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Besprechung


21. September 2012, Premiere an der Bühne der Kulturen Köln

WAS IHR WOLLT

von William Shakespeare


Szene aus Shakespeares Was ihr wollt - Foto © 2012 buehnederkulturen.de


Am Anfang ist das Chaos, und die Bühne ist wüst und wirr. Noch während sich die Zuschauerreihen in der Ehrenfelder Bühne der Kulturen füllen, herrscht auf der Bühne hektisches Treiben. Die anstehende Aufführung droht zu platzen, sind doch anscheinend weder Bühne noch Kostüme oder Technik parat. Für die Rolle der Viola treten gleich zwei Schauspielerinnen an; das Desaster scheint perfekt.

„Dann spielen wir eben Was Ihr Wollt, kalauert Silvia Berens alias Gräfin Olivia, an deren Hof und um deren Person sich nun eine Reihe von romantischen, heiter bis melancholischen Verwechslungen entspinnt. Die augenzwinkendernde Selbstreflexion des Schauspielensembles SpielVergnügen! zu Beginn hat der Zuschauer natürlich schnell entlarvt. Doch das Spiel mit dem Spiel ist auch eine geschickte Vorausdeutung auf das aberwitzige Beziehungsgewirr in Shakespeares vielleicht beliebtester Komödie, hier unter der Regie von Siegfried Bast.

Orsino (Alexander Weber), Herzog von Illyrien, ist unglücklich in die um ihren Bruder trauernde Olivia verliebt. Sein penetrantes Werben wird ihr weit weniger lästig, als sie Orsinos neuem „Dienstboten“ Cesario verfällt. Dumm nur, dass diese in Wirklichkeit Viola heißt und ihrerseits Gefühle für Orsino hegt. Die Verwicklungen erreichen scheinbar ihren Höhepunkt, als Violas totgeglaubter Bruder auftaucht, wäre da nicht auch noch Malvolio, Haushofmeister und heimlicher Verehrer der Gräfin. Der Spaßverderber vom Dienst wird Opfer eines so perfiden wie urkomischen Racheplans zweier trinkfreudiger Junker. Mit die stärksten Auftritte haben in Basts Inszenierung Claudia Hesse als deren Komplizin Maria sowie Otto Oetz in der Rolle des blitzgescheiten Narren.

Wie bereits vor vier Jahrhunderten küsst und schlägt man sich, liefert sich scharfe Wort- und armselige Fechtduelle. Nicht zuletzt liebt und betrinkt man sich maßlos. Auf neu getrimmt werden muss nichts, das Verwirrspiel um Geschlecht und Identität trifft damals wie heute den Nerv des Publikums. Frische, mitunter hinreißende Ideen dürfen das Stück nichtsdestotrotz aufpeppen, etwa wenn das Bühnengeschehen von den jeweils pausierenden Akteuren aus dem Off lakonisch kommentiert wird – das Off meint in diesem Fall drei den Wänden des Bühnenraums zugewandte Klappstuhlreihen. Oder wenn von dort selbstproduzierte Geräusche (Wellengang, sarkastisches Vogelzwitschern…) erklingen, die den alten Kassettenrekorder überflüssig machen. Eine aufwändige Produktion vermisst man ohnehin nicht; man wurde ja vorgewarnt.

Die Shakespeare'schen Verse kollidieren bisweilen mit flapsigen Hinzudichtungen, ohne dass es stört, und auch sonst wird Shakespeares Komödienklassiker recht unorthodox, wenn auch nicht respektlos bearbeitet. Vor allem werden die ernsten Momente des Stücks, von den eingeflochtenen Traumsequenzen im dunkelbunt ausgeleuchteten Raum einmal abgesehen, überraschend subtil zwischen die humorvollen Szenen geschaltet. Malvolio (großartig wandelbar: Markus Sauer) und Viola (hier: Alexandra Kurth-Schiffbauer) besingen die leise Tragik der unerwiderten Liebe in einem so gar nicht banalen Liedchen, und in den Augenblicken kalauer- und ironiefreier Ruhe wirkt der Hofnarr mit seiner albernen Kappe fast schon weise.

Mit seinem doppelbödigem Witz und seiner Dynamik hält der Theaterabend nicht, was er anfangs „verspricht“. Was zunächst mit gewolltem Dilettantismus als Quasi-Burleske beginnt, Schlager-Nummern und Papierhüte inklusive, nimmt schließlich an Fahrt auf und steigert sich zu einem selbstironischen und schalkhaften Bäumchen-wechsle-dich-Spiel. Nicht jeder Einfall erschließt sich dem Zuschauer, der ohnehin gut damit zu tun hat, den Überblick über die diversen Liaisons und Verstrickungen nicht zu verlieren. Am Ende aber ist es gar nicht so wichtig, welche Rolle zum Beispiel der große Stofflöwe spielt oder weshalb der Clown sich nur mit einem Mini-Fahrrad fortbewegt. Basts Inszenierung erfindet Shakespeare nicht neu, entfaltet aber eine so charmante wie anarchische Aufgeräumtheit, die den Frust über das zerfahrene Chaos vergessen macht. Die Aufführung endet ebenso abrupt wie der Applaus, die Zuschauer aber wirken überwiegend glücklich. Was wollt ihr mehr.




© 2012 by buehnederkulturen.de


Jaleh Ojan - 26. September 2012
ID 6236
WAS IHR WOLLT (Bühne der Kulturen Köln, 21.09.2012)
Regie: Siegfried Bast
Es spielen: Silvia Berens, Thomas Dörfler, Ralf Hemecker, Claudia Hesse, Alexandra Kurth-Schiffbauer, Martina Lücke, Otto Oetz, Andreja Petek, Torsten Rheinschmitt, Markus Sauer, Alexander Weber
Premiere war am 21. September 2012
Nächster Termin: 18. 11. 2012
Eine Produktion von Das Ensemble SpielVergnügen!


Weitere Infos siehe auch: http://www.buehnederkulturen.de


Post an unsere Rezensentin Jaleh Ojan



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