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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Katie Mitchell verfilmte

zum dritten Mal

live den lyrischen

Essayband von

Maggie Nelson



Bewertung:    



Was lange währt, wird endlich gut, sagt man bekanntlich. Für Katie Mitchell stimmt das leider nur bedingt. Zum dritten Mal hat die Regisseurin nun schon Bluets (dt.: Blaue Blütchen), den 2018 erstmals auf Deutsch erschienenen lyrischen Essay-Band der US-amerikanischen Dichterin, Kritikerin und Essayistin Maggie Nelson (53) für die Bühne adaptiert. Leider immer auf die gleiche Weise, so dass es fast schon wie eine Obsession wirkt. So auch der Untertitel des Buchs. Mitchell hat die erste Bühnenfassung 2019 für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg entwickelt. 2024 inszenierte sie eine neue Textfassung der irischen Dramatikerin Margaret Perry am Royal Court Theatre London mit Ben Whishaw, Emma D'Arcy und Kayla Meikle. In deutscher Übersetzung von Jan Wilm kam nun eine dritte Inszenierung zur Eröffnung des Festivals Internationaler Dramatik (FIND) an der Berliner Schaubühne zur Premiere. Wieder hat die Regisseurin den Text auf drei ProtagonistInnen (Eva Meckbach, Renato Schuch, Alina Vimbai Strähler) verteilt. Und natürlich spielen auch hier, wie immer bei Katie Mitchell, Livekamera und Video (Virginie Taylor) eine tragende Rolle.

Im Text des Buchs umkreist eine Erzählerin in 240 Prosaminiaturen alle Schattierungen und Geheimnisse der Farbe Blau. Es ist auch die Geschichte einer tragischen Liebe. Die Erzählerin ist von einem sogenannten „Prinz des Blauen“ verlassen worden und sinnt ihm lyrisch, philosophisch und assoziativ in Beobachtungen und Reflexionen zur Farbe Blau nach. Neben ihrem Liebeskummer steht im Kontrast dazu die Tragödie ihrer nach einem Unfall querschnittsgelähmten Freundin. Eine sehr persönliche Betrachtung, die durch das Fabulieren und Philosophieren über die Farbe Blau und mit kleinen Bonmots zu den ihr ebenso huldigenden KünstlerInnen wie Joni Mitchell, Billie Holiday, Yves Klein oder dem Philosophen Ludwig Wittgenstein der Fähigkeit, Schmerz zu fühlen, nachspürt.

Der Abend verläuft nach dem Muster live gedrehter Tonfilm, wie man es von Mitchell kennt. Die Kameras, die die drei DarstellerInnen filmen, werden durch Bewegung ausgelöst. Das spart die üblichen Kameraleute, die bei diesem Kammerspiel nur stören würden. Auf drei Bildschirmen hinter den Akteuren laufen vorgedrehte Außenaufnahmen von Berliner Orten. Davor agieren Eva Meckbach, Renato Schuch und Alina Vimbai Strähler, indem sie so tun, als liefen sie Straßen entlang, würden mit dem Auto, Bus oder der U-Bahn fahren. Räume und Außenaufnahmen eines Krankenhauses werden eingeblendet. Ein Krankenzimmer mit Bett, Großaufnahmen von Einrichtungsgegegenständen, Kissen, auf denen sie schlaflos den Kopf legen, oder Hände, die gehalten werden. Auf einem großen Screen über der Bühne wird das alles zusammengeschnitten und ergibt mit dem abwechselnd gesprochenen Text eine Geschichte ruhelosen Wandelns in nächtlich erleuchteten Straßen.

Das ist minutiös getimet und wie immer technisch einfallsreich und eindrucksvoll gemacht. Das Ergebnis ist in Summe aber nur schön bebilderte Einsamkeit und Isolation mit einem poetischen Text, der viel kulturtechnisches Wissen von Goethes Farbenlehre über Musik, Sex und Psychologie vorgibt und in seiner bildungsbürgerlichen Verliebtheit seine innere Leere nur umso mehr herausstellt. Es erinnert in seiner persönlichen Nabelschau auch ein wenig an Mitchells Inszenierung von Sarah Kanes 4.48 Psychose als Live-Hörspiel mit Julia Wieninger Im Malersaal des Hamburger Schauspielhaus. Auch das ein technisch perfekt in ein starres Konzept gezwängter Abend, der nur durch eine großartige Schauspielerin zum Leben erweckt wird. Und auch an der Berliner Schaubühne trifft das perfekt funktionierende Schauspieltrio keine Schuld am leicht narkotisierenden Depri-Sound.



Bluets an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Gianmarco Bresadola

Stefan Bock - 17. April 2026
ID 15806
BLUETS (Schaubühne am Lehniner Platz, 15.04.2026)
von Maggie Nelson

Regie: Katie Mitchell
Künstlerische Mitarbeit: Ellis Buckley
Bühne: Alex Eales
Kostüm: Sussie Juhlin-Wallén
Videoregie: Grant Gee
Video (London): Ellie Thompson
Video (Berlin): Virginie Taylor
Musik: Paul Clark
Sounddesign: Paul Clark / Munotida Chinyanga
Dramaturgie: Nils Haarmann
Licht (London): Anthony Doran
Licht (Berlin): Bethany Gupwell
Mit: Eva Meckbach, Renato Schuch und Alina Vimbai Strähler
Berliner Premiere war am 15. April 2026.
Weitere Termine: 17., 18., 19.04./ 05., 06.05.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de


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