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Feuilleton


Theaterkapelle Berlin, 24. November 2006

SCHNEE. WEISSES. LICHT.


Geschichte vom Mädchen mit den Schwefelhölzern

Ein vernachlässigtes kleines Dänending wird von den leibhaftigen Eltern zu Silvester aus dem Haus getrieben, dass es draußen Schwefelhölzer gegen Schillinge eintauscht. So das Geschäftsgebaren seines Vaters. Auch die Mutter, statt dem unsinnigen Treiben Einhalt zu gebieten, fügt sich diesem profitären Zwang. Zudem es draußen angefangen hat zu schneien und seit Tagen bitterkalt ist und das Einzelkind nicht einmal eine Kopfbedeckung aufzuweisen hat; seine Pantoffeln, die ihm ohnehin zu groß sind, hat es überdies verloren. Sagen wir es so: Ein interfamiliärer Mordanschlag gegen das ungeliebte Eigen-Fleisch-und-Blut ist hier und jetzt im Gang. Es kommt was kommen muss. Kein Kunde weit und breit. Die Obdachhabenden sind in den eigenen vier Wänden eingeschanzt, sie haben sich zu Festmahlen mit Gänsebrust, Rotkraut und grünem Kloß versammelt, und sie packen voreinander die Geschenke aus. Was kümmert es die Dänen, noch dazu Silvester, dass dann auf der Straße unter ihnen Schrecklichmerkwürdiges fortgeschieht... Drei Schwefelhölzer brennt das Dänenmädchen nacheinander ab. Von Mal zu Mal ergeht es sich, zunehmend hirnkristallisiert, in wunderbarsten Tagträumen; am Schluss lässt es sich, gänzlich hirntod, von der liebreizenden Menschenseele seiner Großmutter (die es als Einzige auf dieser kalten Welt geliebt hatte) ins hohe Sternenmeer bei minus 90.000 Grad "hinaufentführen" . . .


Karsten Troyke ist Erfrierender und Kerstin Reimann als Der Andere in Kowallik\'s Collage, die da heißt \"SCHNEE. WEISSES. LICHT.\" - Foto (C) Frank Kowallik


Warum kommt mir bloß der Andersen während und nach "SCHNEE. WEISSES. LICHT." - Irina Kowallik stellte den Abend unter der Bezugnahme diversester Versatzstücke nach Arp und Borchert und Bukowski und I. Müller usw. usf. zusammen - in den Sinn? Wahrscheinlich um das mehr Zersplatternde der aufgezeigten und gesprochenen "Geschehnisse" um den in diesem Stückwerk handelnden/behandelten Erfrierenden rücklichtern sinnlich-sinnstiftend werden zu lassen. Ansatzmäßig ist die Angelegenheit, um die es Kowallik zu gehen schien, im akzeptabelen Bereich: Ein Obdachloser liegt im Schnee, es schneit und schneit und schneit..., die weißlichtige Agonie erzeugt (durch surreales Schnipseln und Hinzunahme einer als Anderer verwendeten Bezugsperson) bebilderte, beschrittene Geschichten des Erfrierenden/Erfrorenen. Für mich am Schluss: Er könnte auch vielleicht der "späte" Vater meiner Dänin à la Andersen gewesen sein; er hätte dann, rein theoretisch-nachgereicht, seinen Geschichtenlauf quasi von A bis Z gehabt... rein theoretisch, wie gesagt.
Ganz unabhängig von dem Obigen hat Regisseurin Kowallik mit Karsten Troyke einen fulminanten Mimen aufgegriffen!! Denn sein fakirbrettig (und nicht nur seiner Erkältung zuzuschuldendes) rauhreifig anmutendes Timbre klingt sehr lang und anhaltender Weise nach. Er hat ein sehr markantes und durchwittertes Gesicht. Die Augen fangen unvermittelt an zu tränen (scheinbar wieder wegen der Erkältung, auch). Und wie er liegend da zu singen ansetzte: Da fror es mich!


Andre Sokolowski - red / 25. November 2006
ID 2816
SCHNEE. WEISSES. LICHT.

Idee/Regie/ Konzept: Irina Kowallik
Photodesign/Specialeffects: Frank Kowallik
Kostüme: Sybille Hahn
Lichttechnik: Sven Pöätsch
Soundmix: Karsten Troyke

Es spielen: Karsten Troyke (Erfrierender) und Kerstin Reimann (Der Andere)

Uraufführung am 7. November 2006 in der Theaterbar Berlin

Weitere Aufführungen: 8., 10., 11. sowie 23. bis 25. 11. 06 (in der Theaterkapelle Berlin)

www.theaterbar.de

Weitere Infos siehe auch: http://www.theaterkapelle.de





 
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