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Feuilleton

3. Juli 2011, Schauspiel Köln / Kölner Philharmonie

KEINER WEISS MEHR von Rolf Dieter Brinkmann / RAJZOK (ZEICHNUNGEN) von Márton Illés



So gehts zu in Brinkmanns KEINER WEISS MEHR im Schauspiel Köln - Foto (C) Sandra Then


Rosinenpicken (141 / 142)

Von Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975), dem 'führenden Underground-Lyriker Deutschlands in den 60er Jahren' (wie's bei Wikipedia heißt), soll folgende touristische Erwägung ausgegangen sein: "Köln ist die schmierigste Stadt, die ich kenne. Die schmierigste, versauteste, dreckigste, blödeste, verschissenste, verpinkeltste, stinkendste Stadt" - liest sich schon hart und passt gewiss in keinen einschlägigen Reiseführer. Aber welche biografisch abklopfbaren und/oder lebensstationsbedingterweise hassgetränkten Ausfälle verbaler Art passen auch schon in sowas... Jedenfalls verweilte Brinkmann, der in Vechta, einer oldenburgischen Provinz geboren wurde, elf Jahre in Köln (1962-73), bevor er zwei Jahre darauf in London starb; ein Auto überfuhr ihn da...

Das Schauspiel Köln hat sich jetzt, und nicht nur aus einer patriotischen Gesinnung raus, den sprachlich kaum zu übertreffenden und inhaltlich hochschönen Brinkmann'schen Roman KEINER WEISS MEHR, worin es eben auch um Köln und Kölner geht, zur Hand genommen und - als Uraufführung - eine 2stündige Stückfassung (Regie: Stefan Nagel / Bühne: Jens Kilian / Kostüme: Sebastian Ellrich) erstellt; und der Versuch glückte doch ungemein!

Es geht, vereinfacht ausgedrückt, um eine Vater-Mutter-Kind-Geschichte, wobei die Figur des Vaters (von dem Säugling) resp. die Figur des Manns der Frau ungleich gigantischer im Fokus des Erzählers resp. des Erzählten steht; kurzum: Was fange ich - als Dichter - mit dem mir zuteil gewordenen und (leider) unwegsprengbar'n familiären Anhang meiner selbst in Gegenwart und Zukunft an - - "Problem" der ganzen Chose nämlich ist die grauenhafte Enge, die sich freilich nicht allein aus den vier Wänden, die die Kleinstfamilie fallenhaft umgeben, identifiziert...

Geniale Schauspieler (Jennifer Frank, Orlando Klaus und Christoph Luser) installieren durch ihr Spiel ein zwingend-starkes Mit-dem-Publikum-Zusammensein - so zwingend stark, dass eine junge Zuschauerin (als sie, höchstwahrscheinlich, paar Passagen eines in dem Stück zu hörenden Abtreibungs-Textes nicht verkraftete) in der von uns besuchten Vorstellung ohnmächtig wurde und die Vorstellung für eine halbe Stunde unterbrochen werden musste - - ja und hoffentlich geht es ihr zwischenzeitlich wieder gut!



Das ist der junge ungarische Komponist Márton Illés- Foto (C) Károly Matusz


* * *


Am späten Nachmittag desgleichen Tages zeigten wir uns zusätzlich verblüfft darüber, was von 24 Streichern resp. ihren Instrumenten alles so zu hören war:

Es wurden RAJZOK (ZEICHNUNGEN) des ungarischen Komponisten Márton Illés durch das in der Kölner Philharmonie gastierende Kammerorchester München aufgeführt - und Alexander Liebreich, der der Dirigent der Aufführung gewesen war, erklärte seinen Zuhörern, was es so alles mit der sog. Skordatur (= Umstimmung) auf sich hat, denn alle Instrumente wurden vorher für das Werk, will sagen nach dem ausdrücklichen Willen Márton Illés', umgestimmt.

Wir lauschten also dem Erläuterten und machten uns nichts desto Trotz - also auch außerhalb unserer geistigen Beschäftigung mit jener sog. Skordatur - gewinnende Gedanken um das illustriert-illustrative Stück und seinen malerischen Schöpfer...

Vor wie nach dem Neuen klang noch Altes in dem Saal - von Pergolesi (s. u.).


Andre Sokolowski - 4. Juli 2011
ID 00000005277
RAJZOK von Márton Illés (Kölner Philharmonie, 03.07.2011)
Giovanni Battista Pergolesi: Nel chiuso centro -
Kantate für Sopran, zwei Violinen, Viola und Basso continuo
Márton Illés: Rajzok (Zeichnungen) für 24 Streicher
Mojca Erdmann, Sopran
Münchener Kammerorchester
Dirigent: Alexander Liebreich

KEINER WEISS MEHR von Rolf Dieter Brinkmann (Schauspiel Köln, 03.07.2011)
Regie: Stefan Nagel
Bühne: Jens Kilian
Kostüme: Sebastian Ellrich
Mit: Jennifer Frank, Orlando Klaus und Christoph Luser
Uraufführung war am 18. Juni 2011


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielkoeln.de


http://www.andre-sokolowski.de



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