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Rosinenpicken (182)

10. Juni 2012 - Gastspiel Schauspielhaus Zürich

FAUST 1-3 / FAUSTIN AND OUT

von Goethe / Jelinek (UA)


Frank Seppeler und Edgar Selge nehmen in Faust 1-3 / FaustIn and out des Schauspielhauses Zürich Sarah Hostettler (als Gretchen) in die Mitte - Foto (C) Toni Suter


Faust hin, Faust her

Seit Ulrich Khuon am DT der Boss ist, gibts zum Spielzeitende immer die AUTORENTHEATERTAGE BERLIN. Die sind ein treffliches Pendant zu dem zu einem lächerlichen Volksvergnügen verkommenen alljährlichen Theatertreffen geworden, denn sie geben (als einzige und ernst zu nehmende Veranstaltung) einen akuten Überblick, was derzeit NEU (heißt: NEUE STÜCKE) so im deutschsprachigen Raum geboten wird - es ist fürwahr nicht wenig; und obgleich es freilich "nur" dann eine Auswahl ist, bekommt man doch den Eindruck, dass sie stellvertretend dafür stehen könnte, dass dann überhaupt noch NEUE STÜCKE, die Theater freiwillig auch spielen [meine spielen sie zwar nicht; aber ich schicke ihnen auch seit Jahren keine weiter], existieren...

Habe mich jetzt für Faust 1-3 / FaustIn and out von Goethe/Jelinek entschieden! Das ist also meine kleine Auswahl zu dem aktuellen Jahrgang der Autorentheatertage. Das Doppelstück kam als Dušan David Pařízek-Produktion (Regie und Bühne, mit Kostümen von Kamila Polívková) vom Schauspielhaus Zürich gastspielweise ans DT.

* * *


Die beiden Fäuste Edgar Selge & Frank Seppeler verdeutlichen durch ihre parallelen Soloauftritte im Großen und im Ganzen, dass der Faust vom Goethe eigentlich ein typisch maskulines Männerstück(chen) ist. Allein die Kenntnisnahme der von den zwei Mimen komödiantisch aufgesagten und gespielten Hauptzitate aus dem bildungsbürgerlichen Faust-Fundus manifestiert diesen Verdacht doch ziemlich dick und fett - das Gretchen (wie die Argmissbrauchte schon dem Namen nach auf die verniedlichendste Weise klein und dumm gemacht wird) hat sein Menschendasein mit dem bloßen Aufgedecktsein durch den willentlichen Vergewaltiger gefristet, es darf also nur noch abwarten, bis es die Bühne baldigst dann wieder verlässt bzw. zu verlassen hätte. Sarah Hostettler, welche mit ihrem Gretchen am Spinnrad nicht nur musikalisch Eindruck machte, sollte außerdem und früher oder später in der Jelinek'schen Sicht der Dinge - wonach wohl vom Faust, wenn man von ihm all das, was "Mann" ist, subtrahieren würde, nicht viel übrig bliebe oder so - eine gewisse frauverteidigende Position beziehen; überdies und außerdem taten das dann ihre zwei Schauspielerkolleginnen Franziska Walser sowie Julia Kreusch (die für die kranke Miriam Maertens einsprang) auf das Bravouröseste.

Die Jelinek nennt ihren Diskussionsbeitrag zur Sachlage FaustIn and out! Der Text lässt sich von ihrer Homepage gratis runterladen - wenn er auf A4-Blätter gedruckt wird, kommen bis zu 60 Seiten dabei raus... Also ein Riesenbrocken Lesestoff ! Und Material (vermute ich) von mindestens drei oder vier Stunden gesprochner Zeit; falls man den Text nicht kürzt.

Jelinek sieht im Gretchen und in allen Frauen obendrein (so auch in den von ihr benannten FaustInnen und GeistInnen und GretInnen) das personifizierte Kusch- und Kuscheltier des Mannes. Am Fall Fritzl ["Josef Fritzl, * 9. April 1935 in Amstetten, ist ein rechtskräftig verurteilter österreichischer Straftäter, der seine Tochter rund 24 Jahre lang in einer unterirdischen Wohnung gefangen hielt. Während dieser Zeit vergewaltigte er seine Tochter vielfach und zeugte mit ihr insgesamt sieben Kinder. Drei dieser Kinder hielt er ebenfalls jahrelang unterirdisch gefangen." (Quelle: Wikipedia)] macht sie das auf eine nur für sie typische Zuspitzung und Krassheit allgemeingültig und dingfest. Aber das ist nur einer von weiteren Aspekten ihres neuerlichen Rundumschlags...

Geniestreichhaft lancierten Regisseur und Org.-Leute ein Viertel der Besucher vor Beginn der Vorstellung zu einer Nebenbühne außerhalb des Hauptsaales - im Hauptsaal wurde so das "Hauptstück" (Goethe), auf der Nebenbühne das von der Verfasserin als "Sekundärdrama" Klassifizierte (Jelinek) gespielt. Nach ca. einer Stunde hackte Edgar Selge auf der Hauptbühne ein Loch in deren Bühnenboden - - und herauf kam justament das eine Viertel Zuschauer, das man im Hauptsaal bis dahin, aufgrund entsprechend vieler freier Plätze, schon vermisste. Dieses eine Viertel hatte also längst den Jelinek'schen Sinn des GegenFaust in seiner ganzen Untiefe erkennen dürfen, während wir hier oben (= Hauptsaal) nur paar Jelinek-Zitate hingestreut bekamen.

Das war dann auch - leider - das bezeichnendste und unglücklichste Manko dieser anständigen Schweizer Produktion, dass Das, was sich als Jelinek'sche Uraufführung vorverkaufte, allenthalben ansatzweise (weil der Text, und wie gesagt, nur 10prozentig oder weniger zum Einsatz kam) geboten worden war.

Dennoch: Genial gespielt!




Das ist die besagte Szene aus Faust 1-3 / FaustIn and out, wo Edgar Selge in den Bühnenboden mit der Axt ein Loch hackt, woraus dann die Jelinek-Fans aus der Tiefe zu den Goethe-Fans nach oben steigen - Foto (C) Toni Suter


Andre Sokolowski - 11. Juni 2012
ID 00000006031
FAUST 1-3 / FAUSTIN AND OUT (Deutsches Theater Berlin, 10.06.2012)
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Musik: Roman Zach
Dramaturgie: Roland Koberg
Besetzung:
Faust ... Edgar Selge
Faust ... Frank Seppeler
FaustIn ... Franziska Walser
GeistIn ... Julia Kreusch (für Miriam Maertens)
GretIn ... Sarah Hostettler
Uraufführung von Jelineks FaustIn and out war am 8. März 2012
Gastspiel des Schauspielhauses Zürich

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielhaus.ch


http://www.elfriedejelinek.com



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