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Premierenkritik

30. November 2008 - Deutsche Oper Berlin

TANNHÄUSER UND DER SÄNGERKRIEG AUF DER WARTBURG

Kirsten Harms inszeniert die Dresdner Fassung


Markus Brück und Nadja Michael sind Wolfram und Elisabeth im neuen TANNHÄUSER an der Deutschen Oper Berlin, inszeniert von Kirsten Harms - Foto (C) Matthias Horn



Null-Gelüst

Bei Wagners Tannhäuser gibts mindestens zwei Fassungen, die eine nennt sich "Dresdner" und die andere "Pariser"; beide trennen Jahre und Jahrzehnte. Bei der letzteren, also der Fassung mit dem schönen Beinamen "Pariser", handelt es sich insbesondere um eine kampfzonengemäße Ausweitung der Sexualskala im Ersten Akt - der fängt im Venusberg zu spielen an - , und Wagner hatte da, aus hier nicht näher zu erläuternden Motiven, Dutzende Minuten aufpeitschendster Klänge neu hinzugefügt; er konnte oder wollte da aus seinen "Liebesakt"-Erfahrungen des Tristan reichlich schöpfen... und man merkt es diesem Misch-Gebilde (= Tannhäuser, "Pariser" Fassung) eineindeutig an, dass in ihm irgendwas nicht ganz in Ordnung ist, dass eben Jahre und Jahrzehnte zwischen ihr (= "Pariser" Fassung) und der ursprünglichen Variante seines Werkes (= "Dresnder" Fassung) liegen. Heutzutage setzt man mehr und mehr auf eine Kolportage beider Fassungen, auch weil nämlich in der "Pariser" Fassung, beispielsweise, Wolframs schönes Abendsterngeliedel so von Wagner nicht mehr vorgesehen wäre oder ist, und hin und her und hoch und runter; also:

Kirsten Harms, die Künstlerintendantin in der Bismarckstraße, machte es nun ganz ganz anders als die allzu zeigegeilen männlichen Kollegen vor ihr, und sie setzte, ohne jede Rücksicht auf die Drangsal männlicher Geschlechtsorgane, auf die schöne und nicht minder biedere Vorlage Richard Wagners aus der Dredner Zeit - so kann man sie im Übrigen in einer zauberhaften Einspielung der Staatsoper Berlin unter Konwitschny (1961), also völlig frei von dieser tristanal geschwängerten Verführerei, auf drei CD's von EMI hören - , und obgleich da auch und sowieso im und vom Venusberg sehr intensiv die Handlung und die Rede ist... aber; Harms will da diesmal überhaupt nichts sexualpolitisch eskalieren lassen, davon soll hier gotterverdammig nichts mehr vordergründig einzusehen sein, Psychologie oder so etwas Ähnliches soll uns, den stillgestellten Zuschauern, das schwanz- und eierlose Fühlen Heinrich Tannhäusers plausibel machen oder so... Hä???



Torsten Kerl steht ziemlich aufrecht vor den Pilgern, die zur Strafe für die Sünden (welche Sünden?) schon mal vorab in der Hölle weilten... so gesehen durch die Regisseurin Kirsten Harms im neuen TANNHÄUSER im Hause an der Bismarckstaße - Foto (C) Matthias Horn


Und so können wir nicht nachvollziehen, warum er dann überhaupt im Venusberg gewesen war, wo er ja ganz gewisslich seinen Samen literweise in die sich ihm darbietenden Öffnungen der Frauen (sowie Männer oder Tiere; wo der sexuelle Rausch manifestiert wird, schwinden die geschlechtsspezifischen Barrieren, denn die Lustorgie regiert an sich - peinlichste Vorstellung für eine Hausfrau der Moderne) spritzte, denn:

Ein paar sehr ausdrucksstark mit ihren Händchen hin und her wedelnde Venus-Miezen frei nach Boticelli wurden, durch die ganze Ouvertüreh, von den Hubböden nach oben und nach unten fortbewegt; und das ist dann auch schon der kulminante Hochgrad der vom Tannhäuser im Venusberg erlebten Sinneslust; selbst Nadja Michael (die neben der Frau Venus später dann auch noch Fräulein Elisabeth darbrachte) musste sich in diesem Boticelli-Outfit zeigen.

Erst war man geneigt, eine gewisse Ironie der Regisseurin mitgekriegt zu haben. Dass sie, ziemlich einseitig, die maskuline Ritterwelt sehr konsequent und richtig in die Eisenrüstungen zu packen sich versteifte; aber richtig ging die Sache dann am Ende sowieso nicht auf.

Auch krachte es in allen Ecken und Gebälken, und die leisesten der Stellen (Hirtenlied, zum Beispiel) fielen der massivsten und doch unbewussten Störungswut zum Opfer.

Konnte oder wollte Harms nicht ahnen, dass sie sich mit dieser uneinleuchtend-unzusammenhängend-unlogischen Sichtweise voller privatfreudianisch anmutender Denkart nicht die Herzen (und die Hoden) der Besucherschar erobert; und so buhte man(n) sie mehr denn je in Grund und Boden.

Musikalisch brachte dieser optisch langweilige Abend allenthalben durch den fulminanten Chor und Extrachor Gewicht und Farbe; derart gussgewaltig hatte man den Sängerkrieg oder die Pilgerchöre wohl noch nie gehört!

Und Markus Brück wusste als Wolfram stimmlich wie gestalterisch enorm und hinreißend zu wirken.

Torsten Kerl als Tannhäuser schlug sich sehr tapfer; er war wegen einer Grippe leider nicht bewertbar.

Das Orchester leitete Ulf Schirmer; es klang fehlerfrei, ohne Beanstandung.



Der Chor und Extrachor der Deutschen Oper Berlin (Choreinstudierung: William Spaulding), hier im Sängerkrieg-Bild, heimste wohl den stärksten Beifall ein im neuen TANNHÄUSER - Foto (C) Matthias Horn


Andre Sokolowski - 1. Dezember 2008
ID 4126
TANNHÄUSER UND DER SÄNGERKRIEG AUF DER WARTBURG (Deutsche Oper Berlin, 30.11.2008)
Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Inszenierung: Kirsten Harms
Ausstattung: Bernd Damovsky
Besetzung: Torsten Kerl (Tannhäuser), Reinhard Hagen (Landgraf Hermann), Nadja Michael (Venus/Elisabeth), Markus Brück (Wolfram von Eschenbach)) Clemens Bieber (Walther von der Vogelweide), Lenus Carlson (Biterolf), Jörg Schörner (Heinrich der Schreiber), Jörn Schumann (Reinmar von Zweter), Heidi Stober (Hirt) u.a.
Chor, Extrachor und Orchester der Deutschen Oper Berlin
(Choreinstudierung: William Spaulding)
Premiere war am 30. November 2008
Weitere Termine: 3., 7., 11. 12. 2008 sowie 10., 28., 31. 5. 2009


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutscheoperberlin.de


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