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30. September 2006, Maxim Gorki Theater (MGT), Berlin

SPUREN.SUCHE.

Ein Theaterspektakel




Petras' Einzugsfeier

MGT: Das "alte" Haus (hier dirigierte Mendelssohn-Bartholdy die Berliner Singadamie) hat sich ein "neues" Label zugelegt. Sieht aus so wie die Autoblechmarke vom legendären Russen-Sil. (Das Outfit vorher, also unter Hesse, war dann wiesengrün und auf computerhaft modern getrimmt gewesen.) Neue Wechselrichtung zwischen Tradition / Moderne? Schlagworte, mit denen ein "Erneuerer" wie ER gewiss nichts anzufangen wüsste. Ja, ER ist nun sichtlich aufgeschlagen, dieser Zweilebige: Armin Petras & Fritz Kater. Mit dem einen Namen wird er sich als Intendanten-Regisseur bemerkbar machen, mit dem anderen als dessen Schreiber-Ich. Solche Symbiosen hatte es seit Wagner oder Brecht nicht mehr gegeben.

Zehn (10!) Stücke hat er für die erste Party seiner neuen Amtszeit ausgewählt.

Drei Zeitbeginne gibt es: 19, 21 und 22.30 Uhr.



Peter Kurth (als Solness) wird von Anja Schneider (als dem Hildchen) nicht nur sexuell bedrängt. - Foto: MGT


Zum ersten Stück, um 19 Uhr, müssen dann alle Partygäste - falls sie wollen - hin: BAUMEISTER SOLNESS ist der Titel, und es ist ein Ibsen-Stück, im Ibsenjahr. Die Ibsenstücke lassen sich dann überhaupt nicht gut, um nicht zu sagen gar nicht lesen. Unerträglich viel Regieanweisungen. Die Dialoge, wenn man sie so vorbelastet liest, sind langweilig und öde, es passiert fast nichts. Doch wenn sich alle Macher erst mal zur Lektüre überwunden und sie unbeschadet überstanden haben, kommt dann meistens - siehe Ostermeiers Ibsenwelle - etwas Vorzeigbares dabei raus. Auch hier. Denn Petras' Inszenierung, eine radikale Strichfassung der norwegischen Bibelfassung, bringt den äußeren und inneren Konflikt der Hauptfigur auf seinen interfamiliären Punkt. Der Solness ist schon vielzu lang mit (s)einer Frau verheiratet, sie haben ab und zu, zumeist auf ihre Initiative hin, hausbacknen Sex. Freilich vertreiben er & sie sich obendrein, auch sexuell, die Langeweile mit geschätzten Wechselpartnern; Solness kann die Hände nicht von seiner Tippse lassen, Gattin Solness lässt sich unzweideutig oft von ihrem Hausarzt nachbehandeln. Zwischen allen diesen Menschen stört ein ehrgeiziger Architektenpraktikant (der Trottelfreund der Solness-Tippse); Solness lässt den einfach nicht ans Ruder, er befürchtet panisch vorzeitiges Ausgehebeltsein. Dann spielt noch eine Vorgeschichte, Solness' Trauma, mit. Nämlich der Kindverlust. Die Solness hatten Zwillinge, und justament verbrannten die in Solness' selbst entworfnem Haus, in dem der Schornstein, woran Solness selber schuld war, einen Riss bekam. So ungefähr alle Voraussetzungen. Schließlich, als der Knackpunkt der Geschichte, tritt ein ungestümes wildes Hildchen auf den Plan. Kommt her, ist einfach da. Solness ist fasziniert. Klein-Hildchen will seine Lolita werden. Klappt auch irgendwie. Ein neuer Umgangsstil erfasst das ganze Solness-Haus. Die Körper stecken an. Man tanzt zusammen und entdeckt - jeder mit jedem, alle gleichzeitig - sich wieder neu. Solness' bekloppte Jugendangst scheint wie verschwunden. Und das Alles spielt - wir ahnen es ja lange schon - inmitten eines landschaftlichen Grundkonfliktes zwischen Ost und West im zeitlos hässlichschönen Großberlin. / Mit Peter Kurth (als Solness) sowie Cristin König (als der Gattin) oder Anja Schneider (als dem Hildchen) hat ein echter Zugewinn im neuen Schauspielerensemble stattgefunden. Großartig gespielt im Ganzen! Leicht und locker inszeniert!!
Zwei Schleef-Stücke, zum Beispiel, standen außerdem zur Auswahl:
BERLIN EIN MEER DES FRIEDENS und DAS HAUS (als nachgereichte Uraufführung). Es ist im Voraus schon mal als ein Verdienst von Petras anzurechnen, Einar Schleef, den viel zu früh verstorbenen und unersetzt gebliebenen Regie-Berserker, auch als Stückeschreiber - Schleef war auch so'n Doppelgenius - auf die Bühne rückgeholt zu haben. Schleef-Texte, egal ob Prosa, Essayistik oder Drama, handeln allesamt vom (eignen) Leben in und nach der DDR. Sie sind so ungeheuerlich authentisch, dass man meinen müsste, kein Verlag und kein Theater würden mehr an Schleef vorbeikommen, wenn sie sich ernstlich mit der DDR-Materie auseinandersetzten. Unabhängig davon, dass der Schleef'sche Sprachstil singulär und gänzlich unnachahmlich ist, bereiten seine Dialoge oder Monologe außerordentliches Hörvergnügen. Solchen Sprach- und Mutterwitz, wie er sich hier entlädt, kriegt kaum ein Stückeschreiber heute noch zustande. / Fabian Gerhardt und Ruth Reinecke spielen das rigoros-regide Vater-Mutter-Paar in der um äußerliche sowie innerliche Komik allbemühten schönen Inszenierung von Sebastian Baumgarten. // Von Armin Petras war der (wieder) interfamiliäre Maurermonolog, der von Andreas Leupold hochgenial von einer von ihm selber navigierten Hebebühne auf dem hauseigenen MGT-Parkplatz gesprochen wurde, inszeniert gewesen. Absolut!!!
Die Petras-Party war und ist gelungen. Eine echte Einzugsfeier. Gute Stimmung, gut besucht, gutes Gefühl für Jetzt und Nachher.


