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Premierenkritik

Herheims

Kitschbude



Können nicht nur blödeln, sondern auch singen: Brigitte Geller & Julia Giebel in dem von Konrad Junghänel einstudierten und geleiteten Xerxes an der Komischen Oper Berlin - Foto (C) Forster

Ich bin Ironiker und habe nachweislich Humor - doch was zu viel ist, ist zu viel:

Beim Xerxes (Inszenierung: Stefan Herheim) überkam mich gestern Abend nach und nach Augenverschlussdrang; dieses Alles konnte ich, beim besten Willen, kaum ertragen! Der seit Jahren unbegreiflich hochgehandelte Opernregie-Star hatte nunmehr - und am Gegenstand von Händels gar nicht mal so unoft hie und da heruntergenudeltem Dramma per musica in drei Akten - die Gelegenheit bekommen, seine sattsam-stets verkindlichende Puppenbühnensicht mit kindischstem Gebaren sowie einem Riesenpuppenbühnenzauber (Bühne: Heike Scheele) überschwänglich auszuleben. Und das Werk bot/bietet auch die dankbarste Voraussetzung hierfür, denn:

Seine Handlung (für "Uneingelesene" wie mich) ist blödsinnig; und keiner weiß so recht, wer was warum wieso mit wem zu tun hat... Also (was liegt näher?) blödelt und jongliert man freilich dann mit Diesem oder Jenem, was das Scheißlibretto herzugeben in der Lage ist - ja, das scheint sowieso der allernachvollziehbarste der Gründe, warum Regisseure solche unsäglichen Dinge des Barocks zur Sau zu machen sich im Redlichen und Unredlichen immer wieder tatkräftig bemühen... Aktuell versteifte man sich zu der Meinung, einen Zustand wie zur Ursprungszeit des Stückes baulich-szenisch vorgaukeln zu müssen, also wie und wo demnach Theater vor Jahrhunderten gemacht war(d) oder so - auch das scheint als Idee sehr faszinierend, und Fellini hätte hundert pro solch einen filmreifwürdigen Aspekt auf seine Weise ausgeschlachtet; doch bei Herheim/Scheele bleibt als Faszinierendstes gerade mal die großartig gebaute Drehbühne aus Holz und Pappe visuell in imposantester Erinnerung. Ein ausschließlich dem Kitsch bzw. Kitschabbild verpflichtetes und eingeschwor'nes Personal, was sich auf ihr entsprechend steif und ungelenk bewegt oder bewegen muss, hat einen lediglich verarscherischen Daseinsgrund, mehr nicht...



Hagen Matzeit (als Elviro) und paar Riesenschafe aus dem Berliner Xerxes von Stefan Herheim (Regie) - Foto (C) Forster

Der Untergang des Römischen Reiches - szenisch nachvollzogen in der großen Xerxes-Sause an der Komischen Oper Berlin - Foto (C) Forster

Großes Putten-Finale in der Kitschbude von Herheim (Xerxes mit Brigitte Geller, Karolina Gumos und den Chorsolisten der Komischen Oper Berlin) - Foto (C) Forster


Wenn da nicht wenigstens auch noch Musik wäre!

Und Händels Opern sind Musik - und was für welche!!

Konrad Junghänel - dem Hausorchester schon seit Langem als ein hochverlässlicher Alte-Musik-Partner verbunden und vertraut - hat diesen Xerxes musikalisch einstudiert und fröhlich-flott geleitet. Der Orchestergraben ist heraufgefahren worden; das Orchester der Komischen Oper (mit gastierenden "Spezial"-Musikern inkl. ihren alten Instrumenten) sitzt in Augenhöhe mit den äußerst üppig ausgestatteten (Kostüme von Gesine Völlm) Agierenden und spielt superb! Es ist vielleicht das einzige Berliner Opernhausorchester, das Alte Musik so richtig kann; aber das hat halt auch mit seinen jahre- und jahrzehntelangen Toperfahrungen auf dem Gebiet zu tun; und es vergeht natürlich keine Spielzeit, wo nicht wenigstens ein einziges barockes Werk im Repertoire der Komischen zu finden wäre.

Weshalb sich der Dirigent dann allerdings auf jene Hauptrollenbesetzung Xerxes' mit Stella Doufexis eingelassen hat, bleibt sein persönliches Geheimnis. Schon beim wunschkonzertmäßigen Auftrittshit "Ombra mai fu" (in dieser Inszenierung wird im Übrigen - und gegen alle Felsenstein'schen "Vorschriften" - teilweise Italienisch gesungen; dieser fremdsprachige Trend soll sich ab nächster Spielzeit gottlob fortsetzen) wird klar - sie kommt mit ihrem dünnen Mezzoalt nicht tief genug, sie packt keine Koloraturen: wenigstens ein Doppelgrund, sie besser nicht und nie für ihren Xerxes nominiert gehabt zu haben. Der Gerechtigkeit halber sei dick und deutlich vorgehoben, dass sie schon grandios(er) an dem Haus zu hören war, als Octavian im Rosenkavalier oder als Hamlet in der gleichnamigen Jost-Oper zum Beispiel.

Zu den leicht hervorhebbareren Gesangsleistungen zählen allenthalben der Amastris Katarina Bradics und der zwischen hodenlos und hodenhabsam alternierende Elviro Hagen Matzeits.

Doch das Stärkste war'n Brigitte Geller / Julia Giebel, die sich gegenseitig als Romilda / Atalanta wahre Überbietungskämpfe ihrer doppelt gut und gern zu hörenden Soprane lieferten!!

Der potenzielle Schwiegermütter-Club spendete reichlich-unkritisch Applaus zur neuen Herheim-Muttertagspremiere.


Andre Sokolowski - 14. Mai 2012
ID 5947
XERXES (Komische Oper Berlin, 13.05.2012)
Musikalische Leitung: Konrad Junghänel
Inszenierung: Stefan Herheim
Bühnenbild: Heike Scheele
Kostüme: Gesine Völlm
Dramaturgie: Alexander Meier-Dörzenbach und Ingo Gerlach
Chöre: André Kellinghaus
Licht: Franck Evin
Besetzung:
Xerxes ... Stella Doufexis
Arsamenes ... Karolina Gumos
Amastris ... Katarina Bradic
Romilda ... Brigitte Geller
Atalanta ... Julia Giebel
Ariodates ... Dimitry Ivashchenko
Elviro ... Hagen Matzeit
Chor und Orchester der Komischen Oper Berlin
Premiere an der Komischen Oper Berlin: 13. Mai 2012
Weitere Termine: 17., 19., 23., 24., 27. 5. / 15., 21., 27. 6. / 5. 7. 2012
Eine Koproduktion der Komischen Oper Berlin und der Deutschen Oper am Rhein

Weitere Infos siehe auch: http://www.komische-oper-berlin.de


http://www.andre-sokolowski.de



 
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