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3. Oktober 2006, Schaubühne Berlin

TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN

von Arthur Miller (Regie: Luk Perceval),


Das ist Thomas Thieme! Und man ahnt beim Anblick dieses Fotos überhaupt nicht, was für ein Vulkan der Thieme ist - ganz live erlebbar beispielsweise durch Luk Percevals Regie in Arthur Millers TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN



Thomas Thieme auf dem Sofathron

Es gibt zwei Exzessivmomente dieser Inszenierung.

Einer, der erschütterndere dieser zwei, ist kurz vor Schluss des Stücks: Biff (Bruno Cathomas) gesteht der so vermeintlich ruhig und ganz in sich gekehrten familiären kleinen Vollversammlung, dass er Jahre lang als Dieb im Knast gesessen hätte. Keiner von den Anwesenden hatte das gewusst. Nicht mal geahnt gehabt. Am wenigsten Biffs Vater Willy Loman (Thomas Thieme), dessen steiniger Gesichtsausdruck nicht eindeutig und unbedingt sogleich verrät worauf sich sein Gedanke augenblicklich konzentriert: auf seinen "unbekannten" Sohn oder auf sein soeben erst, vor paar Minuten, allen andern offeriertes fristloses Entlassensein. Egal. Biff rastet aus. Er fängt zu schreien an, er windet sich, er bricht zerfetzte Sprachschleimbeutel aus sich raus, er lässt gedickte Speichelfäden aus sich hängen, er verschluckt sich, er muss furchtbar husten, er ist drauf und dran zu kotzen, er stößt Pflanzenkübel um und er verrückt mit allerletzter Kraft die Couch worauf sein Vater - unverändert steinern, klotzig - sitzt, er attakiert ihn fast dann körperlich... er kämpft den Sohneskampf, er gibt letztendlich auf und schlägt sich ins Gebüsch...



Thomas Thieme (unzweideutig in der Mitte) lässt sich nicht sehr gern von seinen beiden Stück-Söhnen André Szymanski (rechts) und Bruno Cathomas (links) \"besitzen\" - Foto (C) Matthias Horn


Vorher noch: Willy Loman trifft sich mit Herrn Howard (Christian Schmidt). Herr Howard ist der Juniorchef der Firma, in der Willy Loman 36 Jahre lang als Handlungsreisender - Handelsvertreter würde man heut sagen - angestellt gewesen war. Die vielen Arbeitsjahre forderten und fordern jetzt Tribut. Denn Willy Loman kann nicht mehr. Am Lenkrad seines Wagens schläft er immer wieder ein. Er spekuliert auf einen Schonposten. Was machen im Büro; so 'ne Büroarbeit hatte ihm "früher" Howards Vater, also der Seniorchef, "so für später einmal" nahgelegt. Nur dass sich Howard selbst, also der Sohn des Firmengründers, gar nicht mehr daran erinnern kann. Wie sollte er das auch, er war ja "damals" noch ein Kind. Jetzt fuchtelt er mit einer Videokamera vor Willy Lomans Kinn, und Willy sollte doch mal in die Videokamera reinwinken. Willy siezt Herrn Howard. Willy bittet um den neuen Posten. Willy stößt auf zue und verstopfte Ohren. Willy kanns nicht glauben, dass der Sohn von seinem Seniorchef, mit dem er sich so gut verstanden hatte... Willy geht ihm an die Gurgel. Und Herr Howard will und kann nichts weiter für ihn tun. Es ist das Aus.
Luk Perceval lässt Arthur Millers TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN im deutschen Kleinbürgermileu mit Haus und Garten spielen. Die Beteiligten agieren allerdings dann - lauschig warn die Sommerabende in diesem Jahr - im Freien. Katrin Brack hat sich fürs Bühnenbild etwas Geniales ausgedacht: Den Garten "hinterm Hause" stilisiert sie mittels Hunderter sehr großer und sehr eng stehender Kübelpflanzen. Das erzeugt dann auch die Dschungelstimmung, wenn im Text dann immer wieder Ben (bewegt von Marcus Schinkel), Willys großer Bruder der's im Dschungel zu was brachte, irreal erscheint. Man sitzt also dann ständig draußen. Lediglich ein roter Sessel (für Carola Regnier als glaubwürdige Linda, Willys Frau), ein schwarzes Ledersofa (überwiegend für den Hausherrn freilich) und ein permanent per Fernbedienung immer wieder in Aktion gesetzter Fernseher dienen als Mobiliar. André Szymanski spielt sehr slapstickst Willys jüngsten Sohnemann, Christina Geiße (als Die Frau) bietet dem geil vor sich dahindämmernden Willy körperliche Abwechslungen noch und noch, Michael Rastl ist der nachbarschaftlich-freizügige Geldverborger Charley, Ulrich Hoppe gibt den Bernard.
Überirdisch Raum einnehmend thront jedoch als vollblütig-verheerend alle andern an die Wand spielende Hauptfigur: der Willy Loman Thomas Thiemes!


Andre Sokolowski - red / 4. Oktober 2006
ID 2701
www.andre-sokolowski.de


TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN
von Arthur Miller
Deutsch von Volker Schlöndorff und Florian Hopf

Regie: Luk Perceval
Bühne: Katrin Brack
Kostüme: Ilse Vandenbussche
Besetzung:
Willy Loman ... Thomas Thieme
Linda ... Carola Regnier
Biff ... Bruno Cathomas
Happy ... André Szymanski
Bernard ... Ulrich Hoppe
Die Frau ... Christina Geiße
Charley ... Michael Rastl
Onkel Ben ... Marcus Schinkel
Howard Wagner ... Christian Schmidt

Premiere am 28. September 2006

Nächste Vorstellungen: 12. - 15. 10. sowie 13., 27./28. 11. 2006

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de






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