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Ballett-Kritik

7. Mai 2006 - Staatsballett Berlin

TSCHAIKOWSKY

Ballett von Boris Eifman in zwei Akten
Musik von Peter I. Tschaikowski

Malakhov leidet Tschaikowski

Biografische Ballette.

Eines aus dem Genre ist mir heute noch bewusst, ich sehe seine Bilder, kann mich fast bis ins Detail an sie erinnern, und es ist Jahrzehnte her: Malraux - dieses spektakulärste Beispiel (biografischer Ballette), das Maurice Bejart mit seiner legendären Großtruppe, dem unvergesslichen Ballett des XX. Jahrhunderts, "damals" auf die Bühne wuchtete und welches um die ganze Welt getourt wurde; sein Gegenstand: André Malraux... der homosexuelle Schriftsteller und ehemals amtierende französische Politiker.



(C) Staatsballett Berlin, Fotos: Hastenteufel


Ein Mann mit fast schon fratzernartigem Facettenreichtum seiner scheinbar alles Liebes- oder Lebensleid auf dieser Erde durchmachenden Tausenden Gesichter... auch: Tschaikowsky - Boris Eifman hat ihm ein Mysterium von Leben und Tod erdacht, geschrieben und gewidmet, welches (biografisches Ballett) im Jahre 1993 in St. Petersburg uraufgeführt gewesen war und jüngst, nach dreizehn Jahren, seine hoch umjubelte Reanimierung durch das Staatsballett Berlin erfuhr!!

Zwischen Malraux und Peter I. Tschaikowski also pendelt das Erinnerungsvermögen eines Schreibers, der sich nicht entscheiden will und kann, welches der beiden biografischen Ballette letztlich das für ihn Erlebnishafteste gewesen sein wird.
Und vielleicht erleichtert folgender obgleich akustischer Aspekt eine Entscheidung fast zu Gunsten des Zuletztgesehnen: Musste man sich "damals", also bei Malraux, mit Tonbandeinspielungen unterschiedlichster Musikbeispiele und, was allerdings dann noch viel aufreizend erotischer herüber kam, lauthals Gesprochenem und Deklamiertem durch die Tänzer selbst begnügen - hatte man es jetzt, im Haus der Deutschen Staatsoper Berlin, mit Liveklängen der ansässigen Staatskapelle (Leitung: Alexander Sotnikov) zu tun!!

Ihre zum Grundgelingen dieses fulminanten Tanzerlebnisses so wesentlich beitragende Gesamtauffassung "ihres" Peter I. Tschaikowski kann und muss als Ohr und Herz öffnender Dammbruch gelten. Selten wurde mir dieser vor allem von den Bläsern her so hartpathetische und insbesondere im Tuttistrich so sattwillige "maskuline" Duktus seines Schöpfers nahgebracht wie hier. Diese Musik (zu hören waren beispielsweise Ausschnitte aus seiner 5. oder 6. Sinfonie) ist unbedingt als "männlich" zu begreifen, und ihr Höreindruck wirkt unerklärlich disonant zu jenem dieses biografische Ballett behandelnden persönlichsten seiner persönlichen Probleme, jenem Leiden Peter I. Tschaikowskis an der eignen Homosexualität:

Vladimir Malakhov liegt zu Beginn des rückspulenden Handlungslaufs, ein langes weißes Nachthemd tragend, todesstarrig auf dem Rücken. Plötzlich fährt durch seinen Körper inelektrisiertes Leben... und sein ganzes Liebesleid und Liebesleiden kehren als rememberisches Corps zu ihm zurück - - entrücken sich ihm wieder, zwei Dreiviertelstunden lang, bis hin zum kopfübernen Schluss; Vladimir Malakhov hängt an den Füßen auf 'ner umgekippten Tischplatte und kriegt, gleich einem seinen Aasleib zudeckenden schwarzen Müllsack, sein Gesicht "von oben her" verhüllt.



Tschaikowski (Vladimir Malakhov - kopfunter) wird von römischen Ragazzi auf das Bacchanalischste bedient - Foto (C) Sandra Hastenteufel


Auf dieser ominösen Tischplatte, zwei Szenenbilder noch zuvor, die Exerzierung eines sexualwütigen Bacchanals: Tschaikowski weilt in Rom, Capriccio Italien ist ihm gelungen, oder es gelingt ihm... er ergibt sich den Ragazzi... Männer wandeln sich zu Spielkarten... sie werden nacheinander auf- und zugedeckt... Tschaikowski weiß nicht wo und wer der Joker, ein Erkorener oder Erkorer dieses Reigens männlicher Verführer, ist... er wirft sich, selber "nur noch Leib", zwischen die Schenkel der Befrieder... es befreit ihn, aber es befriedet nicht... Vladimir Malakhov!!!

Der Intendant des Staatsballetts ist glaubwürdig wie nie zuvor.


Andre Sokolowski - 8. Mai 2006
ID 00000002391
http://www.andre-sokolowski.de

TSCHAIKOWSKY (Staatsoper Unter den Linden, 07.05.2006)
Choreographie und Inszenierung: Boris Eifman
Ausstattung: Viacheslav Okunev
Einstudierung: Olga Kalmikova
Licht: Gleb Filishtinsky
Besetzung:
Tschaikowski ... Vladimir Malakhov / Michael Banzhaf
Sein Alter Ego ... Ronald Savkovic / Wieslaw Dudek
Nadeschda von Meck ... Beatrice Knop / Bettina Thiel
Tschaikowskis Frau ... Nadja Saidakova / Polina Semionova
Solisten und Corps de Ballett des Staatsballetts Berlin
Staatskapelle Berlin
Dirigent: Alexander Sotnikov
Premiere war am 4. Mai 2006
Weitere Termine: 20. und 26. Mai sowie 13., 16. und 29. Juni 2006


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsballett-berlin.de



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