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Soziokultur

RAUŞ - NEUE DEUTSCHE STÜCKE

im neuen STUDIO Я am Maxim Gorki Theater


Foto (C) Esra Rotthoff | Bildquelle http://www.gorki.de



Süß findet die junge Prostituierte Bibi (Lina Krüger) Adems andauernde, ungelenke Annäherungsversuche. Süß und teuer sind auch die Baklava, die Adems Mutter Meryem (Sema Poyraz) aus der Türkei mit nach Berlin gebracht hat. Allerdings zeigt Adem (Jerry Hoffmann) mehr Interesse für Bibis Po, als für die lästigen Fragen und alten Geschichten seiner besorgten Mutter Meryem. Und dann gibt es da noch Adems Freundin Joelle (Katja Nesytowa), die Jüdin ist, und das leidige Problem: Wie bringe ich es meiner Mutter bei?

Um derlei Probleme, Mutter-Sohn-, Mutter-Tochter- und/oder Tochter-Vaterbeziehungen sowie dass die jungen Protagonisten immer noch mindestens ein weiteres Land mitdenken müssen, obwohl sie doch in Deutschland geboren sind und hier ihren Lebensmittelpunkt haben, drehen sich die drei Stückentwicklungen, die das neue Gorki-Studio Я nun als szenische Lesungen herausgebracht hat. Die jungen Leute besitzen alle einen ganz bestimmten Hintergrund, der ihnen zu schaffen macht, ob sie nun wollen oder nicht. Ihre Eltern oder Großeltern sind irgendwann mal aus der Türkei, Afrika oder Russland nach Deutschland ausgewandert. Und wo wären ihre Geschichten besser aufgehoben, als am neuen Gorki Theater, das sich seit dieser Spielzeit mit neuer Intendanz und multiethnisch gemischtem Ensemble verstärkt den Themen der Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund widmen will.

Adem wird im Lauf des von Hakan Savaş Mican geschrieben Stücks Du weißt ich muss gehen erfahren, dass es besser ist, sich den Problemen zu stellen, als vor ihnen davon zu laufen, auch wenn das Schmerzen auf allen Seiten zur Folge haben kann. Mutter Meryem erweist sich trotz Kopftuch als weitaus weltoffener als vermutet, und auch Joelle muss im Gespräch mit der Schwiegermutter in Spe einige ihrer Vorurteile revidieren. Regisseur Michael Ronen hat die Lesung auf einem großen Bett eingerichtet, was ein wunderbares Sinnbild für Unter-einer-Decke-Stecken bzw. etwas unter der selbigen halten wollen darstellt. Ins gemachte Bett kann sich hier jedenfalls keiner legen. Hakan Savaş Micans Stück, das zu ca. zwei Dritteln zur Aufführung kam, sprüht nur so vor Wortwitz, und man möchte gern erfahren, wie sich Adem nun entscheiden wird und ob es doch noch Hoffnungen auf das türkisch-israelische Wunder gibt, oder ganz andere Wunder auf die Protagonisten warten.

*

Am liebsten auf den Mond schießen möchte Noah (Ernest Allan Hausmann), der Protagonist aus mais in deutschland und anderen galaxien von Olivia Wenzel, seine Mutter Susanne. Sie, einst siebzehnjährige Punkerin in der DDR, hat sich nie sonderlich für Noah interessiert. Susanne, in allen Lebenssituationen unglaublich präsent von Gorki-Schauspielerin Ruth Reinicke dargestellt, wollte immer nur ganz weit weg und hätte ihn gern zu seinem Vater nach Angola gebracht, um dann weiter zu fliehen. Das hat sie allerdings damals nur bis in die Psychiatrie gebracht. Noah wuchs die meiste Zeit bei seinen von Susanne wegen ihrer spießigen Angepasstheit gehassten Großeltern auf. Das Stück verfolgt Noahs Leben vom dreijährigen Jungen bis zum 50jährigen Mann, der immer noch auf der Suche nach sich selbst und seinen eigentlichen Talenten ist.

