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Feuilleton


18./19. Mai 2008 - Jüdisches Gemeindehaus / Theatertreffen / Staatsballett Berlin

Gantralyan, Marthaler, Malakhov u. a.



Plakat zum Liederproramm von und mit Stepan Gantralyan im Jüdischen Gemeindehaus Berlin

Rosinenpicken (31 / 32 / 33)


Ich war zum ersten Mal im Jüdischen Gemeindehaus Berlin, das steht in Nähe S-Bahnhof Zoologischer Garten. Stepan Gantralyan, ein seit paar Jahren hier in Deutschland arbeitender armenischer Multikünstler, dem ich menschlich zugetan bin, lud mich ein; er gab dort - seine Zuhörer waren ein Kreis von in Berlin lebenden und aus der vormaligen Sowjetunion stammenden Juden - ein Programm mit vollblutigen russischen Romanzen und zwei selbst gedichteten und komponierten Liedern. Außerdem sang er mit seiner Schauspielerkollegin Ariella Hirshfeld zwei ans Herz gehende Weisen... eine hieß "Latet", und es ging hier um das so schöne und so unendliche Thema Liebe, insbesondere ums (Liebe-)Nehmen, (Liebe-)Geben, und die beiden teilten - selbst wenn man ihr auf Hebräisch Vorgetragenes nicht übersetzen hätte können, weil man kein Hebräisch kann - die Rollen eineindeutig unter sich: sie gab den Part der Liebe-Gebenden; er musste sich den Part des Liebe-Nehmenden "gefallen" lassen; beide, sie dann sicher mehr als er, taten sich dann, und sehr gewiss, ins Stammbuch schreiben, dass es immer gut und schön und viel viel besser, für die Liebe, ist und wäre, wenn dann beides halt, Geben & Nehmen, stimmte... / Enthusiastische Begeisterung der Anwesenden!


Es geht ziemlich eng zu in der Berggondel vom PLATZ MANGEL des Christoph Marthaler - Foto (C) Dorothea Wimmer

Das Theatertreffen 2008 setzte mit Christoph Marthalers PLATZ MANGEL seinen diesjährigen und nicht minder launigen Finalpunkt. (Die Gesamtauswahl war, so wie meistens, nach den Mündern und Geschmäcken eines gut durchwachsnen bürgerlichen Publikums, als welches sich - Haupteinwand - die an selbstgefällig-biedermeierischer Unbedarftigkeit agiert habenden Fachjuroren "undidaktischer" denn je begriffen haben wollten.) Halt ein Fest des Schauspiels und der Schauspieler; dagegen wiederum ist nichts zu sagen. Und obgleich... sogar vom guten alten Marthaler hatte man hier und anderswo schon Besseres, Gewichtigeres, Komischeres dargebracht gesehen als wie jetzt: In einer Art von Berghof-Sanatorium hat sich eine einklassige Klientel von gut betuchten Kurgästen, die sich nach den Methoden eines sie um ihr Vermögen geprellt habenden pseudolitischen "Konsortiums" behandeln lassen will, versammelt, und es geht jedoch, in erster Linie, lediglich ums Fettabsaugen oder so. Dann sollen sie noch irgendwelche Zu-Versicherungen unterschreiben usf. Alles nicht 100pro-mäßiger Weise einleuchtend, Logik einer besondren Art. // Was einem dennoch immer wieder in der Nähe Marthalers verweilen lässt: Die Adaptionen musikalisch vorgegebner Themen durch sein eigespieltes Team... ob es der Schlusssatz aus der Vierten Sinfonie von Mahler oder Bachs Choral "O große Lieb" oder die leichtfüßigen Unsinne von Modern Talking seien; was hieraus gemacht wurde, ja und vor allem wie, ist hochartifiziell und beispiellos!!


Fotomontage mit Vladimir Malakhov zu WITH/OUT TUTU beim Staatsballett Berlin - Foto (C) E. Nawrath

Vom Staatsballett Berlin gibt es, nachdem es die zu Ende gehende Saison hauptsächlich "klassisch" absolvieren tat, drei gute Teilnachrichten zu vermelden: In WITH/OUT TUTU - was ungefähr so viel dann heißen soll: wir tanzen zwar meist "klassisch", aber anders können wir mitunter auch - gibt es drei zeitgenössisch anmutende Stücke zu bewundern. In dem ersten (Forsythe) kann man eine bestgelaunte, sich bis an die Ränder der Erschöpfung gebende fünfköpfige Elite, unter anderem mit Malakhov höchstselbst, nach Schuberts Schlusssatz aus der großen C-Dur-Sinfonie, verausgaben und freuen sehen. In dem zweiten (Gates) liefern sich fleißig eingeübte Liebespaare himmlisch-leichtens anzusehende Kontaktspielchen; hierzu müssen salonträchtige Klänge Fanny Mendelssohns und ihres Bruders Felix herhalten. Im dritten (Tippet) wird das ganze Staatsballett, hier allerdings dann wieder weniger "modern" als zu erwünscht gewesen wäre, auf das erste Bruch'sche Violinkonzert verpflichtet... /// Ungeahnter Jubel eines dem Berliner Staatsballett so wohl gesonnenem und fachkundigem Publikums!!!


18. Mai 2008, Jüdisches Gemeindehaus Berlin

LATET
Jüdische, russische und armenische Lieder
mit Stepan Gantralyan und Ariella Hirshfeld
sowie Vincent Julien Piot (Klavier)
http://www.stepanart.de


18. Mai 2008, Haus der Berliner Festspiele

PLATZ MANGEL
Ein Proekt von Christoph Marthaler
Regie: Christoph Marthaler
Ausstattung: Frieda Schneider / Sarah Schittek
Musikalische Leitung: Christoph Homberger
Mit: Catriona Guggenbühl, Katja Kolm, Bettina Stucky, Raphael Clamer, Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Bernhard Landau, Josef Ostendorf und Clemens Sienknecht
Rote Fabrik Zürich / dieproduktion gmbh
http://www.berliner-festspiele.de


19. Mai 2008, Deutsche Staatsoper Berlin

WITH/OUT TUTU
Choreographien von William Forsythe, Clark Tippet und Jodie Gates.
Musikalische Leitung: Vello Pähn
Klavier: Gabriele Kupfernagel
Violine: Wolf-Dieter Batzdorf
Staatskapelle Berlin
Solisten und Corps de ballet des Staatsballetts Berlin
http://www.staatsballett-berlin.de



Andre Sokolowski - red. / 21. Mai 2008 http://www.andre-sokolowski.de
ID 00000003842

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