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Uraufführung!


26. Oktober 2012, Uraufführung am Deutschen Theater Berlin

AM SCHWARZEN SEE

von Dea Loher



Liebestode

Das 16. Stück von Dea Loher, dieser seit Jahren so erfolgreichen Dramatikerin, heißt Am Schwarzen See und ist ein nicht nur sprachlich starker, sondern auch gesellschaftsanklagender und beziehungsaufdeckender Text. Er lässt uns hören (für diejenigen, die ihn als Typoskript zur Kenntnis nehmen konnten: lesen), und zwar wortwörtlich, also nicht nur zwischen den Zeilen, wohin es mit vorzugshalber auf ihr Sein & Haben abgerichteten System-Beteiligten, um nicht zu sagen "Mitgliedern", letztendlich kommen kann, wenn sie sich durch das vorgegebene System (Leistungssystem!) zu sehr assimilieren lassen - sie verlieren den Bezug zu sich und zu den eignen Kindern...

Lohers Vorgeschichte:

Fritz und Nina, beide 15, kennen sich bereits zwei Jahre und sind nun ein Liebespärchen. Sie verweilen oft und wechselseitig in den jeweiligen Wohnungen der Eltern, seiner sowie ihrer. Ganz zuletzt verbringen sie ein Stückchen Zeit in Fritzens elterlichem Heim, in einem Haus Am Schwarzen See. Dortselbst - sie sind allein - zertrümmern sie (versehentlich?) die Tischglasplatte in dem Wohnzimmer. Den Scherbenbruch bedecken sie mit 90 Euro in vier Geldscheinen. Hinzu legen sie einen Abschiedsbrief, den beide (vor bzw. nach dem Glasbruch) schrieben. Dann begeben sie sich an den See, fahren mit einem Ruderboot hinaus, hacken ein Loch in es, schlucken zusammen eine Überdosis Schlaftabletten, binden sich ihre zwei Handgelenke aneinander, legen sich hinunter auf den Bootsboden und schlafen friedlich ein... In ihrem Abschiedesbrief, welchen die Eltern später finden, steht die Formel: "Liebe ist Tod. Tod ist Liebe."

Keine Andeutungen, keine Anzeichen und null Veranlassungen hätten - laut der beiden Elternpaare - diesen Doppelsuizid gerechtfertigt; kurzum: Die Eltern kannten ihre Kinder nicht.

Was waren/sind die Alten wohl für Typen? Darum geht es Loher, faktisch, in dem Stück...

Fritz' Eltern: Eddie (Bernd Moss) ist Erbe einer Brauerei am Schwarzen See. Sein Wesen ist konträr den zwingend-unternehmerischen Taten. Und er fühlte/fühlt sich immer schon als über die Gebühr sozial; die Angestellten des Betriebes werden "gut behandelt" und verdienen irgendwie auch respektabel. Doch das Unternehmen will nicht recht florieren. Cleo (Natali Seelig), die da mehr mit ihren Füßen auf dem Boden steht, reißt das Geschäftliche an sich; ihr Mann ist viel zu weich für diese Art von Job. Und eines Tages bräuchten sie, damit die Brauerei es "überlebt", einen Kredit. / Eddie ging ab und zu mal fremd; Cleo wurde von Richard (einem "zusätzlichen" Mann-Erlebnis ihres bisher eintönigen Lebens) schwanger und trieb ab.

Die Eltern Ninas: Johnny (Jörg Pose) ist ein von Provinzstadt zu Provinzstadt wegen der Karriere umherziehender Bankfilialleiter. In der Gegend um den Schwarzen See, meint er, wird er jetzt endlich heimisch. Seine herzkranke Frau Else (Katharina Marie Schubert), die anscheinend immer nur zu Hause bei ihm war und ist, hat sich mit diesem "Vagabundenleben" längst schon abgefunden. //

Was die beiden Elternpaare dann verband, war der Kreditantrag von Cleo, den sie Johnny unterbreitete und welchen Johnny wiederum, trotz Widerstände seiner Bank, bewilligte. Davor trafen sie sich dann erstmals bei dem Gartenfest ihrer zwei Kinder; wiederum am Schwarzen See /// jetzt - nach dem Tod von Fritz & Nina - finden sie wieder zusammen, um über die jeweiligen Kind-Verluste ins Gespräch zu kommen.

Sie finden nichts über die eignen Kinder, dafür ein paar Kleinigkeiten über sich und ihre bis dahin verkorksten (Ehe-)Leben raus.

* * *


Andreas Kriegenburg hatte die Uraufführung inszeniert. Er fordert die Akteure körperlich in einem bis zum Stückschluss leider nicht mehr allzu ernstnehmbaren Grad heraus. Auch lässt er, beinah pausenlos, lauter Musik aus Lautsprechern in wechselnd starker Phonkraft in die Texte rieseln - das wirkt völlig überflüssig, nervt und stört total.

Das Loher-Stück hat Potenzial genug!


Andre Sokolowski - 27. Oktober 2012
ID 00000006292
AM SCHWARZEN SEE (Deutsches Theater Berlin, 26.10.2012)
Regie: Andreas Kriegenburg
Bühne: Harald Thor
Kostüme: Katharina Kownatzki
Dramaturgie: Meike Schmitz
Besetzung:
Else ... Katharina Marie Schubert
Johnny ... Jörg Pose
Cleo ... Natali Seelig
Eddie ... Bernd Moss
Uraufführung war am 26. Oktober 2012
Weitere Termine: 27., 31. 10. / 6., 11., 21. 11. 2012


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de


Zur Rezension
Die Unschuld von Dea Loher
(29.11.2011, Deutsches Theater Berlin)



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