac, Alex, André S., Atak, Baris Can, Eddy A., Fabi, H. Peter Maier C.d.F., Horst Grimm, Jan M., Marco, Muhammet, Norman, Paco, Paul E., Rico, Robert, Robin, Ronny B., Senad, Sven und Taui.
Es begleiten Musiker der 17 HIPPIES mit Benjamin Ostarek (Klarinette), Reinhard „Koma“ Lüderitz (Schlagwerk, Sackpfeife), Volker „Kruisko“ Rettmann (Akkordeon) und Michael "Moe" Jaksch (Kontrabass, Zither) sowie am Klavier Vsevolod Silkin.
Premiere am Gefängnistheater aufBruch: 9. Juni 2026
Weitere Termine: 15., 16., 22., 23., 24., 29., 30.06./ 02.07.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.gefaengnistheater.de


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