Noahs Problem ist nicht so sehr seine dunkle Hautfarbe, obwohl er sich auch mal gegen eine Bande von Skinheads verteidigen muss. Wie seine Mutter kann er in seinen Beziehungen nie wirkliche emotionale Nähe aufbauen. Als Zwanzigjähriger, nachdem er endgültig bei Susanne ausgezogen ist, beginnt er seine Hassliebe zur Mutter in einem Comic zu reflektieren. Und der beinhaltet jenen finalen Wunsch, Susanne so weit weg wie möglich in die Galaxie zu schießen. Auf der Reise zum (bei einem Preisausschreiben gewonnen) Mondflug begegnet den beiden das wunderliche Mädchen Lila (Elmira Bahrami), das mit seinen konkreten Fragen die nie ganz ausgesprochenen wunden Punkte zwischen Noah und Susanne wieder aufbrechen lässt. Die bekannte deutsch-türkische Schauspielerin İdil Üner hat den Text, der beständig zwischen Realität und Märchen changiert, mittels South-Park-Puppen und phantastischen Kostümen wunderbar eingerichtet. Olivia Wenzels Text, der am weitesten fortgeschritten war, hat durchaus das Zeug zum Publikumsrenner.

*

Zu bereits fortgeschrittener Stunde kam dann noch das Stück Zöpfe - Вера, Надежда, Любовь (Wera, Nadeshda, Ljubow) von der Dramatikerin und Studio-Я-Leiterin Marianna Salzmann zur szenischen Aufführung. Hier geht es beileibe nicht nur um alte Zöpfe, die abgeschnitten gehören. Die Haare dienen auch als generationsübergreifendes Sinnbild für die Sehnsüchte der Protagonisten zwischen Tradition und dem eigenen Kopf, den es durchzusetzen gilt. Die recht komplexe Handlung dreht sich um die Ärztin Wera, ihre Tochter Nadeshda und den russisch jüdischen Großvater Konstantin, früher Held der Roten Armee, jetzt krebskrank ans Bett gefesselt. Nadeshda wünscht ihre Haare loszuwerden. Konstantin, der das für eine Ersatzhandlung zur jüdischen Beschneidung hält, wünscht sich seine einstige Haarpracht zurück. Dazwischen steht die alleinstehende Wera, die zwischen dem türkischen Blumenhändler Imran und dem Amerikaner John schwankt.

Dass auch Nadeshda zu John eine rein sexuelle Beziehung pflegte, verkompliziert das Ganze zusätzlich. Sie hat beider Frucht abgetrieben. Nun verfolgt sie dieses Kind vergangener Liebe (Ljubow) in Gedanken und erzählt makabre Witze. Wera, Nadeshda, sind nicht nur einfach drei russische Frauennamen, sondern stehen auch für die drei christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Trotz dass Marianna Salzmann, die bereits mit Muttersprache Mameloschn am DT und Schwimmen lernen jüngst hier im Studio Я glänzte, ihr Stück dermaßen symbolisch auflädt, hebt es nicht total ab. Diese multikulturell zusammengewürfelte und religiös so verschiedene Gruppe von Menschen kommt ausgerechnet zu Weihnachten am Bett Konstantins zusammen und tut, was alle Familien an Heilig Abend so tun. Sie lieben und sie streiten sich.

In der von Babett Grube eingerichteten szenischen Lesung sitzt das bestens aufgelegt Ensemble wie bei einer Familienaufstellung auf Stühlen beisammen. Die Gorki-Truppe mit Marina Frenk (Ljubow), Dimitrij Schaad, Mehmet Yılmaz und ihre Gäste Katja Nesytowa (Nadeshda), Daniel Kahn und Adriana Metzlaff sowie die beiden DT-Schauspieler Anita Vulescia und Bernd Stempel als Wera und Konstantin spielen sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes in einen Rausch und bekommen dann noch nacheinander die Haare geschnitten. Nicht zuletzt hier zeigt sich, dass die Themen dieser Stücke direkt aus der Mitte unserer Gesellschaft kommen. Um die Zukunft des neuen Gorki-Studios unter der Leitung von Marianna Salzmann muss man sich so keine Sorgen mehr machen.




Foto (C) Stefan Bock



Bewertung:    


Stefan Bock - 2. Dezember 2013 (2)
ID 7421
Die insgesamt sieben Stücke der Reihe RAUŞ - Neue deutsche Stücke werden im Januar 2014 noch einmal im koproduzierenden Ballhaus Naunynstraße zu sehen sein. Die Texte und Portraits der Autoren kann man im Gesellschaftsmagazin freitext, Heft 22 (10 €) nachlesen.

Premiere vom ersten Abend war am 29. November 2013 im Studio Я.


Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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