Andre Sokolowski - red / 1. Oktober 2006
ID 00000002692
www.andre-sokolowski.de


SPUREN.SUCHE. Ein Theaterspektakel

Ibsen, BAUMEISTER SOLNESS
Petras (R), Schuboth (B/K)
Mit König, Réti, Schneider, Kurth, Leupold, Moltzen

Schleef, BERLIN EIN MEER DES FRIEDENS
Baumgarten (R), Wolf (B), Hofmann (K)
Mit Reinecke, Fabian

Zelik, BERLINER VERHÄLTNISSE
Kastenmüller (R), Graessner (B), Schreiber (K)
Mit Schlootz, v. Hugo, Müller-Becker,Stockhaus, Wiegard

Fleißer, DER STARKE STAMM
Schein (R), Heyne (B/K)
Mit Baumann, Werner, Anschütz, Hoffmann, Kurth, Stetter

Borchert, DRAUSSEN VOR DER TÜR
Huhn (R), Graessner (B), Kreischer (K)
Mit Réti, Schneider, Stremler, Hildebrandt, Hosfeld, Kukulies, Teuber

Mülller, DIE HAMLETMASCHINE
Hawemann (R), Riedel (B/K)
Mit Eichel, Kuchenbuch

Brinkmann, WESTWÄRTS (Gedichte)
Ritter (R)
Mit Klammer

Goethe, DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER
Bosse (R), Laimé (B), Plath (K)
Mit Haberlandt, Kukulies, Löw

Fassbinder, MUTTER KÜSTERS FAHRT ZUM HIMMEL (UA)
Senst (R), Kannapee (B/K)
Mit Eichel, Reinecke, Stremler, Anschütz, Lambrecht, Teuber

Schleef, DAS HAUS (UA)
Petras (R), Riedel (B/K)
Mit Leupold sowie Musikern der UdK

Premiere am 29. September 2006 in allen tatsächlichen und improvisierten Spielstätten im und um das Maxim-Gorki-Theater Berlin

Nächste Vorstellungen am 30. 9. sowie am 2. und 22. 10. 2006

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de






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