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Uraufführung


9. Mai 2013 - Gastspiel der Münchner Kammerspiele zum Berliner Theatertreffen

DIE STRASSE. DIE STADT. DER ÜBERALL

von Elfriede Jelinek


Marc Benjamin, Hans Kremer und Benny Claessens (v.l.n.r.) - Foto (C) Julian Röder



Schein und Sein

"Wie Diamanten funkeln die Eiswürfel auf der Spielfläche. Doch im Scheinwerferlicht schmilzt die Pracht bald dahin. Alles nur Schein. Um Vergänglichkeit geht es. Und um Mode. Aber was wäre vergänglicher als Mode? Münchens Modemeile Maximilianstraße (an der auch die Kammerspiele liegen, denen Elfriede Jelinek ihr Stück geschenkt hat) – ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, im doppelten Sinne: Alles ist eitel, alles nichts.

Aber aus einem Nichts kann auch alles werden. So wie erst Kleider Leute machen und das kleine München sich gerne in große Bedeutung hüllt. Seltsame Gestalten flanieren über die Bühne in Johan Simons’ Inszenierung: Männer auf High Heels in hautfarbener Damenwäsche, die ihr welkes Fleisch mit Mode-Accessoires bemänteln: Pelzjacken und Luis-Vuitton-Handtaschen. Und mitten unter den Männern: Sandra Hüller als Fashion Victim, die hochnotkomisch an ihrem schicken neuen Rock verzweifelt, der sie zu einem Niemand degradiert. Weil er nie so an ihr aussehen wird wie an den Models auf den Plakaten. Theater, jenseits aller Moden und schönen Oberflächen, von existentieller Tiefe."
(Quelle: Berliner Festspiele)

*

Die Straße. Die Stadt. Der Überfall. ist der Jelinek-Theatertext, der exklusiv zum 100jährigen Bestehen der Münchner Kammerspiele (vom dortigen Intendantenregisseur) in Auftrag gegeben worden war und letztes Jahr seine umjubelte Uraufführung feierte, betitelt und wirft so - ganz nebenbei - so einen Querverweis zu jenem Fassbinderstück, dessen Titel (Der Müll, die Stadt und der Tod) auch "ähnlich" klang und klingt und aber überhaupt nichts mit dem Jelinek'schen irgendwie zu tun hat; oder etwa doch? Denn auch bei Jelinek geht es, im Hintergrund, um Immobilien (= Straße) und um Immobilienspekulationen (= Stadt) - - so also schlösse sich, ganz ungefähr, ein Kreis...

Außer der oben schon erwähnten Sandra Höller, die die einzige Frau im Stück ist, ragen selbstverständlich auch die sechs die Höller "flankierenden" Männer aus dem wüsten Sprach- und Handlungsbrocken haushoch raus - allen voran der fast den ganzen Stückverlauf hin eine schier sensationelle Moshammer-Kopie abgeliefert habende und (zum Finale hin) zu physischer wie linguistischer Hochform sich aufschwingende Benny Claessens!

* *

In dem Jelinek-Werk wird die Münchner Maximilianstraße, die wohl spätestens seit der Ermordung Rudolf Moshammers, dessen Geschäft ab diesem Tag dann leer und sozusagen "zur Verfügung" stand, zur (sprechenden) Allegorie für Schein und Sein an sich, für Tod und Leben also für Vergänglichkeit. Geschäfte, wie das Moshammer'sche, kommen/gehen, wie der Markt und seine Käufer augenblicklich drauf sind; Konjunktur wird hier zur Zauberformel. / Dieses also ist der Abschnitt Straße.

Auf's und Ab's der unzähligen Machenschaften - nicht nur um Geschäfte - tun dann immer wieder Menschen (und Geschäftemachern) voll und ganz obliegen; Recht(e) und Gesetze gibts hierfür; und viel, viel, viel Beziehungen zu Dem und Jenem... / Dieses also ist der Abschnitt Stadt.

Und ganz konkret an einem Beispiel (s. Moshammer-Ermordung) wird ersichtlich oder hochgeschlossen, was aus den Geschäften (der Ermordeten, z. B.) werden würde... / Dieses also ist der Abschnitt Überfall.

Die Allegorisierungen hatte die Jelinek schon oftmals dichterischer Weise praktiziert; zuletzt im Werk/Bus/Ein Sturz (s. u.); das Verfahren, was als ihres zu bezeichnen sein kann, nutzt sich freilich mittlerweile etwas ab. Will sagen: Werk/Bus/Ein Sturz waren und erschienen uns - in ihrem allegorischen Gesamtertrag - bedeutend "besser" und ergiebiger als Straße/Stadt/Überfall jetzt und hier.

Grandiose Schauspieler und Musiker, grandiose Produktion, grandiose Sprache (sowieso)!!!




Sandra Hüller, Hans Kremer, Stephan Bissmeier und Marc Benjamin (v.l.n.r.) -Foto (C) Julian Röder


Andre Sokolowski - 9. Mai 2013
ID 6746
DIE STRASSE. DIE STADT. DER ÜBERFALL (Haus der Berliner Festspiele, 09.05.2013)
Regie: Johan Simons
Bühne: Eva Veronica Born
Kostüme: Teresa Vergho
Musik: Carl Oesterhelt
Licht: Wolfgang Göbbel
Dramaturgie: Matthias Günther
Mit: Marc Benjamin, Stephan Bissmeier, Benny Claessens, Sandra Hüller, Hans Kremer, Steven Scharf und Maximilian Simonischek
Trompete: Micha Acher
Bassklarinette: Stefan Schreiber
Posaune: Mathias Goetz
Piano: Sachiko Hara
Melotron: Michael Oesterhelt
Uraufführung an den Münchner Kammerspielen war am 27. Oktober 2012
Berliner Erstaufführung anlässlich des 50. Theatertreffens 2013


Weitere Infos siehe auch: http://www.muenchner-kammerspiele.de/


Rezensierte Werke von Elfriede Jelinek auf KULTURA-EXTRA:

FaustIn and out
(10. Juni 2012 / Schauspielhaus Zürich)

Kein Licht
(12. Oktober 2011 / Schauspiel Köln)

Winterreise
(20. Juni 2011 / Münchner Kammerspiele)

Das Werk / Im Bus / Ein Sturz
(7. November 2010, Schauspiel Köln)

Die Kontrakte des Kaufmanns
(4. Juni 2009, Schauspiel Köln)

Rechnitz (Der Würgeengel)
(21. Mai 2009, Münchnert Kammerspiele)

Neid, Privatroman

Über Tiere
(13. Oktober 2007, Deutsches Theater Berlin)

Der Tod und das Mädchen: Prinzessinnendramen I-III
(20. April 2007, Grillo Theater Essen)

Jackie: Prinzessinnendramen / Der Tod und das Mädchen IV
(15. Oktober 2006, Theatre du Rond-Point Paris)

Prinzessinnendramen
(22. Juli 2006, Theaterkapelle Berlin)





 
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