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Premierenkritik

Koloraturenzauber /

Schlammwaten



Stella Doufexis als Medea hat ein ziemlich großes Mordgelüst, daher liegt ihr auch Elisabeth Starzinger als Theseus zu den Füßen - Szenenbild aus Händels THESEUS an der Komischen Oper Berlin - Foto (C) Monika Rittershaus

Natascha von Steiger hat das Bühnenbild zu Händels Theseus an der Komischen Oper Berlin konzipiert: Sie lässt sowohl die Räume vor wie hinter dem Eisernen Vorhang als Spielfläche zu. Fast eine Dreiviertelstunde lang (Dauer des 1. Akts) ergehen sich die Protagonisten in der durch Benedikt von Peter vorgegebenen Regie mit mannigfachem lustigen bzw. nicht so lustigem Getue - sitzen so auf weißen Gartenstühlen, holen sich Getränke aus dem links bereitstehenden Tee- und Kaffeeautomaten, rollen eine Videokamera auf fahrbarem Stativ von rechts nach links und schwätzen, zwischen ihren Arien, ziemlich Unverständliches in ihren Herkunftssprachen; denn das Sängerteam ist multinational und setzt sich so zusammen: Elisabeth Starzinger (als Theseus), Marina Rebeka (als Agilea), Stella Doufexis (als Medea), Hagen Matzeit (als Ägeus), Karolina Andesson (als Clizia) und David DQ Lee (als Arkane) - und es ist schier s e n s a t i o n e l l , was man an diesem langen-langen Abend für das Ohr geboten kriegt; an sängerischem Nachwuchs scheint es also überhaupt nicht mehr zu mangeln, oder: Die Komische Oper hat sich "alles das", was derzeit stimmlich "Neues auf dem Markt zu haben ist" vorordern, reservieren, sichern lassen; jedenfalls ist eine Steigerung zu dem, was live zu hören war, mitnichten vorstellbar! Es fällt auch schwer - vielmehr: es ist unmöglch - , die Eine oder den Einen vor der Einen oder dem Einen zu stellen; sie war'n durch die Bank weg alle toll!!!

Alessandro de Marchi ließ in seiner Händel-Auffassung nicht nur "schöne" Töne zu. Er kitzelte die "unbequemen" Stellen aus der Partitur. Mitunter konnte man da ziemlich "Hässliches" (bewusst heraus gestelltes "Hässliches") vernehmen; und das alles tat einem Gesamtgefüge außerordentlicher Weise gut - weil es den Händel mehr denn je als einen Ab- und Umfasser
dramatisch(st)er Gestaltungsvorlagen - Bettina Bartz & Werner Hintze übersetzten Haym's Libretto neu - begreifen ließ und lässt. Zudem: So viele makellose und ohrenbetörende Koloraturen habe ich, in dieser Anhäufung und Qualität, seit Jahren nicht erlebt!



Der kriegsmilieugeschädigte Theseus, gesungen und gespielt von Elisabeth Starzinger, muss mit diesem Transparent in Händels gleichnamiger Oper vorlieb nehmen - Szene aus THESEUS an der Komischen Oper Berin - - Foto (C) Monika Rittershaus


Aber zurück zu Bühne und Regie:

Wie sich der Eiserne dann (nach dem 1. Akt) nun endlich hebt, hört/sieht man's lange regnen. Eine Art Behausung - könnte eine Wellblechhütte oder eine ausgebombte Gartenlaube oder auch ein Militärzelt sein - befindet sich im Schlamm. Der Regen hatte/hat den Boden aufgeweicht. Man sieht Medea sowie ihre beiden Kinder. Alles aus und in der Handlung geht ja irgendwie von ihr aus, also nach dem Motto: Ungeliebte Liebende führt wegen ihrer Ungeliebtheit wenig Liebliches im Schilde; was auch immer es dann werden würde oder sei; egal - - es allerdings mit Heiner Müllers VERKOMMENES UFER MEDEAMATERIAL LANDSCHAFT MIT ARGONAUTEN (eine Flüstertüte aus dem Off versucht sich völlig sinnlos an dem spröden Text) in zeitgenössische Verbindung(en) zu bringen, halte ich für nicht nur unkühn, sondern nachgerade hohl. Bedenke:

Händel's Stoffbearbeitungen aus dem unendlichen Kosmos der Antike sind doch stets und immer wieder nicht nur Um-Deutungen selbiger, sondern auch - und vor allem - allerlieblichste Verniedlichungen derer; und das hört man ja auch alles schon, und so sehr eindeutig (wie's eindeutiger nicht zu hören geht), in der Musik...

Also Medea, die dann hier (beim guten alten Händel) sich für ihre Ungeliebtheit "rächen" will: Sie hätte Theseus haben wollen - der jedoch liebt Agilea - - oder wie, ach scheißegal!

Der junge Regisseur nun hat sich seine Rübe wundgedacht!

Meist hat man's ja im deutschen Regie-Theater (das von den Amerikanern, beispielsweise, wohl nicht ganz zu Unrecht belächelt wird) mit diesen zwei Extremfällen zu tun: Entweder sind die Einfälle zu spärlich resp. gegen null - oder es ist eine Flut von Ideen vorhanden; zu Letzterem muss man den Benedikt von Peter rechnen.

Er will uns hier jede Menge nacherzählen, vorzeigen und "aufzwingen" - das Allermeiste allerdings verpufft: Das szenische Rückgrat fehlt, der rote Faden wurde nicht gezogen, ja, die Grundidee an sich fehlt ihm; und dass er seinen Theseus halt im Bürgerkriegsmilieu (vielleicht im Balkan, in Afghanistan, im Irak oder so) ansiedelt und ihn gar als Pazifisten-"Bio"-Stück ausklingen lässt, ist schließlich so, als würde man ein Hauptgericht aus Brathering mit Grünen Klößen zu sich nehmen müssen. Weder dass es groß erschüttert noch so richtig eindeutig zum Lachen bringt.

Doch ungeachtet dem - wir wollten gar nicht meckern - , und zum wiederholten Male ausposaunt: Was alles Musikalische in diesem Theseus anbelangt - - deswegen schon: Karten besorgen, hingeh'n!!!!!


Andre Sokolowski - 11. Februar 2008
ID 3693

THESEUS (Komische Oper Berlin, 10.02.2008)
Musikalische Leitung: Alessandro de Marchi
Inszenierung: Benedikt von Peter
Bühnenbild: Natascha von Steiger
Kostüme: Katrin Wittig
Besetzung: Elisabeth Starzinger (Theseus), Marina Rebeka (Agilea), Stella Doufexis
(Medea), Hagen Matzeit (Egeus), Karolina Andersson (Clicia) und David DQ Lee (Arcana)
Orchester der Komischen Oper Berlin
Premiere war am 10. Februar 2008
Weitere Termine: 15. | 24.02. , 03. | 14. | 22. | 29.03., 05.04. und 23.07.08

Weitere Infos siehe auch: http://www.komische-oper-berlin.de



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