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Premierenkritik

24. September 2011 - Maxim Gorki Theater

DIE WOHLGESINNTEN



DIE WOHLGESINNTEN am Berliner Maxim Gorki Theater - Foto (C) Bettina Stöß


6 Schauspieler durchwaten einen

Tausendseiter

Als Die Wohlgesinnten ihre deutsche Leserschaft erreichten, war das ein sehr ehrgeiziges und geschäftstüchtiges Hauptverdienst nicht nur des Littell-Übersetzers Hainer Kober, sondern des Berlin Verlages insgesamt; der sicherte sich nämlich sehr vorausschauend die deutschsprachigen Rechte - und so startete der Kloben (1.400 Seiten!) mit einer Auflage von 120.000 Stück. Das war vor ungefähr drei Jahren.

Jonathan Littell (34) hatte fünf Jahre für seine Wohlgesinnten recherchiert und sie in nicht mal einem halben Jahr, und auf Französisch, heruntergeschrieben.

Genial!

Das Buch kursiert seither als sog. Tatsachenroman, was so jedoch nicht ein-eindeutig stimmt, denn: Die Romanhandlung der Hauptperson ist frei erfunden; "nur" das Drum-Herum-Geschehen ist real, und weil es sich bei ihm, also dem Drum-Herum-Geschehen, um den Holocaust-Stoff handelt - und der findet in dem Buch auf eine bis dahin so nicht/noch nicht durch Sprache wahrheitlich gemachte Art und Weise statt - , ist es (völlig zurecht!!) berühmt geworden.

Natürlich schieden sich die Geister; und die Einen fanden so die Littell'sche Vermischung und Verschachtelung von Dichtung/Wahrheit singulär und epochal - die Anderen ereiferten sich ob des Sexuell-Sadistischen in seiner Schreibe. Und an Beidem ist selbstredend etwas dran:

Die maskuline Hauptgestalt des Buches krankt dann eigentlich zuallererst an ihrer unerfüllt geblieb'nen Liebe zu der Zwillingsschwester. Außerdem kommt eine komplizierte Mutter-Sohn-Beziehung in die Vor- und Nachgeschichte; und die Mutter (ähnlich der antiken Klytaimestra) brennt mit einem neuen Mann, nachdem sie ihren alten Mann für tot erklärte, durch; und justament rächt sich der leibhaftige Sohn (ähnlich Orest) und schlachtet sie dann später, irgendwann, dahin... Dazwischen allerdings - das könnte freilich auch als Sublimierungswille volkstümlich interpretierbar sein - gerät dieses Privat-Opfer, im Mäntelchen des "ganz normalen" Zeitzeugen sowie SS-Administranten, in die Hölle schlechterdings.

Und insbesondere die nüchtern-sachlichen, beinahe schon protokollarisch aufgezeichneten Begebenheiten um die Schoah im Konkreten schnür'n beim Lesen sicher nicht bloß mir die Kehle zu und lähmen das Gemüt - beim Hören jener Texte, und durch Andere gelesen und gesprochen statt durch mich, wird diese Wirkung selbstverständlich noch bedrohlicher, schockierender und ungeheuerlicher...



Foto (C) Bettina Stöß

Foto (C) Bettina Stöß

Foto (C) Bettina Stöß


Ausgerechnet das macht dann den langen Abend sehr (erwartungsmäßig) suggestiv, und das bereitet ihm am Ende aber auch den Garaus:

Nein, aus einem Tausendseiter lässt sich nun mal schlecht und schwer nur so "zur Probe" Einiges herauspicken.

Ja und das Eine trägt halt schwerer als das Andere, und wieder Anderes (aus dem Zitierten) wirkt halt ausgesprochen schlecht auf dem Theater.

Armin Petras hat mit den 6 Schauspielern (Cristin König, Anja Schneider, Aenne Schwarz, Peter Kurth, Thomas Lawinky, Max Simonischek) und der Cellistin Anne-Christin Schwarz eine Performance installiert. Das Bühnenbild von Olaf Altmann ist ein sich herab sowie hinauf senkender Riesenspiegel, wo wir (Deutschen) uns als Täter wieder finden soll(t)en...

Sinngemäß gibt es da einen ganz bestimmten Satz des Abends, der das Alles auf den Punkt bringt: Dass wir (Deutschen) niemals je 'nen Menschen töten würden - oder besser noch: Dass wir (Deutschen) HOFFEN, niemals je 'nen Menschen töten zu wollen. Oder so.

Aber so ist es wohl mit dieser Bestie Mensch.


Andre Sokolowski - 25. September 2011
ID 00000005401
DIE WOHLGESINNTEN (Maxim Gorki Theater, 24.09.2011)
Regie: Armin Petras
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Karoline Bierner
Musik: Sebastian Vogel und Thomas Kürstner
Dramaturgie: Jens Groß
Mit: Cristin König, Anja Schneider, Aenne Schwarz, Peter Kurth, Thomas Lawinky und Max Simonischek
Premiere war am 24. September 2011
Weitere Termine: 29. 9. / 7., 15., 21. 10. / 26. 11. 2011
(Einführungen je 18:45 Uhr)


Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de


http://www.andre-sokolowski.de



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